»Nun hör schon zu jammern auf!« sagte Pa. »Vielleicht ist er echt noch nicht tot.«
Ma schnitt eine Grimasse. »Wir wissen es beide besser. Der spielt wieder mal stur.« Sie gab Pa einen Rippenstoß. »Da hilft nur eins. Du springst jetzt rüber zu Doc Snodgrass. Er soll herkommen und die Sache ein für allemal klarstellen.«
»Schätze, du hast recht«, brummte Pa und verschwand durch die Hintertür. Ma schaute mich und Klein-Susie an.
»Ihr Kinder geht raus auf die Veranda und leistet Opa Gesellschaft. Paßt auf, daß er sich nicht aus ‘m Staub macht, bis der Doc anrückt.«
»Ist gut«, sagte Susie, und wir verzogen uns nach draußen.
Und wirklich thronte Opa in voller Lebensgröße auf seinem Schaukelstuhl, blinzelte in die Sonne und freute sich über die Flüche der Autofahrer, die unseren Schweinen ausweichen mußten.
»Guckt euch das an!« sagte er und deutete auf die andere Straßenseite. »Der fette Kerl in seinem Hupmobil kam angeflitzt wie ‘n Höllenhund. Hatte leicht dreißig Meilen drauf. Ehe er sich’s versah, preschte Bessie aus dem Unkraut und schmiß ihm die Karre glatt in den Graben. Ich hab’ meiner Lebtag noch nie so was Komisches gesehn.«
Susie schüttelte den Kopf. »Du lebst ja auch gar nicht, Opa.«
»Nun fang nicht wieder damit an!« Opa warf ihr einen zornigen Blick zu, und Susie hielt den Mund.
Genau in diesem Moment fuhr Doc Snodgrass in seinem großen Essex vor und parkte genau neben Bessies Hinterteil. Doc und Pa stiegen aus und kamen zur Veranda geschlendert. Pa redete heftig auf Doc ein, und der schüttelte den Kopf, als wolle er nicht glauben, was Pa ihm da erzählte.
Dann entdeckte er Opa draußen und blieb wie angewurzelt stehen. Seine Augen quollen vor.
»Heiliger Antonius!« sagte er zu Opa. »Was machst denn du hier?«
»Was wohl?« entgegnete Opa. »Ist es vielleicht verboten, daß ein Bürger in Frieden auf seiner Veranda sitzt und schaukelt?«
»In Frieden unter der Erde ruhen, das solltest du von Rechts wegen!« polterte Doc. »Als ich dich letzte nacht untersuchte, warst du mausetot.«
»Oder du stockbesoffen«, erklärte Opa.
Pa nickte Doc zu. »Na, was hab’ ich gesagt?«
Doc beachtete ihn nicht. Er baute sich vor Opa auf. »Vielleicht bin ich doch ‘n klitzekleines Stückchen zu weit gegangen«, meinte er. »Was dagegen, wenn ich dich noch mal untersuche?«
»Nur immer zu.« Opa zahnte. »Ich hab’ Zeit.«
So klappte Doc seine kleine schwarze Tasche auf und hakte sich ein Stethoskop in die Ohren. Er klopfte Opas Brust ab und horchte. Seine Finger begannen zu zittern.
»Ich hör rein gar nichts«, sagte er.
»Ich bin ja auch kein Radio.«
»Laß die Witze!« fauchte Doc. »Angenommen, ich verrate dir, daß dein Herz nicht mehr schlägt?«
»Angenommen, ich verrate dir, daß dein Stethoskop im Eimer ist?«
Doc fing zu schwitzen an. Er kramte einen Spiegel hervor und hielt ihn Opa vor den Mund. Danach zitterten seine Finger noch viel schlimmer.
»Siehst du das?« fragte er. »Der Spiegel ist klar. Das bedeutet, daß du schon vor längerer Zeit deinen letzten Schnaufer getan hast.«
Opa schüttelte den Kopf. »Kümmere dich um deinen eigenen Schnaufer! Du hast eine Fahne, die das stärkste Muli umhaut.«
»Na warte, dir vergeht die Sturheit noch!« Doc holte einen Wisch aus der Tasche. »Da, sieh dir das an!«
»Was ist das?«
»Dein Totenschein.« Doc deutete mit dem Zeigefinger. »Lies mal, was in der Zeile da steht. Todesursache: Herzstillstands Und das ist amtlich. Das gilt vor Gericht!«
»Bitte – geh ruhig hin und versuch dein Glück!« spottete Opa. »Was meinst du wohl, wem der Richter mehr glaubt – mir oder deinem Fetzen Papier?«
Doc schluckte, und seine Augen traten noch ein Stück aus ‘m Kopf. Er schaffte es kaum, den Totenschein wegzustecken, so zitterten ihm die Hände.
»Ist Ihnen nicht ganz wohl?« fragte Pa.
»Ich fühl mich hundeelend«, stöhnte Doc. »Ich fahr jetzt zurück in die Praxis und leg mich ‘ne Weile hin.« Er packte seine Tasche und lief zum Auto, ohne sich noch ‘n einziges Mal umzudrehen.
»Bleib aber nicht zu lang liegen!« rief ihm Opa nach. »Sonst kommt einer und schreibt ‘n Wisch, wo drauf steht: Todesursache – Suff!‹«
Mittags hatte keiner von uns Appetit. Keiner außer Opa, wohlgemerkt.
Der setzte sich an den Tisch und verdrückte nacheinander Bohnen, Maisgrütze, zwei Portionen Kutteln und zwei Riesenstücke Rhabarberstrudel mit Vanillesoße.
Ma ist im allgemeinen mächtig stolz, wenn die Leute in ihr Essen reinhauen, aber Opa schien sie’s heute nicht zu gönnen. Sobald er fertig war und wieder raus auf die Veranda ging, stapelte sie das Geschirr auf der Anrichte und befahl uns, den Abwasch zu übernehmen. Sie verschwand kurz im Schlafzimmer und kam mit Umschlagtuch und Handtasche wieder.
»Was hast du denn vor?« wollte Pa wissen.
»Ich geh in die Kirche.«
»Am hellichten Donnerstag?«
»Bis Sonntag kann ich nicht warten«, erklärte Ma. »Vor allem nicht, wenn die Hitze weiter anhält. Du hast selber die Nase gerümpft, als Opa zum Essen reinkam.«
»Das war Opa?« Pa hob die Schultern. »Ich dachte, die Kutteln hätten einen leisen Stich.«
»Meine Kutteln? Nie und nimmer!«
»Und was hast du jetzt vor?«
»Es gibt nur noch eins – alles in die Hände des Herrn legen!«
Und weg war sie. Susie und ich machten uns an den Abwasch, während Pa mit einer mächtig düsteren Miene durch den Hinterausgang verschwand. Ich sah durchs Küchenfenster, wie er die Schweine fütterte. Man merkte genau, daß er mit seinen Gedanken ganz woanders war.
Susie und ich trollten uns auf die Veranda und behielten Opa im Auge.
Ma hatte recht mit der Hitze. Man kam sich vor wie in einem Höllenbackofen. Opa schien nichts zu merken, aber mir fiel auf, daß er ganz schön schier roch.
»Guck die vielen Fliegen, die um ihn rumschwirren!« sagte Susie zu mir.
»Bscht!«
Aber die Schmeißfliegen surrten so laut, daß wir kaum verstehen konnten, was Opa sagte. »He, Kinder!« rief er. »Kommt doch ‘n Weilchen her!«
»Die Sonne brennt so arg«, widersprach Susie.
»Find’ ich aber gar nicht.« Opa hatte nicht mal einen Schweißtropfen auf der Stirn.
»Und die Schmeißfliegen!«
»Die tun mir nix.« Ein dicker Brummer landete mitten auf seiner Nase, doch Opa zuckte nicht mal zusammen.
Susie machte ein ängstliches Gesicht. »Du, der ist wirklich tot«, flüsterte sie.
»Sprich lauter, Kind!« mahnte Opa. »Es gehört sich einfach nicht, so rumzunuscheln.«
In diesem Moment bog Ma mit Reverend Peabody im Schlepp von der Straße her zu unserm Haus ab. So heiß es war, sie hatte ganz schön Fahrt drauf. Der Hochwürden stöhnte und schnaufte, aber sie blieb erst dicht vor der Veranda stehen.
»Sieh an, der Herr Hochwürden!« rief Opa. »Wie geht’s immer?«
Reverend Peabody starrte ihn an. Er machte den Mund auf, brachte aber keinen Ton raus.
»Was ist?« fragte Opa. »Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?« Der Reverend lächelte wie ein Stinktier, das eine Hummel verschluckt hat.
»Kann mir’s schon denken. Bei der Hitze kriegt man eine ausgedörrte Kehle.« Er wandte sich an Ma. »Los, Addie, hol dem Herrn Hochwürden eine kleine Erfrischung!«
Ma ging ins Haus.
»So«, sagte Opa, »nun machen Sie sich’s mal bequem.«
Der Reverend schluckte schwer. »Eigentlich bin ich nicht zu einem Plauderstündchen hier.«
»Weshalb nehmen Sie dann den langen Weg auf sich?«
Wieder schluckte der Reverend. »Nach allem, was ich von Addie und Doc hörte, mußte ich selbst nach dem Rechten sehen.« Er starrte wie gebannt auf die Fliegen, die Opa umschwirrten. »Aber jetzt wär’s mir lieber, ich hätt’ mich auf ihr Wort verlassen.«