Читать онлайн "Das Buch der Unruhe" автора Pessoa Fernando - RuLit - Страница 9

 
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Und so sanft ist diese Wahrnehmung, die mich Soll und Haben entfremdet, daß ich, fragt man mich etwas, so sanft antworte, als wäre ich wirklich hohl, nur mehr die Schreibmaschine, die ich bei mir trage, so tragbar wie mein geöffnetes Ich. Nichts kann mich aufschrecken aus meinen Träumen: Sie sind so sanft, daß ich sie weiterträume hinter all dem Reden, Schreiben, Antworten und Unterhalten. Und durch all dies hindurch geht die verlorene Teestunde zu Ende, und das Büro schließt … Von dem Hauptbuch, das ich langsam zuklappe, sehe ich mit von unvergossenen Tränen müden Augen auf und nehme es mit gemischten Gefühlen hin, daß bei Büroschluß auch mein Traum schließt; daß ich mit der Handbewegung, mit der ich das Buch schließe, die unwiederbringliche Vergangenheit beschließe; daß ich hellwach in das Bett des Lebens steige, allein und ruhelos, in die Ebbe und Flut meines Bewußtseins, in dem sich wie zwei Gezeiten in der schwarzen Nacht am Ende des Schicksals meine Sehnsucht und meine Untröstlichkeit mischen.

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Bisweilen denke ich, ich werde die Rua dos Douradores nie verlassen. Und kaum habe ich dies niedergeschrieben, kommt es mir vor wie die Ewigkeit.

Nicht das Vergnügen, nicht der Ruhm, nicht die Macht: die Freiheit, einzig die Freiheit.

Von den Hirngespinsten des Glaubens überzulaufen zu den Gespenstern der Vernunft ist nur ein Gefängnistausch. Die Kunst, die uns von eingesessenen, veralteten Götzen befreit, befreit uns auch von großmütigen Ideen und sozialen Sorgen – anderen Götzen.

Seine Persönlichkeit verlieren, um sie zu finden – der Glaube selbst bürgt für diesen Sinn des Schicksals.

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… und eine tiefe, ekelerregende Verachtung für all jene, die für die Menschheit arbeiten, für all jene, die sich für das Vaterland schlagen und ihr Leben für den Fortbestand der Zivilisation geben …

… eine von Ekel erfüllte Verachtung für jene, die nicht erkennen, daß die einzige Wirklichkeit die eigene Seele ist und alles übrige – die Außenwelt und die anderen Menschen – ein unästhetischer Alp, hervorgerufen durch eine Verdauungsstörung des Geistes, wie sie sich in Träumen äußert.

Mein Widerwille gegen jede Anstrengung wird angesichts jeglicher Form unmäßiger Anstrengung zu einem fast gestikulierenden Entsetzen. Der Krieg, die produktive, entschlossene Arbeit, die Unterstützung anderer … all das scheint mir nur mehr das Produkt einer Schamlosigkeit zu sein, […]

Und angesichts der höchsten Wirklichkeit meiner Seele schmeckt mir alles Nützliche und Äußerliche, verglichen mit der unumschränkten, reinen Größe meiner lebendigsten und häufigsten Träume, frivol und banal. Sie sind für mich weit wirklicher.

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Nicht die schäbigen Wände meines gemieteten Zimmers, nicht die alten Schreibtische des Büros, in dem ich arbeite, nicht das Ärmliche der vertrauten Unterstadtstraßen dazwischen, so viele Male durchlaufen, daß sie mir schon im Unveränderlichen erstarrt zu sein scheinen – nicht sie sind die Ursache für den geistigen Ekel, der mich angesichts der Schäbigkeit des Alltagslebens so häufig befällt. Die Menschen, die mich gewöhnlich umgeben, die Seelen, die mich durch tagtägliches Zusammensein und Gespräche kennen, ohne mich zu kennen, sie verursachen jenen Speichelkloß physischen Ekels in meinem geistigen Hals. Die schäbige Monotonie ihres Lebens, dem äußeren Ablauf des meinen parallel, ihre feste Überzeugung, meinesgleichen zu sein, sie stecken mich in die Zwangsjacke, in die Zuchthauszelle, machen mich apokryph und zum Bettler.

In manchen Momenten interessiert mich jedes einzelne Merkmal des Gewöhnlichen um seinetwillen, und ich verspüre allem gegenüber das zärtliche Verlangen, alles klar und deutlich lesen zu können. Dann sehe ich – wie Vieira sagt, daß Sousa[9]   es nennt – »das Gewöhnliche in seiner Einzigartigkeit« und besitze jene dichterische Seele, mit der die Kritik der Griechen das intellektuelle Zeitalter der Dichtung bestimmte. Doch es gibt auch Momente wie diesen, der mich gerade bedrückt, in denen ich mich selbst deutlicher wahrnehme als äußere Dinge und sich mir alles in eine Nacht aus Schlamm und Regen verwandelt und ich verloren in der Einsamkeit einer abgelegenen Eisenbahnstation auf den nächsten Zug dritter Klasse warte.

Ja, meine heimliche Tugend, so oft wie möglich objektiv zu sein, um nicht über mich nachzudenken, kennt wie alle Tugenden und auch Laster Phasen des Niedergangs. Dann frage ich mich, wie ich es fertigbringe, weiterzuleben, woher ich die Feigheit nehme, hier, zwischen all diesen Leuten, zu bleiben, zu sein wie sie, mich tatsächlich abzufinden mit ihren Schrott-Illusionen. Und wie Blitze eines fernen Leuchtturms fallen mir Lösungen ein, die beweisen, daß die Phantasie eine Frau ist: Selbstmord, Flucht, Verzicht, die großen Gesten aristokratischer Individualität, der Mantel-und-Degen-Roman von Existenzen ohne Balkon.

Doch die ideale Julia der besseren Wirklichkeit hat dem fiktiven Romeo meines Blutes das hohe Fenster des literarischen Gesprächs vor der Nase zugeschlagen. Sie gehorcht ihrem Vater; er gehorcht seinem Vater. Der Streit der Montagues und der Capulets geht weiter; über dem Nichtgeschehenen geht der Vorhang nieder, und ich gehe zurück nach Hause – in mein Zimmer, zu seiner schmuddeligen Vermieterin, die nicht da ist, ihren Kindern, die ich nur selten zu Gesicht bekomme, und meinen Kollegen, die ich erst morgen wiedersehe – den Jackenkragen des kaufmännischen Angestellten wie selbstverständlich über den Hals des Dichters hochgeschlagen, der seine Stiefel immer im gleichen Geschäft kauft, automatisch den Pfützen des kalten Regens ausweicht und dessen Gefühle leicht gemischt sind, da er einmal mehr seinen Regenschirm und seine Seelenwürde vergessen hat.

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Schmerzhaftes Intervall

In die Ecke geworfenes Etwas, auf die Straße gefallener Lumpen, mein niederes Wesen verstellt sich vor dem Leben.

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Ich neide allen ihr Nicht-ich-Sein. Da mir von allen Unmöglichkeiten diese stets als die allerunmöglichste vorkam, wurde sie zu meiner täglichen Begierde, zu meiner Verzweiflung in allen traurigen Stunden.

Ein matter Schwall trüben Sonnenlichts brannte mir das physische Empfinden des Sehens in die Augen. Das Gelb der Hitze stand still vor dem Grün-Schwarz der Bäume. Reglosigkeit […]

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Mit einem Mal, als hätte mich die chirurgische Hand des Schicksals jählings erfolgreich von einer alten Blindheit befreit, sehe ich auf von meinem anonymen Leben zur klaren Erkenntnis meiner Existenz. Und ich sehe, daß alles, was ich tat und dachte, alles, was ich war, einer Täuschung gleichkommt, einem Wahnwitz. Ich bin verwundert, wie vieles nicht zu sehen mir gelang. Ich bin erstaunt, wie vieles ich war und wie ich nun sehe, was ich letztlich nicht bin.

Ich blicke auf mein vergangenes Leben wie auf ein weites Feld in der Sonne, wenn sie durch die Wolken bricht; und ich bemerke mit metaphysischem Staunen, daß mein bedachtestes Tun, meine klarsten Vorstellungen, meine logischsten Vorhaben letztlich nichts anderes waren als angeborene Trunkenheit, naturgegebene Narrheit und großes Unwissen. Ich habe nicht einmal geschauspielert. Ich war die Rolle, die gespielt wurde. Ich war nicht der Schauspieler, ich war sein Spiel.

     

 

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