Читать онлайн "Das Buch der Unruhe" автора Pessoa Fernando - RuLit - Страница 3

 
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All dies geschieht, und nichts von alledem sagt mir etwas, alles ist meinem Schicksal fremd und sogar dem Schicksal selbst – Unbewußtheit, Flüche ohne Sinn und Verstand, als werfe der Zufall Steine, Echos unbekannter Stimmen – kollektiver Salat des Lebens. (Veröffentlicht in der Zeitschrift Solução Editora 2 und 4, 1929)

4

… und bei der Erhabenheit all meiner Träume, Hilfsbuchhalter in Lissabon!

Doch der Gegensatz zerreibt mich nicht – er befreit mich; und die Ironie, die in ihm liegt, ist mein Lebenssaft. Was mich herabsetzen sollte, hisse ich als mein Banner; und das Lachen, mit dem ich über mich lachen sollte, ist ein Fanfarensignal, mit dem ich eine Morgenröte, in der ich mich selbst erfinde, erschaffe und grüße.

Die nächtliche Seligkeit, groß zu sein, ohne etwas zu sein! Die ernste Herrlichkeit des unbekannten Glanzes … Und mit einem Mal spüre ich die Erhabenheit des Mönchs in der Einsamkeit, des Eremiten in der Einöde, der weiß, daß Christus in den Steinen anwesend ist und in weltabgeschiedenen Höhlen.

Und an meinem Tisch in diesem absurden, schäbigen Zimmer schreibe ich namenloser kleiner Angestellter Worte, die die Rettung meiner Seele sind, und vergolde mich mit dem unmöglichen Sonnenuntergang über hohen, weiten, fernen Bergen, mit meiner Statue, dem Ersatz für die Freuden des Lebens, und meinem Ring des Verzichts, unerschütterliches Juwel ekstatischer Verachtung, an meinem Apostelfinger.

5

Vor mir, auf der Schräge des alten Schreibpults, liegen aufgeschlagen die beiden großen Seiten des schweren Hauptbuches, von dem ich mit müden Augen und einer noch müderen Seele aufblicke. Jenseits dieser Nichtigkeit reiht das Geschäft bis zur Rua dos Douradores die regelmäßigen Regale, die regelmäßigen Angestellten, die menschliche Ordnung und die Ruhe des Alltags. Das Geräusch des Vielfältigen brandet an die Fensterscheibe, und dieses vielfältige Geräusch ist ebenso alltäglich wie die Stille neben den Regalen.

Mit neuen Augen sehe ich die beiden weißen Seiten vor mir, in die meine sorgfältigen Zahlen die Bilanzen der Firma eingetragen haben. Und insgeheim lächelnd, denke ich, daß das Leben, das diese Seiten mit ihren Stoffbezeichnungen und Geldbeträgen beinhalten, mit ihren leeren Stellen und ihren mit dem Lineal und in Schönschrift ausgeführten Strichen auch die großen Seefahrer, die großen Heiligen, die Dichter aller Epochen mit einschließt, lauter Leute ohne Buchführung, die weitläufige, verstoßene Nachkommenschaft all derer, die den Wert der Welt ausmachen.

Wenn ich einen Stoff eintrage, von dem ich nicht weiß, wie er beschaffen ist, öffnen sich mir die Tore des Indus und Samarkands, und die Dichtung Persiens, die weder mit dem einen noch mit dem anderen Ort zu tun hat, ist mir mit ihren Vierzeilern, deren dritter Vers reimlos ist, eine ferne Stütze für meine Unruhe. Doch mir unterläuft kein Fehler, ich schreibe, addiere, die Buchhaltung wird fortgeführt und von einem Angestellten dieses Büros brav zum Abschluß gebracht. (Veröffentlicht in der Zeitschrift Solução Editora 4, 1929)

6

Ich habe so wenig vom Leben erbeten, und selbst dieses wenige hat das Leben mir versagt. Einen Streif Sonnenlicht, eine Zeit auf dem Land, ein bißchen Ruhe und einen Bissen Brot, daß mich die Erkenntnis meiner Existenz nicht zu sehr belaste, daß ich nichts von den anderen erwarte, noch sie von mir. Selbst dies wurde mir verweigert, so als verweigere jemand ein Almosen, nicht weil er kein gutes Herz hätte, sondern um den Mantel nicht aufknöpfen zu müssen.

Traurig schreibe ich in meinem stillen Zimmer, allein, wie ich immer gewesen bin, allein, wie ich immer sein werde. Und ich frage mich, ob meine offenbar so unbedeutende Stimme nicht die Substanz Tausender Stimmen verkörpert, den Hunger Tausender Leben, sich mitzuteilen, die Geduld von Millionen Seelen, wie die meine dem alltäglichen Schicksal unterworfen, dem unnützen Traum, der aussichtslosen Hoffnung. In solchen Augenblicken schlägt mein Herz schneller, denn ich bin mir seiner bewußt. Ich lebe mehr, denn ich lebe größer. Ich spüre in meiner Person eine religiöse Kraft, eine Art Gebet, etwas, das einer Wehklage gleicht. Doch der Widerspruch steigt herab aus meinem Verstand … Ich sehe mich im vierten Stock in der Rua dos Douradores, bin müde bei mir und nicht bei mir; betrachte auf dem halbbeschriebenen Blatt das Leben ohne Fülle und Schönheit und den schlechten, aber erschwinglichen Zigarettentabak auf dem fleckigen Löschpapier. Ich hier, in diesem vierten Stock, und das Leben befragen!, sagen, was die Seelen der anderen fühlen!, Prosa schreiben wie Genies und Berühmtheiten! Ich, hier – so! …

7

Heute habe ich mir während einer jener plan- und würdelosen Träumereien, die einen Großteil der geistigen Substanz meines Lebens ausmachen, vorgestellt, ich sei für immer frei von der Rua dos Douradores, von Chef Vasques, von Buchhalter Moreira, von allen Angestellten, von dem Dienstmann, dem Laufburschen und der Katze. Ich erfuhr im Traum meine Befreiung, als hätten sich mir südliche Meere mit wunderbaren Inseln zur Entdeckung dargeboten. Die Erholung schlechthin, die künstlerische Vollendung, die geistige Erfüllung meines Seins!

Aber, während ich mir dies in meiner bescheidenen Mittagspause im Kaffeehaus vorstellte, trübte mit einem Mal ein unangenehmes Gefühl diesen Traum: Ich spürte, daß es mir schwerfiele. Ja, ich sage das, als befände ich mich tatsächlich in dieser Situation: Es fiele mir schwer. Chef Vasques, Buchhalter Moreira, Kassierer Borges, all diese braven Kerle, der vergnügte Laufbursche, der die Briefe auf die Post bringt, der dienstbare Gehilfe, die anschmiegsame Katze – sie alle sind Bestandteil meines Lebens geworden; ich könnte all dies nicht mehr ohne Tränen verlassen, ohne die Einsicht, daß ein Teil von mir, ob ich es wollte oder nicht, bei ihnen allen zurückbliebe, daß eine Trennung von ihnen einem halben Tod gleichkäme.

Angenommen, ich sagte wirklich morgen allen Lebewohl und legte meine Rua-dos-Douradores-Gewandung ab, was täte ich dann? Denn etwas anderes müßte ich doch tun? Was für ein anderes Gewand legte ich mir zu? Denn ich müßte mir doch wohl ein anderes zulegen?

Wir alle haben einen Chef Vasques; für die einen ist er sichtbar, für die anderen unsichtbar. Für mich heißt er wirklich Vasques und ist ein gesunder, umgänglicher Mann, der dann und wann barsch, aber nie nachtragend ist, auf seinen Vorteil bedacht, aber im Grunde gerecht – mit einem Sinn für Gerechtigkeit, wie er vielen großen Genies und vielen wunderbaren menschlichen Zivilisationsprodukten, rechten wie linken, abgeht. Für andere mag die Eitelkeit, das Verlangen nach größerem Reichtum, nach Ruhm, nach Unsterblichkeit beherrschend sein … Ich ziehe den Menschen Vasques vor, meinen Chef, der in schwierigen Stunden umgänglicher ist als alle abstrakten Chefs der Welt.

Ein Freund, Teilhaber einer Firma, die dank ihrer Geschäftsbeziehungen zu allen staatlichen Stellen floriert, sagte neulich zu mir, da er annahm, ich verdiente zuwenig: »Sie werden ausgebeutet, Soares.« Das rief mir in Erinnerung, daß dem so ist, da wir alle aber im Leben ausgebeutet werden müssen, frage ich mich, ob es nicht weniger schlimm ist, von Herrn Vasques, dem Tuchhändler, ausgebeutet zu werden als von Eitelkeit, Ruhm, Verachtung, Neid oder dem Unmöglichen.

     

 

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