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Deine traurige alte Mutter.«

»Willst du hören, Lotte, was ich von diesem Briefe denke?«

Sie nickte.

»Erstens: daß dieser Herr, der Rammin kaufen wollte, ein großer Esel ist, wenn er 500 000 Mark dafür geben wollte, daß dein Bruder Willi ein noch größerer Esel ist, wenn er sich einbildet, daß das Gut seines Vaters damit zu niedrig bezahlt ist, daß ich endlich der größte Esel wäre, deinem Vater für seinen pommerschen Dreck eine weitere Hypothek von 80 000 Mark zu geben.«

»Henry!«

»Du glaubst mir nicht? – Ich habe mich genau nach dem Werte Rammins erkundigt, als ich deinem Vater vor zwei Jahren die Hypothek gab. Es ist – sehr hoch gerechnet – keine 100 000 Taler mehr wert, dein Vater hat es gründlich heruntergewirtschaftet. Dazu stehen etwa für 200 000 Mark Hypotheken darauf! Bleiben 100 000 Mark Vermögen. Und dabei leben dein Vater und dein Bruder, als ob sie mindestens 500 000 Mark im Jahre zu verzehren hätten!«

Lotte schluchzte.

Er strich ihr leise übers Haar:

»– Höre, Lotte, wir haben noch 14 Tage Zeit, ehe wir zum Nil fahren. Es ist gleichgültig, ob wir die Zeit in Berlin oder irgendwo anders verbringen. Sollen wir nach Rammin fahren? Vielleicht können wir dort etwas helfen?«

»Wir wollen gleich telegrafieren!«

– Am anderen Abend waren sie dort.

Frau von Rammin strahlte; die Hypothek schien ihr sicher.

»Wie lieb, Kinder, daß ihr hergekommen seid. Wir haben den ganzen Tag gearbeitet, um euch alles schön zu machen. Vorn im großen Zimmer sollt ihr schlafen –«

»Verzeihen Sie, Schwiegermama, wir möchten im Erkerzimmer schlafen.«

»– Im Erkerzimmer? Da, wo es spukt, das ist nicht Ihr Ernst, Henry!«

»Gerade da! bitte, lassen Sie gerade das Zimmer zurechtmachen, Lotte und ich möchten um nichts vermissen, den Ramminer Spuk kennenzulernen.«

Lotte faßte sich ein Herz.

»Ja, Mama, laß das Zimmer zurechtmachen.«

– – Nach dem Essen zog Friedel seinen Schwager heraus.

»Sag mal, Willi, wie lange spukt es schon in Rammin?«

»Seit einigen Jahren!«

»Glaubst du daran?«

»Du wirst dich heute nacht selbst überzeugen.«

»Ist der Spuk im Erkerzimmer?«

»Nein.«

»Nein? wo dann?«

»Im Zimmer darüber! aber nur im Erkerzimmer kann man ihn hören!«

»Hast du dort einmal geschlafen?«

»Jawohl, zweimal. Vor einem Jahr etwa. Das erstemal allein, die folgende Nacht mit einem Kameraden.«

»Hast du die Zimmer darüber untersucht?«

»Bis auf das Kleinste. Es ist ein Speicherzimmer. Die übrigen Zimmer da oben stehen meist leer, oder sind mit alten Möbeln und Gerätschaften angefüllt. Dies Zimmer ist ganz leer. Früher wurde es wohl zum Wäschetrocknen benutzt, es sind von einer Wand zur anderen einige Latten und Leinen gespannt.«

»Bist du sicher, daß sich nicht jemand aus dem Gesinde den Unfug erlaubt?«

»Ganz sicher! Am Tage, nachdem ich zum ersten Male im Erkerzimmer geschlafen hatte, untersuchte ich mit meinem Kameraden von Hessen den ganzen Speicher aufs peinlichste. Dann schloß ich das Zimmer ab und ließ zum Überfluß noch einen Riegel mit Vorhängeschloß an die Türe nageln. Über das Schlüsselloch, sowie über das Vorhängeschloß klebten wir Papier, das wir beide mit unseren Wappenringen besiegelten. Dieselbe Prozedur wiederholten wir an der Treppentüre, die zum Speicher hinaufführt. Es war unmöglich einzudringen, ohne daß wir es gemerkt hätten!«

»Ist es nicht denkbar, daß man durch das Fenster hätte eindringen können?«

»Nein! Die Wand ist ganz glatt, und eine solch hohe Leiter ist auf ganz Rammin nicht zu finden. Überdies hätten wir das von dem Erkerzimmer bemerken müssen, die Fenster liegen genau übereinander. – Willst du vielleicht selbst einmal hinaufgehen?«

»Ist nicht nötig; ich glaube, ich würde nicht mehr finden als du! Noch etwas: ist der Spuk immer da?«

»Nicht immer, manche haben ihn nicht gehört. Vielleicht haben sie nur zu fest geschlafen. Ich hoffe, ihr werdet Glück haben!«

– Henry und Lotte gingen früh zu Bett. Müde von der Eisenbahn- und der Wagenfahrt, schlief er bald ein.

Plötzlich wurde er wach, seine Frau hatte ihn geweckt. Sie saß aufrecht im Bett, der Mond, der voll durchs Fenster schien, beleuchtete ihr bleiches Gesicht.

»Hörst du nichts?«

Er setzte sich ebenfalls auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen, dann horchte er.

Einen Moment war es still. Dann drang ein zischender, sausender Klang an sein Ohr.

»Zweifellos«, sagte er, »das ist über uns. Willi hat recht.«

Wieder war es einen Moment still. Und dann drang wieder der eigentümliche sausende Ton und ein Streifen, als ob zwei schleifende Gewänder rasch aneinander vorüberrauschten. Und plötzlich dazwischen ein gedämpfter kurzer, aber nachklingender Ton.

Das Schleifen und Zischen wurde immer stärker, aber es schien nicht den Boden zu berühren. Immer durch die Luft, in rasender Geschwindigkeit.

Friedel war aus dem Bett gesprungen; er begann sich anzukleiden. Da klang auf einmal ein lautes, schrilles Lachen an sein Ohr, und noch einmal und wieder, es war, als ob eine Menge kleiner Kinder sich schüttelten vor Lachen. Dazwischen wieder klagende, seufzende, schreiende Töne, ein Schleifen, Zischen, Murren, Rauschen.

Und nun, ganz deutlich, ein lauter Kuß, dann helles Gelächter! –

»Das ist ja der reine Hexensabbat!« rief er, »bunter kann es wirklich nicht werden!«

Und der Lärm wuchs mit jeder Minute, Kichern, Lachen, Seufzen, Klagen, Springen und Tanzen laut durcheinander.

»Merkwürdig, daß man keine Schritte hört«, meinte Friedel. Er war völlig angezogen; er ergriff nun das Licht und den Stiefelknecht.

»Wo willst du hin?«

Sie zitterte.

»Nimm wenigstens den Revolver mit!«

»Wozu? – für diese lustige Gesellschaft genügt der Stiefelknecht vollkommen!«

»Henry, bleib da!«

»Närrchen!«

Er ging hinaus.

Sie hörte ihn die Treppe hinaufgehen, jetzt schloß er die Türe zur Speichertreppe auf. Tapp, tapp, tapp, der Klang seiner Schritte entfernte sich. – Nun hörte sie wieder deutlich, oben – er mußte vor der Tür stehen. Sie hörte, wie er an der Tür tastete, er suchte den Schlüssel –

Der Angstschweiß trat ihr auf die Stirn. Immer lauter, immer wüster wurde der Tanz dort oben. Immer wilder, immer toller. Wenn er nur wiederkäme, wenn er nur wiederkäme.