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Die fast irreale Stille des afrikanischen Abends lag über dem Land. Sicher, wie er war, daß er niemals mehr den Mond würde lächeln sehen, empfand der Mulatte den Drang, ins Wasser zu gleiten und sich von der Strömung forttragen zu lassen, um so zu sterben wie sein Vater und damit, wenigstens in diesem kleinen Detail, die Pläne der Götter zu vereiteln.

Während ihm das Wasser die gespreizten Beine benetzte, wurde ihm klar, daß einige Minuten genügt hatten, die vielfältigen Lehren des Marabuts zu vergessen. Auf einen Schlag hatte er seine Ursprünge zurückgewonnen und akzeptierte, daß seine Haut, sein Blut und auch seine Götter schwarz waren.

Und die schwarzen Götter hatten sich nun gegen ihn gestellt.

Sakhau Ndu hatte lediglich das Innerste seiner Seele zum Vorschein gebracht, das dort schon immer geschlummert hatte. Von dem Augenblick an, als er gesehen hatte, wie der Rauch den kupferfarbenen Lichtstrahl kreuzte, verstand er, daß ihn das Glück verlassen hatte, das Urteil über ihn gesprochen war und alle seine Missetaten zum Himmel schrien und nach Strafe verlangten.

»Wir sehen uns in der Hölle«, waren die letzten Worte seines Vaters gewesen, und die Sonne, die sich bereits verbarg, war ihm ein klares Zeichen, daß diese Begegnung unmittelbar bevorstand.

Er ließ sich langsam treiben, plätscherte im Wasser wie ein Kind, versank in Gedanken und bemühte sich, neue Wege zu sehen, die ihn in eine weniger düstere Zukunft führen konnten als jene, die man ihm prophezeit hatte.

Keinen Augenblick hatte er an der Aufrichtigkeit des Zauberers gezweifelt, als dieser ihm erzählte, was er im Rauch gesehen hatte, denn er wußte sehr genau, daß niemand lügt, wenn er durch diese Lüge den Kqpf verlieren kann, und niemand redete zu einem König so, wie Sakhau Ndu es getan hatte, wenn er nicht wirklich daran glaubte, was er sagte.

Das Problem lag nicht darin, ob man dem Weisen des Feuers glaubte, sondern ob man akzeptierte, daß er recht hatte und genau das geschehen würde, was er vorausgesagt hatte, bevor der Mond wieder aufgehen würde.

»Er muß sich irren«, murmelte er schließlich leise. »Er muß sich in etwas täuschen, und wenn er sich in etwas täuscht, dann täuscht er sich ganz. Die Lösung liegt darin, ihn zu töten.«

Diese absurde Logik war typisch für MulayAli: Wenn er erreichte, daß der Schamane vor ihm starb, dann hatte Sakhau Ndu bei seinen Prophezeiungen einen Irrtum begangen, und wenn er im Detail irrte, dann konnte er auch beim Wesentlichen irren.

MulayAli schwamm daher immer schneller, bis er fast atemlos das Kanu erreichte, das er flußabwärts an Land gezogen hatte. Er bemerkte, daß ihn der stets gleichmütige Weise des Feuers vom Turm seines Palasts aus beobachtete.

Seine Augen mit den weiten Pupillen, die einen unbewegt anstarren konnten, ohne nur einmal zu blinzeln, folgten jeder Bewegung des Mulatten, bis dieser schnell davonruderte, ohne sich umzudrehen. Erst jetzt wandte sich der Schamane an die wunderschöne Frau, die hinter ihm stand, und flüsterte: »Wir müssen aufbrechen, bevor er seine Leute schickt, um mich umzubringen.«

»Du hättest nicht so hart mit ihm umspringen dürfen«, entgegnete seine Frau fast verblüffend unbefangen. »Ich habe dir geraten, behutsam vorzugehen.«

»Die Götter pflegen nicht behutsam zu sein«, bemerkte Sakhau Ndu etwas müde und bedrückt. »Sie sagen, was ihnen gefällt, und meine Pflicht ist es, ihre Worte exakt wiederzugeben.« Er zuckte mit den Schultern. »Was kann ich dafür, wenn sie über diese üble Bestie so wütend sind?« Er lächelte ein wenig: »Weißt du, was merkwürdig ist? Ich habe den Eindruck, daß sie ihm in Wirklichkeit nicht zürnen, weil er soviel gemordet, geschändet oder versklavt hat, sondern weil er sich ohne echte Berufung zum Islam bekehrt hat.«

»Der Grund ihres Zorns ist jetzt nicht wichtig«, versetzte sie. »Was zählt, ist die Tatsache, daß uns jetzt die Wut MulayAlis droht. Wohin wirst du gehen?«

»Nach Süden.«

»Nach Süden?« wiederholte die schöne Frau, deren makelloses Antlitz sich ansonsten niemals veränderte. Jetzt aber ließ sie doch einige Sorgenfalten sehen. »Aus dem Süden kommt die Tollwut.«

»Eine solche Tollwut gibt es nicht«, urteilte Sakhau Ndu. Er drehte sich wieder um und betrachtete das davonrudernde Kanu. Schon brachen die Schatten der Nacht über den Fluß herein. »Es hat sie nie gegeben.«

»Was soll das heißen, es hat sie nie gegeben?« fragte die Frau erstaunt. »Die Leute sagen…«

»Was die Leute sagen, pflegt wenig mit der Realität gemein zu haben«, unterbrach sie der Schamane. »Und wenn die Götter versichern, daß eine solche Epidemie nicht existiert, dann ziehe ich es vor, ihnen zu glauben.«

Zeud Sekature, Prinzessin vom Stamm der Calabar, hatte keinen Augenblick gezögert, die Bequemlichkeiten ihres heimatlichen Herds und den Schutz ihrer mächtigen und einflußreichen Familie aufzugeben, um blind dem rätselhaften Weisen des Feuers vom Stamm der Bamileke zu folgen, der ihr Herz mit einem einzigen Blick erobert hatte. Niemals hatte sie an den außerordentlichen Kräften ihres Ehemanns gezweifelt, aber jetzt schauderte ihr doch ein wenig, wenn sie daran dachte, was passieren würde, sollte er nicht recht behalten und sie der schlimmsten aller Seuchen direkt in die Arme laufen.

»Und wenn die Götter sich irren?« fragte sie schließlich fast tonlos. »Was wird dann aus uns?«

»Die Götter irren sieh niemals«, tadelte er sie und blickte sie wieder an. »Wenn sich jemand irren sollte, dann bin ich es, und wenn das so ist, verdiene ich, dafür zu zahlen.«

»Und die Kinder?« jammerte sie. »Was können die Kinder dafür?«

Der Schamane streichelte mit großer Zärtlichkeit die geliebte Haut, die so schwarz war wie die finsterste Nacht, aber so schimmernd wie der herrlichste Sonnenaufgang. Schließlich legte er die Kuppe seines Zeigefingers auf ihre erregenden Lippen.

»Vertraue mir!« bat er. »Vertraue den Göttern, die dort unten im Süden herrliche Dinge ankündigen.« Ein ums andere Mal nickte er, als wollte er sich selbst von seinen Worten überzeugen lassen. »Die Welt wird sich ändern«, fügte er hinzu. »Ich weiß nicht, wie, warum oder wie lange, aber ich fühle, daß sich Jahre voller märchenhafter Wunder nähern, derentwegen alles sehr anders werden wird.«

»Oft machst du mir angst«, bedauerte sie. »Manchmal habe ich den Eindruck, daß du alles über die Pläne der Götter weißt, aber in anderen Augenblicken oft so ratlos bist wie der unwissendste Ziegenhirte.«

Der Bamileke nahm auf einer Zinne des Turms Platz, streichelte sie zärtlich, damit sie sich auf seine Knie setzte, umfaßte ihre Taille und küßte sie leicht auf den Hals.

»Ich kann weder jemals alles wissen noch völlig unwissend sein«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Unzählige Male habe ich dir schon erklärt, wie sich die Götter darin gefallen, uns auf einen Weg zu bringen, der sich ständig gabelt, bis aus ihm ein riesiges Labyrinth wird. Sie wissen, wohin jeder einzelne Weg führt, und sie gestatten es uns, den unsrigen frei auszuwählen. Sie sorgen sogar dafür, daß sich diese Wege ab und zu wieder kreuzen, damit wir unsere Irrtümer korrigieren können.« Er gab ihr noch einen Kuß. »Mir haben sie die Macht verliehen, im Rauch und Feuer zu lesen, welche dieser Wege gut und welche schlecht sind, aber nichts weiter«, schüttelte er den Kopf. »Wenn ich absolut ehrlich sein solclass="underline" Oft habe ich den Eindruck, daß nicht einmal die Götter wissen, was das wahre Ziel jedes Menschen ist«, lächelte er bitter. »Sie verlieren sich in ihrem eigenen Labyrinth.«

»Das heißt, sie täuschen sich, und gerade eben hast du versichert, daß sich die Götter niemals irren.«

»Sich verlieren und sich täuschen sind zwei sehr unterschiedliche Dinge«, argumentierte er. »Du kannst dich verirren, weil der Weg schlecht beschildert ist, was dann nicht deine Schuld ist.« Er gab ihr einen liebevollen Klaps auf den Po, damit sie aufstand. »Vielleicht passiert das gerade mit den Göttern, obwohl ich nicht glaube, daß wir darüber jetzt diskutieren sollten.«