Читать онлайн "Das Buch der Unruhe" автора Pessoa Fernando - RuLit - Страница 4

 
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Manche beutet Gott selbst aus, sie sind die Propheten und Heiligen in der Leere dieser Welt.

Und ich ziehe mich – wie in ein Heim, das anderen gehört – in das fremde Haus, das weitläufige Büro in der Rua dos Douradores zurück. Ich lehne mich an meinen Schreibtisch wie an ein Bollwerk gegen das Leben. Ich empfinde Zärtlichkeit, bis hin zu Tränen, für meine Geschäftsbücher, in die ich schreibe, für das alte Tintenfaß, dessen ich mich bediene, für den gebeugten Rücken Sérgios, der ein Stück von mir entfernt Warenbegleitpapiere ausfertigt. Ich liebe all dies, vielleicht, weil ich sonst nichts zum Lieben habe – oder vielleicht auch deshalb, weil nichts die Liebe einer Seele wert ist und wir diese Liebe, sofern wir sie aus Sentimentalität dennoch geben wollen, ebensogut meinem kleinen Tintenfaß zuteil werden lassen können wie der großen Gleichgültigkeit der Sterne.

8

Chef Vasques. Oftmals stehe ich unerklärlicherweise im Bann von Chef Vasques. Was bedeutet mir dieser Mann, abgesehen davon, daß er mich gelegentlich daran hindert, zu den Tageszeiten meines Lebens Herr über meine Zeit zu sein? Er behandelt mich gut, er zeigt sich liebenswürdig, wenn er mit mir spricht, ausgenommen in den brüsken Augenblicken unbekannter Besorgnis, in denen er zu niemandem freundlich ist. Aber warum beschäftigt er mich? Ist er ein Symbol? Ist er ein Grund? Was ist er?

Chef Vasques. Ich erinnere mich seiner bereits in der Zukunft mit jener Sehnsucht, von der ich weiß, daß ich sie künftig empfinden werde. Ich werde friedlich in einer kleinen Wohnung, in der Umgebung von diesem oder jenem, eine Ruhe genießen, in der ich nicht zustande bringen werde, was ich auch heute nicht zustande bringe, und werde, um es weiterhin nicht zustande gebracht zu haben, nach anderen Ausreden suchen als jene, hinter denen ich mich heute verstecke. Oder aber ich bin in einem Armenhaus untergebracht, beglückt über meine endgültige Niederlage, dicht an dicht mit dem Auswurf all jener, die sich für Genies hielten und doch nur träumende Bettler waren, zusammen mit der namenlosen Schar derer, denen sowohl die Kraft zum Siegen fehlte als auch zum uneingeschränkten Verzicht, um kampflos zu siegen. Wo ich auch sein werde, ich werde Chef Vasques vermissen, das Büro in der Rua dos Douradores, und die Eintönigkeit des Alltags wird für mich wie die Erinnerung an all die Lieben sein, die mir nie zuteil wurden, oder an die Triumphe, die mir nicht vergönnt sein sollten.

Chef Vasques. Ich sehe ihn heute von dieser Zukunft aus, so wie ich ihn heute von hier aus sehe – mittelgroß, untersetzt, grob in Grenzen, mit Anwandlungen von Herzlichkeit, offen und verschmitzt, barsch und liebenswürdig – Chef, einmal abgesehen von seinem Geld, auch mit seinen behaarten, langsamen Händen, mit Adern wie kleine farbige Muskeln, einem fleischigen, aber nicht fetten Nacken, das Gesicht unter dem dunklen, allzeit frisch gestutzten Bart gerötet und zugleich angespannt. Ich sehe ihn, ich sehe seine Gesten, energisch und abgemessen, seine Augen, die innen äußere Dinge denken, ich bin so verstört wie bei den Gelegenheiten, bei denen ich ihm mißfalle und meine Seele sich über sein Lächeln freut; ein breites, menschliches Lächeln, wie der Beifall einer Menschenmenge.

Vielleicht weil ich in meiner Nähe keine überragendere Persönlichkeit kenne als Chef Vasques, beschäftigt diese im Grunde alltägliche, ja sogar gewöhnliche Gestalt häufig meine Gedanken und lenkt mich von mir selber ab. Ich glaube an Symbole. Ich glaube oder glaube fast, daß irgendwo in einem fernen Leben dieser Mann eine für mich bedeutsamere Rolle gespielt hat, als er sie heute spielt.

9

Ja, ich begreife! Chef Vasques ist das Leben. Das Leben, eintönig und notwendig, gebieterisch und unbekannt. Dieser banale Mensch verkörpert die Banalität des Lebens. Er ist alles für mich, von außen betrachtet, weil das Leben alles für mich ist, von außen betrachtet.

Und wenn das Büro in der Rua dos Douradores für mich das Leben verkörpert, so verkörpert mein zweites[5]   Stockwerk, in dem ich in eben dieser Rua dos Douradores wohne, für mich die Kunst. Jawohl, die Kunst, die in derselben Straße wohnt wie das Leben, jedoch an einem anderen Ort, die Kunst, die das Leben erleichtert, ohne daß es deshalb leichter würde zu leben, die so eintönig ist wie das Leben selbst, nur an einem anderen Ort. Jawohl, diese Rua dos Douradores umfaßt für mich den gesamten Sinn der Dinge, die Lösung aller Rätsel, abgesehen davon, daß manche Rätsel unlösbar sind.

10

Und so bin ich – ein belangloser, sensibler Mensch – fähig zu heftigen, verzehrenden Impulsen, bösen wie guten, edlen wie niedrigen, nie aber zu einem dauerhaften Gefühl, nie zu einer Emotion, die fortwirkte und in die Substanz der Seele einginge. Alles in mir neigt dazu, weiterzugehen und etwas anderes zu werden; es ist eine Ungeduld der Seele mit sich selbst wie mit einem lästigen Kind; eine wachsende, immer gleiche Unruhe. Alles fesselt mich und nichts hält mich. Ich achte auf alles und träume beständig; ich bemerke jedes noch so winzige Mienenspiel meines Gesprächspartners, nehme die kleinste Veränderung in seiner Stimme wahr, und während ich ihn höre, höre ich ihm nicht zu, sondern denke an etwas anderes, am allerwenigsten aber erinnere ich mich an das, was gesagt wurde, von mir und von ihm. So sage ich jemandem stets aufs neue, was ich ihm bereits mehrfach gesagt habe, oder stelle ihm eine Frage, die er mir bereits beantwortet hat; und doch kann ich mit vier photographischen Worten die Gesichtsmuskeln beschreiben, mit denen er mir sagte, woran ich mich nicht mehr erinnere, oder den Augenausdruck, mit dem er aufnahm, was ich mich nicht erinnern kann, ihm gesagt zu haben. Ich bin zwei, und beide halten Abstand – siamesische Zwillinge, die nicht miteinander verwachsen sind.

11

Litanei

Wir verwirklichen uns nie.

Wir sind zwei Abgründe – ein Brunnen, der in den Himmel schaut.

12

Ich beneide – bin mir aber dessen nicht wirklich sicher – all jene, über die man eine Biographie schreiben kann oder die ihre eigene Biographie schreiben können. Vermittels dieser Eindrücke ohne Zusammenhang und ohne den Wunsch nach Zusammenhang erzähle ich gleichmütig meine Autobiographie ohne Fakten, meine Geschichte ohne Leben. Es sind meine Bekenntnisse, und wenn ich in ihnen nichts aussage, so weil ich nichts zu sagen habe.

Was schon könnte man an Lohnenswertem oder Nützlichem bekennen? Was uns widerfahren ist, ist entweder allen widerfahren oder uns allein; in dem einen Fall ist es nichts Neues, im anderen unbegreiflich. Wenn ich schreibe, was ich empfinde, dann weil ich auf diese Weise das Fieber meines Empfindens senke. Was ich bekenne, ist nicht von Bedeutung, denn nichts ist von Bedeutung. Ich mache Landschaften aus dem, was ich empfinde. Mache Ferien von meinen Gefühlen. Ich begreife ohne weiteres, daß Frauen aus Kummer sticken und Strümpfe stricken, weil es Leben gibt. Meine alte Tante legte endlose Abende lang Patiencen. Meine Patiencen sind meine Gefühlsbekenntnisse. Ich deute sie nicht, wie jemand Karten legt, um sein Schicksal zu erfahren. Ich prüfe sie nicht, denn in den Patiencen besitzen die Karten keinen eigentlichen Wert. Ich wickle mich auf wie ein vielfarbiger Strang oder mache mich zu einem jener Fadenspiele, wie sie Kinder auf ihren gespreizten Fingern weben und von Hand zu Hand weiterreichen. Ich achte nur darauf, daß der Daumen nicht die ihm zugedachte Schlinge verfehlt. Dann drehe ich die Hände um, und das Muster verändert sich. Und ich beginne von vorn.

     

 

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