Читать онлайн "Das Buch der Unruhe" автора Pessoa Fernando - RuLit - Страница 35

 
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Es ist Mittag, das Büro ist leer, ich lehne mich aus einem der Erkerfenster und sehe hinunter auf die Straße; gedankenverloren fühle ich mit den Augen ein Hin und Her von Leuten, ohne sie jedoch aus der Distanz meines Nachdenkens zu sehen. Ich schlafe auf den Ellenbogen, der Fenstersims schmerzt mich, ich weiß von nichts und spüre eine große Verheißung. Geistesabwesend nehme ich die stillstehende Straße voll gehender Menschen in all ihren Einzelheiten wahr: die auf dem Fuhrwerk gestapelten Kisten, die Säcke an der Tür des benachbarten Lagerhauses und, im entferntesten Schaufenster des Lebensmittelgeschäftes an der Ecke, die schimmernden Flaschen jenes Portweins, von dem ich mir vorstelle, daß niemand ihn sich leisten kann. Mein Geist entfernt sich von einer Hälfte der Materie. Ich forsche mit meiner Vorstellungskraft. Die Leute, die auf der Straße vorübergehen, sind stets die gleichen, die vor kurzem Vorübergegangenen, sind stets der fluktuierende Anblick von jemandem, bewegte Flecken, ungewisse Stimmen, Dinge, die vergehen und nie geschehen.

Alles mit dem Bewußtsein der Sinne aufzeichnen, noch bevor es durch die Sinne selber erfolgt … Die Möglichkeit anderer Dinge … Und plötzlich macht sich hinter mir im Büro die metaphysisch abrupte Ankunft des Dienstmanns bemerkbar. Ich spüre, daß ich ihn umbringen könnte, da er mich bei Gedanken unterbricht, die ich nicht gedacht habe. Ich drehe mich um und sehe ihn still und voller Haß an, höre im voraus, in der Anspannung eines latenten Mordes, die Stimme, mit der er mir irgend etwas Belangloses mitteilen wird. Er lächelt aus dem Hintergrund des Büroraums und wünscht mir laut einen guten Tag. Ich hasse ihn wie das Weltall. Die Lider sind mir gedankenschwer.

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Nach all den Regentagen holt der Himmel erneut sein Blau zurück aus dem Versteck in die hohen weiten Räume. Zwischen den Straßen, auf denen Pfützen schlafen wie ländliche Tümpel, und der klaren, kühlen Heiterkeit in den Lüften herrscht ein Gegensatz, der die schmutzigen Straßen angenehm und den winterlich banalen Himmel frühlingshaft erscheinen läßt. Es ist Sonntag, und ich habe nichts zu tun. Selbst das Träumen lockt mich nicht, so schön ist der Tag. Ich genieße ihn aufrichtig und mit all meinen Sinnen, denen sich mein Verstand ergibt. Ich gehe spazieren wie ein befreiter Kassierer. Ich fühle mich alt, nur um mich freudig jünger werden zu fühlen.

Auf dem großen sonntäglichen Platz herrscht die feierliche Stimmung einer anderen Art Tag. In der Kirche von Santo Domingo ist soeben eine Messe zu Ende gegangen, und gleich beginnt die nächste. Einige Leute kommen heraus, andere sind noch nicht hineingegangen, warten auf Leute, die nicht sehen, wer herauskommt.

Alle diese Dinge sind unwichtig. Sie sind, wie alles im normalen Leben, ein Schlaf der Geheimnisse und der Zinnen, von denen ich, wie ein Herold nach erfülltem Auftrag, hinab auf die weite Ebene meiner Betrachtungen blicke.

Früher, als Kind, besuchte ich die gleiche Messe oder vielleicht auch eine andere, aber es wird wohl diese gewesen sein. Pflichtbewußt zog ich meinen einzigen besseren Anzug an und genoß alles – selbst wenn es nichts zu genießen gab. Ich lebte äußerlich, und mein Anzug war sauber und neu. Was kann einer mehr verlangen, der an der Hand seiner Mutter geht, sterben muß und es nicht weiß?

Früher habe ich all dies genossen und verstehe deshalb vielleicht erst jetzt, wie sehr ich es genossen habe. Ich ging in die Messe wie in ein großes Geheimnis und aus ihr wie auf eine Lichtung. So war es wirklich und ist es wirklich noch immer. Nur ein Wesen, das nicht mehr glauben kann und erwachsen ist, mit einer Seele, die sich daran erinnert und weint, kennt Erfindung und Verstörung, Verwirrung und kalten Stein.

Jawohl, was ich bin, wäre unerträglich, könnte ich mich nicht erinnern, was ich war. Und all die fremden Menschen, die noch immer aus der Messe strömen, und all die möglichen Menschen, die sich für die nächste Messe einstellen, sind wie Schiffe, die auf einem trägen Fluß unter den geöffneten Fenstern meines Hauses am Ufer vorüberziehen.

Erinnerungen, Sonntage, Messen, Freude, gewesen zu sein, Wunder der Zeit, die blieb, da sie bereits vergangen war, und nie in Vergessenheit gerät, weil sie mein war … Absurde Diagonale gewöhnlicher Sinneswahrnehmungen, plötzliches Geräusch einer Droschke, deren Räder widerhallen im lärmenden Schweigen der Automobile, irgendwie besteht sie dank eines mütterlichen Paradoxons der Zeit heute hier fort zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich verlor, im zurückgewandten Blick dessen, der ich bin …

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Je höher ein Mensch aufsteigt, desto mehr muß er sich versagen. Auf dem Gipfel ist Platz nur für ihn allein. Je vollkommener er ist, desto mehr ist er er selbst; und je mehr er er selbst ist, desto weniger ist er ein anderer.

Diese Gedanken kamen mir, nachdem ich in einer Zeitung einen Artikel über das große vielfältige Leben eines berühmten Mannes gelesen hatte, eines amerikanischen Millionärs, der fast alles gewesen war. Was immer er erstrebt hatte, er hatte es erreicht – Geld, Liebschaften, Zuneigung, Hingabe, Reisen, Sammlungen. Geld vermag nicht alles, die persönliche Anziehungskraft hingegen, mittels derer man zu viel Geld kommen kann, vermag tatsächlich fast alles.

Als ich die Zeitung im Kaffeehaus auf den Tisch legte, dachte ich, daß der Handelsvertreter, den ich flüchtig kenne und der wie alle Tage auch heute hinten an einem Ecktisch zu Mittag ißt, innerhalb seiner Sphäre dasselbe von sich behaupten könnte. Alles, was der Millionär hatte, hat auch dieser Mann; in geringerem Maße, gewiß, doch seiner Statur entsprechend. Diese beiden Männer haben das gleiche erreicht, und auch in ihrem Bekanntheitsgrad stehen sie sich in nichts nach, denn auch hier sorgt das unterschiedliche Milieu für Gleichheit. Jeder auf der Welt kennt den Namen des amerikanischen Millionärs; aber auch in Lissabons Kaufmannschaft kennt jeder den Namen des Mannes, der hier zu Mittag ißt.

Diese Männer haben letztlich alles erreicht, was eine Hand erreichen kann, wenn man den Arm ausstreckt. Nur waren ihre Arme verschieden lang; in allem übrigen aber waren sie einander gleich. Ich habe es nie fertiggebracht, Menschen dieser Art zu beneiden. Ich war immer der Ansicht, es sei erstrebenswert, zu erreichen, was außerhalb jeder Reichweite liegt, zu leben, wo man nicht ist, und nach dem Tod lebendiger zu sein als im Leben, kurz, etwas Unmögliches zu erreichen, etwas Absurdes, die Wirklichkeit der Welt wie ein Hindernis überwinden zu können.

Sollte man mir je sagen, das Vergnügen fortzudauern, nachdem man aufgehört hat zu sein, sei null und nichtig, antwortete ich zuallererst, daß ich dies nicht weiß, da ich nicht wirklich weiß, wie es um das menschliche Überleben bestimmt ist; und als nächstes, daß die Freude am künftigen Ruhm eine gegenwärtige Freude ist, denn allein der Ruhm ist Zukunft. Zudem ist es eine stolze Freude, eine Freude, wie sie kein materieller Besitz zu schenken vermag. Dies mag illusorisch klingen, aber wie dem auch sei, diese Freude ist weit größer, als nur freudig zu genießen, was hier ist. Der amerikanische Millionär kann sich nicht vorstellen, daß die Nachwelt seine Gedichte würdigen wird, zumal er nicht eines geschrieben hat; der Lissabonner Handelsvertreter kann sich nicht vorstellen, daß die Nachwelt sich an seinen Bildern erbauen wird, da er nicht eines gemalt hat.

     

 

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