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Er war mir noch nie so nahe gewesen wie diesmal; ich sah ihm gerade ins Gesicht. Sein Blick war leer und erloschen, er sah zu mir hin, aber wie durch mich hindurch, weit in eine andere Welt hinein. Ich bemerkte, daß er graue Augen hatte. Er bewegte sein Gesicht nicht, und er lachte nicht. Als ich seine Hand von meiner Stirn wegschlug und sagte: »Nein, geh weg!«, zog er seine Hand langsam zurück. Während der Minuten, die er auf meinem Bett saß, blinzelte er niemals mit den Augen.

Einige Monate später, als es Winter geworden und ich wieder von Hause gereist war, hielt ich mich eine Zeitlang bei einem Kaufmann auf, dem ich im Laden und auf dem Kontor half. Hier sollte ich dem Mann zum letztenmal begegnen.

Ich gehe eines Abends auf mein Zimmer hinauf, zünde die Lampe an und entkleide mich. Ich will wie gewöhnlich meine Schuhe für das Mädchen hinaussetzen, ich nehme die Schuhe in die Hand und öffne die Tür.

Da steht er auf dem Gang, dicht vor mir, der rotbärtige Mann.

Ich weiß, daß Leute im Nebenzimmer sind, daher bin ich nicht bange. Ich murmele: »Bist du schon wieder da!« Gleich darauf öffnet der Mann seinen großen Mund wieder und fängt an zu lachen. Dies macht keinen erschreckenden Eindruck mehr auf mich; und diesmal merke ich: der fehlende Zahn ist wieder da!

Er war vielleicht von irgend jemand in die Erde hineingesteckt worden. Oder er war in diesen Jahren zerbröckelt, hatte sich in Staub aufgelöst und mit dem übrigen Staub vereint, von dem er getrennt gewesen war. Gott allein weiß das.

Der Mann schloß seinen Mund wieder, während ich noch in der Tür stand, wandte sich um, ging die Treppe hinab und verschwand.

Seither habe ich ihn nie wieder gesehen. Und es sind jetzt viele Jahre vergangen.

Dieser Mann, dieser rotbärtige Bote aus dem Lande des Todes, hat mir durch das unbeschreibliche Grauen, das er in mein Kinderleben gebracht, sehr viel Schaden zugefügt. Ich habe mehr als eine Vision gehabt, mehr als eine seltsame Begegnung mit dem Unerklärbaren – nichts aber hat mich so tief bewegt wie dies.

Und doch hat er mir vielleicht nicht nur Schaden zugefügt – dieser Gedanke ist mir oft gekommen. Vielleicht ist er eine der ersten Ursachen gewesen, daß ich gelernt habe, die Zähne zusammenzubeißen und mich zu bezwingen. In meinem späteren Leben habe ich hin und wieder Verwendung dafür gehabt.

Der Geist von Frederic Boutet

In Nachschlagewerken und Literaturgeschichten sucht man seinen Namen meist vergeblich, obwohl viele seiner fantastisch-okkulten Erzählungen in Zeitschriften und Magazinen häufig abgedruckt wurden. Persönliche Daten, die Aufschluß über seine Biographie geben könnten, fehlen weitgehend. Eine Auswahl aus seinen unheimlichen Geschichten in deutscher Übersetzung (›Die Dame in Grün‹, 1971) ist inzwischen wieder vergriffen. Dennoch wird man sich seines Namens als Autor beklemmender makabrer Fantasien auch heute noch gern erinnern.

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Es war zehn Uhr abends, als Anatole vor dem verrufenen Hause ankam, in dem es spuken sollte. Er war ein tapferer junger Mann und ganz darauf vorbereitet, den größten Gefahren zu begegnen und das außerordentlichste Abenteuer zu bestehen.

Dank der ihm gemachten Beschreibungen erkannte er das Haus ohne Mühe; es lag in einer kleinen verödeten Straße und war von einem Garten umgeben, dessen hohe Mauern es von den Nachbarhäusern isolierten. Vor der Türe war eine Tafel angebracht, auf der mit großen Buchstaben die Worte: ›Zu vermieten‹ geschrieben standen. Es schien jedoch, als ob keiner geneigt wäre, von dieser Mitteilung Gebrauch zu machen.

»Hier ist es«, sagte Anatole, der ein wenig aufgeregt zu sein schien und alles mit scharfem Blick prüfte. »Hier ist es! Ich werde mir nichts vorschwindeln lassen.«

Er hatte einen Schlüssel zu der über der Freitreppe befindlichen Türe. Er öffnete und betrat den großen Hausflur, auf dem er sich beim Lichte eines Wachsstreichhölzchens behutsam zu einer Steintreppe vorwärts tastete.

»Es soll in dem großen, rechts gelegenen Räume der ersten Etage sein«, murmelte er, während er behutsam die Treppen hinaufschritt. »Dort ist, wie es scheint, der Ort ihres Stelldicheins. Gehen wir also dorthin. Sie irren gewaltig, wenn sie denken, uns mit ihren Taschenspieler- und Gauklerstücken Angst machen zu können.«

Er hatte die erste Etage erreicht und bemühte sich, beim letzten verglimmenden Scheine seines Wachslichtchens die kupferne Klinke einer rechts befindlichen Türe niederzudrücken.

»Herein«, rief ihm da plötzlich aus dem Innern des Zimmers eine freundliche Stimme entgegen.

»Halt, da ist jemand«, murmelte Anatole ganz erstaunt und öffnete die Tür. Das große, höchst behaglich eingerichtete Zimmer wurde durch den hellen Schein eines in einem großen Kamin brennenden Feuers, sowie durch das Licht zweier auf dem Tisch stehender Armleuchter freundlich erhellt. Auf dem mitten im Zimmer stehenden Tische waren Likörflaschen und Gläser aufgestellt, während ein alter, sehr gut gekleideter Herr mit kahlem Kopfe bequem in einem grünen Sessel ruhte und sich die Füße am Feuer wärmte. Er hielt ein auseinander gefaltetes Zeitungsblatt in den Händen und blickte über seine Brille wegsehend, Anatole freundlich entgegen. Neben ihm auf einem Stuhle stand ein hoher Hut, in dem ein Seidentuch und Handschuhe steckten; daneben lag ein Stock mit silbernem Knopfe. Sein Überzieher hing über der Lehne des Stuhles. Der alte Herr rauchte eine Zigarre und blickte den etwas verlegen eintretenden jungen Mann lächelnd an.

»So kommen Sie doch näher, mein lieber Herr Donore«, sagte er zu Anatole.

Halt, er kennt mich, wer mag das wohl sein? dachte dieser, ein wenig verwirrt nähertretend.

»Setzen Sie sich doch, bitte«, sagte der alte Herr.

»Danke«, und Anatole nahm auf dem anderen vor dem Tische stehenden Sessel Platz, der seiner zu harren schien.

»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe«, fuhr er fort, »ich wußte nicht … In der Tat, man erzählt sich, und Sie haben doch auch ganz gewiß davon gehört, daß es in diesem Hause spukt, und da es meinem Freunde Pont gehört – Sie kennen Herrn Pont?«

»Sehr gut«, sagte der alte Herr, »sehr gut, aber nehmen Sie doch ein Gläschen Cognac?«

»Dann«, sagte Anatole, »wundert es mich nur, daß ich Sie niemals dort getroffen habe. Nein, danke, ich nehme keinen Zucker in den Cognac. – Und wie kommen Sie hierhin?«

»Eine Zigarre?« bot der alte Herr freundlich an und schob Anatole das Kistchen zu.

»Sehr gern. Nicht wahr, ich sagte Ihnen schon, daß ich hierher gekommen bin, weil man mir erzählt hat, es spuke in diesem Hause? … Pont hat es mir übrigens nicht mitgeteilt, daß wir die Nacht zu zweien verbringen würden … Ich bin übrigens sehr erfreut darüber«, fügte er hinzu, sein Glas leerend und sogleich wieder füllend, denn der Cognac war vorzüglich und Anatole war geistigen Getränken durchaus nicht abhold. »Haben Sie mich vielleicht hier erwartet?«

»Ja«, sagte der andere.

»Nun, ich finde, daß Pont mich davon hätte benachrichtigen können«, meinte Anatole, eine Zigarre ansteckend, »wirklich, das finde ich.«

»Aber er hat es doch getan«, sagte der alte Herr ruhig.

»So? Nun, jedenfalls habe ich keine Botschaft von ihm erhalten – – und, das ist eigentlich etwas peinlich für mich, denn ich komme mir hier beinahe wie ein Eindringling vor …«

»Aber keineswegs, ganz gewiß nicht.«

Und der alte Herr lächelte noch liebenswürdiger wie vorher.