Sie versuchte zu beten, doch konnte sie keine Worte finden.
»Henry, Henry!«
Sie sprang aus dem Bett, wollte zur Tür, hinauf, ihren Mann herunterholen.
Aber ihre Füße trugen sie nicht, sie fiel zusammen, sie mußte sich auf einen Stuhl setzen.
Bauz! da hörte sie einen lauten Krach.
Er trat gewiß vor die Tür, da er den Schlüssel nicht finden konnte. Bauz, bauz, sie hörte seine schweren Tritte.
Wenn er nur wiederkäme.
Krach, jetzt flog die Türe auf. Und jetzt hörte sie seine Schritte gerade über sich. Und rings um ihn herum dieses schreckliche Tosen – an allen, allen Seiten!
Er war verloren – – –
Sie hielt sich die Ohren zu, schluchzte, weinte, jammerte. –
– Als sie aufsah, stand ihr Mann vor ihr:
»Was machst du denn, Närrchen?«
Sie stand auf, umhalste ihn, wollte ihn fast erdrücken mit ihren Küssen!
»Nicht so stürmisch, Lotte, du zerdrückst mein Gespenstchen. Ich hab’ dir eins mitgebracht, hier unterm Rock, eins von den Hauptspaßmachern!«
Er zog eine große, graue Lachtaube heraus.
»Die andern mögen weiter Musik machen, die da kann bei uns bleiben. Eure Ramminer Gespenster sind mondsüchtig, Lotte, das ist ihre ganze Eigentümlichkeit. Dein Herr Papa wird die Taubenschläge draußen haben verfallen lassen und da ist ein besonders kluger Tauberich auf den Gedanken gekommen, sich da oben im Wäschezimmer häuslich niederzulassen. Es paßte ja famos dazu mit den Leinen und Latten quer von Wand zu Wand. Aber sie hatten ihre Rechnung ohne den Mond gemacht. Wenn der da hineinscheint, werden die armen Tiere wach und flattern und lachen und gurren – na, du hörst sie ja, Lotte?«
Ehe sie am anderen Morgen zum Frühstück gingen, lachte sie:
»Wie wird sich Mama freuen, daß wir den Spuk gefunden haben. Nun können sie Rammin verkaufen!«
Er sann einen Augenblick nach:
»Lotte, ich bitte dich, erwähne nichts davon: erzählst du, so weiß morgen die ganze Nachbarschaft, wie es mit dem Ramminer Spuk bestellt ist. Und der Spuk ist das Beste in Rammin. Mit dem Spuk kann dein Vater Rammin vielleicht loswerden, ohne ihn würde ich keinen Groschen dafür geben.«
– Die anderen waren schon beim Frühstück.
»Na, habt ihr den Spuk gehört?«
»Ja«, sagte Lotte.
»Bist du überzeugt?«
»Es ist genauso, wie du mir erzählt hast.«
Dann brach er ab.
»Schwiegervater, ich höre, Sie wollen Rammin verkaufen!«
»Wenn ich einen Käufer fände!«
»Papa will nur 500 000 Mark haben«, meinte Frau von Rammin zaghaft.
»Verdammt wenig!« meinte Willi.
»Ich gebe 800 000 Mark! Davon geht meine Hypothek ab, macht 720 000 Mark. – Wenn Sie damit einverstanden sind, bitte ich zum Notar zu schicken, da ich sofort in den Besitz zu treten wünsche, auch die übrigen Hypotheken gleich löschen lassen möchte.«
Frau v. Rammin küßte ihre Tochter, dann ihren Schwiegersohn. Der Alte schüttelte ihm die Hand.
»Zu viel ist’s nicht«, sagte Willi.
Als Friedel mit seiner Frau allein war, sagte sie:
»Es war sehr edel von dir – aber was willst du mit Rammin machen? – Du verstehst –«
»– Nichts von der Landwirtschaft, hast auch nicht die geringste Lust dazu – willst du sagen? – Freilich hab’ ich keine Lust dazu und freilich verstehe ich nichts davon, beinahe so wenig wie dein Vater. Ich denke auch Rammin nicht vierzehn Tage zu behalten!«
»Du willst es verkaufen? Aber du sagst selbst, daß Rammin für 100 000 Taler keinen Käufer finden würde, und du willst 800000 Mark dafür geben?«
»Ja – und ich werde mehr dafür wieder bekommen. Was ich verdiene, gehört dir, Lotte, du kannst dafür Tauben züchten, wenn du Lust hast. – Willst du mir ein paar Briefe schreiben, die ich diktiere?«
»Gerne!«
»So schreibe: ›Rittergut Rammin! Haunted‹
Altes Familiengut in Pommern ist zu verkaufen. Große Waldungen, Teiche, Parkanlage. Bester Boden, schöne Jagd. Das Gut wurde von dem Inhaber, in dessen Familie es über 400 Jahre gewesen ist, verkauft, weil er es in dem Schlosse, in welchem es spukt, nicht mehr aushalten konnte. Inserent dieses erstand es, da sich kein anderer Käufer aus angegebenen Gründen finden wollte, schuldenfrei zu dem fabelhaft niederen Preise von nur 800 000 Mark.
Notarieller Kaufakt liegt zur Einsicht vor. Inserent zieht jedoch selbst, nachdem er nur wenige Nächte in dem Schlosse geschlafen hat, vor, seinen Besitz wieder zu verkaufen, eventuell unter Selbstkostenpreis.
Gefl. Offerten an Herrn Dr. Friedel.
Rammin, Pommern.‹
So, Lotte! du mußt es noch zweimal abschreiben! Und dann die Adressen: Times, London; Figaro, Paris; New York Herald, Neu-York.« –
Dr. Friedel bestand darauf, daß seine Schwiegereltern und Schwager sofort nach der Tätigung des notariellen Aktes nach Berlin fuhren, auch Lotte mußte mit. Eine kleine Ausspannung könnte nichts schaden, sagte er. –
Etwa vierzehn Tage später erhielt Lotte von ihrem Manne folgenden Brief:
»Liebes, kleines Frauchen!
Morgen komme ich selbst zu Dir, jetzt nur in Eile die Hauptsache. Meine Rolle als Besitzer von Rammin ist ausgespielt, soeben habe ich das Gut für eine Million verkauft. Der jetzige Besitzer, Dr. Mc. Culloch, ist ein Schotte. – Auf unsere Annoncen bekam ich etwa 15 Antworten, Mc. Culloch kam gleich selbst hierher. Rammin hat er sich gar nicht angesehen, doch wollte er gleich im Erkerzimmer schlafen. Er war entzückt. Ich hatte alles so gelassen, wie es war, nur den Taubendreck habe ich da oben höchst eigenhändig ein wenig aufgekehrt. Ich hätte Mc. Culloch, der sofort 750 000 Mark bot, gleich zugeschlagen, jedoch kamen am folgenden Tage noch zwei Amerikaner. Sie schliefen ebenfalls im Erkerzimmer: der Erfolg war derselbe. Sie boten 800 000 Mark, worauf Mc Culloch 50 000 Mark höher ging. So steigerten sie sich gegenseitig, bis der Schotte mit einer Million 15 000 Mark Sieger blieb! Er ist sofort in den Besitz von Rammin getreten, ich bin heute sein Gast. Er hat schon Anordnungen getroffen, die Türe zur Speichertreppe vermauern zu lassen, damit der Spuk nicht doch einmal herunterkäme! Das Erkerzimmer will er als Fremdenzimmer herrichten lassen, er läßt schon an alle seine Freunde Einladungen ergehen und freut sich schon im voraus, wenn er an die Erfolge denkt, die er erzielen wird! – Ich wünsche ihm alles Glück.
Ich komme 1.28 Uhr morgen mittag; wirst Du an der Bahn sein?
Grüße für Deine Eltern und Deinen Bruder und einen Kuß für Dich.
Henry.«
Reitet, Colonel! von Mary-Carter Roberts
Eine Geistergeschichte von geradezu welthistorischen Dimensionen ist Mary-Carter Roberts ›Reitet, Colonel!‹ eine fantasievolle, originelle Erzählung, die im amerikanischen ›Magazine of Fantasy and Science Fiction‹ erschienen ist – eine Geistergeschichte par excellence, die obendrein den Anspruch erheben darf, ein großes historisches Ereignis korrekt zu rekapitulieren … nur eben ein wenig anders, als man es aus den Geschichtsbüchern kennt, ein wenig geisterhafter, atemloser, aber der Größe dieses wahrhaft umwälzenden historischen Augenblicks durchaus angemessen.
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Der Geist des Generals saß am Tisch im Kommandeurzelt und unterzeichnete die Depesche mit dem Kratzen eines Federkiels. Der Geist des Colonels stand ihm gegenüber und sah zu. Überall in Amerika, ausgenommen in den Seelen gewisser inbrünstiger Wesen, war es der 19. Oktober 1974. Für jene Außerordentlichen jedoch war es der 19. Oktober 1781. Sie befanden sich auf dem Schlachtfeld bei Yorktown. Soeben hatten die Briten vor ihnen kapituliert. In jedem Jahr brachten ihre unsterblichen Erinnerungen ihnen diesen Tag in der Geschichte zurück, und ihre Geister suchten erneut den Ort des Geschehens auf, um es noch einmal zu erleben.