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„Entschuldigen Sie tausendmal, daß ich so offen war, Sie darauf hinzuweisen .“ begann der Direktor verlegen.

„Nicht doch, nicht doch, Herr Hinkeldey! Wenn sich einer von uns beiden zu entschuldigen hat, dann doch ich! Entschuldigen Sie also - aber ich bin manchmal so zerstreut, daß ich Dinge einstecke, die mir überhaupt nicht gehören.“ Der Professor klopfte sich sorgfältig auf die Taschen. „Nanu, da steckt ja noch mehr!“ rief er verwundert und brachte einen Notizblock und einen Kugelschreiber zum Vorschein. „Womöglich ist auch dies Ihr Eigentum?“

„Ja natürlich!“ erklärte Herr Hinkeldey eifrig und nahm beides blitzartig an sich. „Ich konnte gar nicht begreifen, daß ich den Block nicht bei mir hatte.“ Dann wurde er still und nachdenklich, bis er endlich mißtrauisch fragte: „Haben Sie in Ihrer Zerstreutheit vielleicht auch meine Brieftasche eingesteckt?“

„Das wollen wir doch nicht hoffen!“ antwortete der Professor und tastete sich ab. „Oder ist sie das hier?“ Er schwenkte eine schwarze Tasche aus Saffianleder in der Linken.

„Jawohl!“ rief der Direktor, riß sie an sich und lief eilends zur Tür, als habe er Angst, die Tasche könne noch einmal verschwinden.

„Ist das Geld noch drin?“ fragte der Jokus belustigt.

„Ja!“

„Zählen Sie die Scheine lieber nach! Ich möchte nicht, daß Sie später behaupten, es hätte Geld gefehlt. Setzen Sie Ihre Hornbrille auf und zählen Sie genau nach!“

„Meine Brille? Die hab ich doch schon auf!“ sagte Herr Hinkeldey.

Erst als der Kleine Mann zu lachen begann und immer lauter und immer herzlicher lachte, wurde Hinkeldey stutzig, griff sich an die Nasenwurzel und ließ die Hand verdutzt sinken. „Wo ist sie denn plötzlich!“

„Tja, wo steckt man denn seine Brille hin, wenn man sie in Gedanken absetzt?“ fragte der Professor hilfreich. „Ich weiß so etwas leider nicht. Denn ich selber habe noch nie im Leben eine Brille getragen. Haben Sie sie im Futteral?“

Der Kleine Mann verschluckte sich fast vor Gelächter. „Hör auf, lieber Jokus!“ schrie er vor Wonne. „Ich kann nicht mehr! Ich kippe gleich vor Lachen aus deiner Brusttasche!“

Der Direktor schaute finster drein. „Was ist denn daran so komisch?“ knurrte er. Plötzlich ging ihm ein Licht auf: Seine Brille saß auf der Nase des Professors! Mit einem Satz stand er mitten im Zimmer, ergriff die Brille, sprang zur Tür zurück und stieß hervor: „Sie sind ja ein Teufelskerl!“

„Nein, ein Zauberkünstler, Herr Hinkeldey.“

Doch der Hoteldirektor ließ sich auf nichts mehr ein. Nicht einmal auf eine Unterhaltung. Er riß die Tür auf und machte sich aus dem Staube. (Obwohl in so gepflegten Hotels wie diesem gar kein Staub herumliegt.)

Nachdem sich Mäxchen von dem Spaß einigermaßen erholt hatte, sagte er bewundernd: „Der Herr Hinkeldey hat ganz recht. Du bist ein Teufelskerl! Dabei hab ich dir doch schon so oft im Zirkus zugeschaut, wenn du zwei oder sogar drei Leute aus dem Publikum zu dir holst und ihnen, ohne daß sie es merken, die Taschen ausräumst!“

„Man muß sich mit ihnen nur nett unterhalten“, meinte der Jokus. „Man muß ihnen gemütlich auf die Schulter klopfen. Man muß sie am Knopf fassen. Man muß tun, als ob man ihnen ein bißchen Tabak oder ein Fädchen vom Anzug bürstet. Alles andere ist gar nicht so schwierig, wenn man’s gelernt hat.“

„Und wie hast du’s gelernt? Und wo? Halte mich doch bitte mal an dein Ohr, ja? Ich muß dich ganz, ganz leise etwas fragen.“

Der Professor nahm den Kleinen Mann vorsichtig aus der Tasche und hielt ihn ans Ohr.

„Lieber Jokus“, flüsterte Mäxchen. „Du kannst es mir ruhig erzählen. Ich sage es bestimmt nicht weiter. Warst du vielleicht früher einmal ein - Taschendieb?“

„Nein“, antwortete der Professor leise. „Nein, mein Mäx-chen.“ Er lächelte und gab dem Kleinen einen Kuß auf die Nasenspitze, und das war gar nicht so einfach. „Ich war kein Taschendieb. Aber ich habe viele Taschendiebe - erwischt.“ „Oh!“

„Und deshalb mußte ich mindestens soviel lernen und können wie sie selber.“

„Ja, ja. Sicher. Aber für wen hast du sie erwischt?“

„Für die Polizei!“

„Donnerwetter!“

„Da staunst du, was? Ich wollte als junger Mann Detektiv werden oder Kriminalinspektor. Und später schrecklich berühmt.“

„Erzähl weiter!“ bettelte Mäxchen.

„Heute nicht. Vielleicht ein andermal. Heute erzähle ich dir etwas über die Schaufensterpuppe, die wir gekauft haben.“ „Die hätte ich beinahe vergessen!“

„Du wirst dich noch oft genug an sie erinnern“, meinte der Professor. „Denn wir haben sie ja deinetwegen gekauft.“ „Meinetwegen? Wieso?“

„Weil du doch unbedingt Artist werden willst.“

Der Kleine Mann staunte. „Dazu brauchen wir die große Puppe? Was für ein Artist soll ich denn werden, lieber Jokus?“ „Du wirst mein Zauberlehrling“, sagte der Zauberkünstler.

DAS SIEBENTE KAPITEL

Über Bäckerlehrlinge, Metzgerlehrlinge, Ananastörtchen und Zauberlehrlinge / Die Puppe heißt Waldemar Holzkopf / Der Jokus entwirft den Lehrplan, und der Kleine Mann erschrickt / Das Lied vom ,Leutnant Unsichtbar".

Der Kleine Mann war nun also Zauberlehrling, und das freute ihn natürlich sehr. Aber noch mehr hätte es ihn gefreut, wenn er gewußt hätte, was ein Zauberlehrling eigentlich ist. „Was ein Bäckerlehrling ist, weiß ich“, sagte er. „Ein Bäckerlehrling muß lernen, was der Bäckermeister schon kann. Er muß lernen, wie man Brot bäckt und Semmeln und Apfelstrudel und Ananastörtchen.“

„Richtig“, meinte der Professor.

„Und ein Metzgerlehrling muß lernen, wie man Schweine schlachtet und Bratwurst und Sülze macht.“

„Stimmt.“

„Und wenn man ein tüchtiger Lehrling gewesen ist, wird man Geselle. Also werde ich vielleicht eines Tages Zaubergeselle?“

„Das ist gar nicht ausgeschlossen.“

„Und wenn ich .“ fing Mäxchen an.

„Halt!“ rief der Professor. „Meister willst du auch werden?“

Der Kleine Mann schüttelte den Kopf. „Und wenn ich jetzt ein Ananastörtchen bekäme, lieber Jokus, wäre die Welt noch viel schöner.“

„Du bist ein verfressenes Kerlchen“, sagte der Professor, ging zum Telefon, bestellte ein Ananastörtchen und für sich selber einen Kognak. Dann setzte er sich in einen geblümten Sessel und erklärte: „Der Fall ist verzwickt. Ein Bäckerlehrling lernt, was der Bäckermeister kann. Ein Klempnerlehrling lernt, was der Klempnermeister kann.“

„Und der Metzgerlehrling .“

„Von dem sprechen wir nicht.“

„Warum denn nicht?“ fragte Mäxchen.

„Weil du sonst Appetit auf eine Bratwurst kriegst!“ meinte der Jokus. „Bleiben wir lieber bei den Klempnern!“

„Gut. Ich soll also von dir lernen, was du kannst“, meinte der Kleine Mann. „Doch das geht ja gar nicht! Wie kann ich denn lernen, zwanzig große Rasierklingen zu verschlucken und sie, aneinander aufgefädelt, wieder aus dem Mund herauszuziehen? Und ich kann doch kein Kaninchen aus dem Zylinder zaubern! So kleine Kaninchen gibt es nur in Liliput, und Liliput gibt es überhaupt nicht! Und deine Spielkarten und der Zauberstab und die Blumensträuße und die brennenden Zigaretten, das alles ist doch für mich zwanzigmal zu groß!“

Der Professor nickte. „Ich sagte schon, daß der Fall verzwickt ist. Alle Lehrlinge lernen, was ihr Meister kann: der Bäckerlehrling, der Klempnerlehrling, der Schneiderlehrling, der Schusterlehrling .“

„. der Metzgerlehrling“, fügte Mäxchen hinzu und kicherte.

„Ja, der auch!“ meinte der Jokus. „Du aber bist der einzige