»Das ist gut«, sagte ich. »Dafür hab’ ich genau das Richtige von der Waldhexe gekriegt.«
»Doch nicht etwa Gift?« Pa warf mir einen besorgten Blick zu. »Du weißt, ich bin ein gottesfürchtiger Mann und mag mit so was nichts zu schaffen haben. Außerdem – wie soll man einen vergiften, der schon tot ist?«
»Quatsch«, erwiderte ich. »Das hier hat sie mir mitgegeben.«
Ich zog das Ding aus meiner Hosentasche und hielt es hoch.
»Und was im Namen des Allmächtigen soll das sein?« fragte Ma.
Ich sagte es ihr und erklärte dann, was man damit tun mußte.
»So ‘n Blödsinn hab’ ich meiner Lebtag noch nicht gehört!« meinte Ma.
Pa machte ein düsteres Gesicht. »Ich hätt’s nie zulassen sollen, daß du zur Geisterschlucht gehst. Die Waldhexe muß ihren letzten Funken Verstand verloren haben, wenn sie dir mit so was kommt.«
»Ich schätze, die ist mit allen Wassern gewaschen«, sagte ich. »Und ich hab’ immerhin was bezahlt für den Rat – siebenundachtzig Cents, einen Nickel und die Coolidge-Plakette!«
»Ach, pfeif auf die Plakette!« tröstete mich Pa. »Die hab’ ich einem Yankee abgerissen – einem von diesen Steuerschnüfflern.« Er kratzte sich am Kinn. »Aber bares Geld, das ist was anderes. Vielleicht sollten wir’s doch versuchen.«
»Pa …«, begann Ma.
»Weißt du was Besseres?« Pa schüttelte den Kopf. »So wie ich das seh, haben wir morgen das Gesundheitsamt am Hals. Es wird höchste Zeit, daß wir was unternehmen.«
Ma ließ einen Seufzer los, der so richtig aus der Tiefe kam.
»Na schön, Jody«, sagte sie zu mir. »Wir machen es genauso, wie die Waldhexe gesagt hat. Pa, hol mal Susie und Opa rein. Ich trag inzwischen auf.«
»Glaubst du, daß es damit klappen wird?« fragte Pa und warf einen Blick auf das Ding, das ich in der Hand hielt.
»Es muß«, erklärte ich. »Was anderes haben wir nicht.«
Also ging Pa raus, und ich trat an den Eßtisch, um den Plan der Waldhexe in die Tat umzusetzen.
Kurz drauf kam Pa mit Susie zurück.
»Wo bleibt Opa?« fragte Ma.
»Der geht ganz langsam«, erklärte Susie. »Muß wohl dieser Rigger Mortis sein.«
»Quatsch!« Opa erschien im Eingang und stakte in die Küche wie ‘ne Schabe, die über eine heiße Herdplatte läuft. »Ein bißchen steif fühl ich mich, das ist alles.«
»Steif wie ‘n Brett«, widersprach ihm Pa. »Von Rechts wegen solltest du droben in deinem Bett liegen, mit ‘ner Lilie zwischen den Händen.«
»Nun fang nicht schon wieder an!« fauchte Opa. »Ich hab’ dir gesagt, daß ich noch lang nicht tot bin, wenn ich mal blau anlauf!«
»Mal ist gut«, sagte Susie. »Du siehst so blau aus, daß es blauer gar nicht geht.«
Und das stimmte. Er war blau und irgendwie aufgedunsen, aber das wollte er einfach nicht wahrhaben. Mir fiel ein, was Ma wegen dem Skelett gesagt hatte, und ich wünschte mir ganz fest, daß die Waldhexe recht behalten würde. Sie mußte recht behalten, denn Opa wurde mit jeder Minute toter.
Aber das hätte keiner geglaubt, als er auf das Abendbrot losstürmte.
»Hmm«,sagte er. »Heut hast du dich selber übertroffen, Addie. Mein Lieblingsgericht – Grünkohl mit Fischköpfen!« Er war schon dran, sich eine Portion aufzuladen, als er das Ding neben seinem Teller entdeckte.
»Ja, zum Henker, was soll ‘n das?« polterte er.
»Das ist eine ganz normale Serviette«, erklärte ich.
»Ganz normal?« Opa riß die Augen auf. »Ich hab’ noch nie im Leben eine schwarze Serviette gesehen.«
Pa guckte Ma an. »Wir dachten, es sei ein besonderer Anlaß«, sagte er. »Wenn du verstehst, was ich meine …«
Opa schnaufte verächtlich, »‘ne schwarze Serviette? Ich weiß genau, was du andeuten willst, aber mir ist das schietegal.«
Und er schaufelte sich den Teller voll und hieb rein.
Wir anderen saßen einfach da und guckten uns an.
»Was hab’ ich dir gesagt?« flüsterte mir Pa verärgert zu.
Ich schüttelte den Kopf. »Wart’s ab!«
»Langt zu!« ermahnte uns Opa. »Sonst räum ich allein ab.«
Und das tat er. Seine Arme waren steif, die Finger hatten Mühe mit der Gabel, und die Kiefermuskeln wollten nicht so recht – aber er aß. Und redete.
»Ich und tot? Hätte nie geglaubt, daß mal jemand wagen würde, mir so was ins Gesicht zu sagen! Und dann ausgerechnet die Familie! Ich geb ja zu, daß ich hin und wieder stur bin, aber ich hab’s noch nie zu weit getrieben. Wenn ich positiv wüßte, daß mich der Sensenmann geholt hat, war ich der letzte, der sich dagegen sträuben würde. Ich leg keinem was in den Weg, schon gar nicht den eigenen Leuten. Bloß beweisen müßt ihr mir, daß ich nicht mehr lebe. Das ist alles, was ich verlang – einen winzigen Beweis.«
»Du, Opa …«, unterbrach ich ihn.
»Was gibt’s Junge?«
»Entschuldige, aber dir tropft der ganze Grünkohl übers Kinn.«
Opa legte die Gabel weg. »Tatsächlich. Danke, mein Junge.«
Und ehe er so recht merkte, was er tat, wischte sich Opa den Mund mit der Serviette ab.
Als er fertig war, warf er einen Blick drauf. Er guckte einmal und dann noch einmal. Schließlich legte er ganz sacht die Serviette auf den Tisch, stand auf und ging zur Treppe.
»Lebt wohl«, sagte er.
Wir hörten, wie er mit schweren Schritten die Treppe rauf und den Korridor entlang zu seinem Zimmer tappte. Die Matratze quietschte, als er sich ins Bett legte.
Dann war alles still.
Nach einer Weile schob Pa den Stuhl zurück und ging nach oben. Keiner sagte ein Wort, bis er wiederkam.
»Na?« Ma guckte ihn an.
»Alles in Ordnung«, erklärte Pa. »Er hat den Löffel für immer weggelegt. Ist jetzt droben, wo er’s schöner hat. Amen.«
»Gelobt sei der Herr!« murmelte Ma. Dann schaute sie mich an und deutete auf die Serviette. »Tu das Ding bitte weg!«
Ich nahm sie mit spitzen Fingern. Susie schaute uns erstaunt an. »Sagt einem hier keiner, was los ist?«
Ich gab keine Antwort, sondern trug die Serviette raus und warf sie in den Bach. Hatte wenig Sinn, die Angelegenheit rumzuposaunen. Aber die Waldhexe hatte recht behalten, als sie sagte, Opa würde seinen Beweis kriegen, sobald er sich den Mund abwischte.
Auf so ‘ner schwarzen Serviette sieht man nämlich die kleinen weißen Maden am allerbesten.
Der Spuk von Rammin von Hanns Heinz Ewers
Mit wahrem Fanatismus suchte der in Düsseldorf geborene Hanns Heinz Ewers (1871-1943) in seinen ›seltsamen‹ Geschichten das Gespenstische und Dämonische, das Groteske und Makabere. Die besten dieser Geschichten, in der Nachfolge E.A. Poes geschrieben, sind in den Bänden ›Das Grauen‹ und ›Die Besessenen‹ gesammelt erschienen und erreichten unwahrscheinlich hohe Auflagen. Um die Bedeutung des Ewersschen Werkes verstehen zu können, muß man den Mut haben, sich in jene Sphäre böser Alpträume und satanischer Fantasmagorien hineinzuwagen, in der er mit Vorliebe grauenhafte Eindrücke sammelte und flugs in immer neuen ›seltsamen‹ Geschichten zu Papier brachte. Allerdings zeigt der ›Spuk von Rammin‹, daß Ewers seiner gespenstischen Wahnwelt auch heitere Seiten abzutrotzen vermochte.
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Als Dr. Henry Friedel zum Abendessen nach Hause kam, sah er in den Augen seiner jungen Frau Tränen. Er fragte nach dem Grund, sie zeigte ihm einen Brief, den sie eben von ihrer Mutter erhalten hatte:
»Meine liebe Tochter Lotte!
Leider kann ich Dir wieder nur Schlechtes berichten. Die Versicherung will den Hagelschaden nicht bezahlen, weil der Papa, der sich mit dem Inspektor der Gesellschaft überworfen hatte, die letzte Prämie nicht bezahlt hat. Die Mamsell hat gekündigt, sie will sich in die Stadt verheiraten. Der große Braune ist auf dem Felde überanstrengt worden und hat sich die Hinterfesseln verletzt, er muß im Stalle in Bändern hängen. Dazu kommt der ewige Regen, das Korn liegt fast am Boden. Überall nur Kummer und Sorgen. Mit dem Verkauf von Rammin ist es auch nichts geworden. Über den Preis wären sie wohl noch einig geworden, Papa hatte nur 500 000 Mark gefordert. Aber dann hatte der Herr natürlich von unserem schrecklichen Spuk gehört und verlangt, eine Nacht im Mittelzimmer zu schlafen. Am anderen Morgen ist er gleich abgereist und hat an Papa geschrieben, daß er unter keinen Umständen mehr auf Rammin reflektiere. Das ist nun schon der dritte! Es ist ein Jammer, ich glaube, wir werden nie von Rammin wegkommen! Dein Bruder Willi meint zwar, es sei gut, daß aus dem Kaufe nichts geworden ist, da Papa so wenig gefordert habe. Aber ich wäre zu froh, wenn wir doch endlich wegkämen, Papa und ich können die Sorgen kaum mehr ertragen. Dabei braucht Willi bei den Kürassieren so viel Geld, wir wissen nicht, wo es hernehmen. Könntest Du nicht, Lotte, Deinen Mann bewegen, auf Rammin eine neue Hypothek zu geben? nicht viel, etwa 80 000 Mark. Es steht ja vollständig sicher. Bitte, versuche es doch und schreibe mir bald, ob es sich machen läßt. Mit vielen mütterlichen Grüßen an Dich und Deinen Mann.