Washington rollte das Pergament; seine mächtige Faust wirkte ungeeignet für eine solche Aufgabe, die einem Sekretär gebührte, aber vollendete sie rasch. Er blickte auf zu Tilghman. Der Colonel war kein Mann, den irgend jemand auf den ersten Blick als klein bezeichnet hätte; er war mittelgroß und besaß breite Schultern, wuchtig und fest. Doch neben George Washington schien er klein zu sein. Wie die meisten Menschen. Denn Washingtons Größe kam aus seinem Innern und fand in seinem Riesenwuchs eher zufällig einen angemessenen Ausdruck. Diese Größe, nicht seine körperliche Gestalt, ließ andere Menschen vergleichsweise geringer wirken, wie immer auch ihre Körpermaße sein mochten.
Tilghman war mit dieser Verhältnismäßigkeit vertraut. Jahrelang war er Washingtons Adjutant und Sekretär gewesen. Doch die Kenntnis um seines Vorgesetzten Überlegenheit hatte seiner eigenen Integrität niemals geschadet oder auch nur an sie rühren können. Vielmehr hatte er die Revolution mit klarem Verstand eben um Washingtons Größe willen durchgefochten, die er als der revolutionären Sache würdig empfand. Um diese Sache, was ihre militärische und politische Kraft betraf, stand es schlecht. Ihre einzige Stärke war ihre furchterregende Gerechtigkeit. Washington war deren Verkörperung. Er verkörperte sie und würde sie immer verkörpern, gleichgültig, so war der Colonel überzeugt, unter welchen Umständen. General Washington war zuverlässig. Voll und ganz.
Zu allen anderen Erscheinungen der Revolution hatte Colonel Tilghman stets eine nüchterne Haltung bezogen. Er hatte jederzeit gewußt, daß die Amerikaner verlieren konnten, aber diese Möglichkeit als das einzige voraussehbare Übel betrachtet und als Gefahr, die sie auf sich genommen hatten. Krieg war Krieg. Und nun hatten sie gesiegt.
Er stand und sah zu, das Kinn auf die Brust geneigt. Und da er jung war und im Besitz eines lebhaften und genauen Erinnerungsvermögens, erlebte er in diesen wenigen Augenblicken eine Reihe anderer Momente wieder, während der er seinen Vorgesetzten beobachtet hatte. In West Point, am Morgen, als Washington kam, um mit Arnold zu frühstücken – und Arnold war fort, hatte hinter sich in der Luft den Gestank von Verrat zurückgelassen. In Newburgh, als Washington geduldig mit gemeinen, aber bitter notwendigen Männern sprach, die zugleich hofften und fürchteten, daß ihr gemeinsames Gewicht ihn verderbe. In Trenton im Sturm aus Schnee und Hagel aus Blei. Bei Valley Forge in einer Stille aus Schnee und Hunger. Es handelte sich in der Tat um ein ganzes künftiges Buch der amerikanischen Geschichtsschreibung, das dem Colonel durch den Kopf ging, aber für ihn war das alles die Gegenwart – in solchem Maße hatte er diesen Krieg als ein zusammenhängendes Ereignis erfahren. An diesem Tag des Sieges gab es keine Vergangenheit. Hier war die gesamte Revolution. Sie war die Luft – frisch, rege, verheißungsvoll –, die Washington und er atmeten.
Washington streckte die Depesche über den Tisch hin. Tilghman trat vor, um sie entgegenzunehmen. Da änderte Washington seine Absicht und erhob sich, ragte gewichtig empor, als er stand, so daß sein angegrautes rotes Haar, das wochenlang des Puders entbehren mußte, fast ans Zeltdach rührte. Seine Feldkleidung war zerknittert und beschmutzt, und an seinem Kinn sah man helle Bartstoppeln. Hochgewachsen und schmutzig war er, und nun mußte er etwas tun und sagen, das den weiteren Verlauf der Geschichtebestimmte. Er tat es und sagte es – er übergab die Depesche seinem Adjutanten, welcher der Bote der Geschichte war, und sprach sein Wort in klarem förmlichen Tonfall aus. »Zum Kongreß, Colonel.« Colonel Tilghman nahm die Rolle entgegen. Die Botschaft von einer großen Wende ›im Lauf der Weltgeschichte‹ war in seinen Händen.
»Jawohl, Sir«, sagte er. »Zum Kongreß.«
Und die Kürze der Äußerung, die eine so gewaltige Bedeutung besaß, erheiterte sie beide. Sie lächelten. Ihre vom Wetter gezeichneten Gesichter zeigten wie für einen kurzen Moment geöffnete Fenster etwas von der Erleichterung, die an jenem Morgen auf dem Schlachtfeld die Herzen aller Soldaten der Kontinentalarmee erfüllte. »Reitet, Colonel«, sagte George Washington unverändert klar und ruhig, doch nicht länger ganz so förmlich.
»Jawohl, Sir«, erwiderte der Colonel nochmals. Er drehte sich um und schritt hinaus.
Das Schlachtfeld von Yorktown im Jahre 1974, eine Nationale Gedenkstätte, lag von Menschen des Jahres 1974 nahezu verlassen, aber lieblich und duftig in der herbstlichen Sonne. Ein paar Autos befuhren die Straße, einige kleine Gruppen von Besuchern schlenderten durchs Gras. Hier waren der lange Friede, die festgehaltene Ehre. Nichts davon war sichtbar für den Geist von Colonel Tench Tilghman, den Adjutanten und Sekretär George Washingtons. In ihm stak das Leben des Jahres 1781 und schuf die Welt rings um ihn. Er sah das Feld der Entscheidungsschlacht. Die Sonne von 1781 schien auf sein Haupt, und das Erdreich von 1781 knirschte unter seinen Stiefeln.
Überall in seiner Sichtweite waren Zelte und Lagerplätze. Soldaten in vielerlei Röcken strömten umher. Die Franzosen trugen ihre heimatlichen traditionellen Uniformen in hellen Farben; manche Amerikaner staken in verblichenem Blau und Lohgelb, andere waren in abenteuerlich lumpigen Aufputz gekleidet. Dort waren die Gräber der auf den Schanzen 9 und 10 gefallenen Männer – zwei flache Hügel frischer Erde, einer für die Franzosen, einer für die Amerikaner; doch diese Grabhügel waren nicht voneinander unterscheidbar. Sie sahen gänzlich gleich aus. Und dort waren die Kanonen, die Werkzeuge der vorangegangenen Belagerung, die den Feind niedergezwungen hatte. Von der französischen Flotte stammten sie, und zum Beweis dafür, daß sie Schiffswaffen waren, bestand ihre Zier (neben dem Wappen von Bourbon) aus kleinen, wunderschönen schmiedeeisernen Delphinen an ihren Lafetten. Ja, die Kanonen. Um die halbe Welt waren sie gekommen, damit man die ganze Welt verändere. Alle die Tausende von Männern auf dem Schlachtfeld des Jahres 1781 wußten um den Sieg. Ein paar tausend Menschen mehr im näheren Umkreis wußten ebenfalls davon. Doch das waren schon alle. Das Ereignis, das in Yorktown eingetreten war, beschränkte sich noch auf Yorktown. Colonel Tench Tilghman war es, der den Auftrag hatte, die Botschaft in die ganze Welt hinauszutragen – die Nachricht, daß sie fortan anders sein müsse.
Als er vor Washingtons Zelt stand, dachte er, daß dies eine zu große Aufgabe für einen Menschen sei. Natürlich, er brauchte nur das zu tun, was Washington befohlen hatte – reiten. Schon oft, sehr oft, war er auf Washingtons Befehl geritten. Durch Sonnenglut war er gesprengt, durch Finsternis, durch Regen, durch Staub, durch Graupel, durch Kugelhagel. Er und sein Pferd hatten einer Verlängerung von George Washingtons Wille und Stimme geglichen.
Aber diesmal ging es um etwas anderes …
Eine Touristenfamilie des Jahres 1974 zog an der Stelle vorbei, wo er, der Geist, noch stand. Sie schleppte Picknickkörbe. Die Eltern schlürften im Vorübergehen Erfrischungsgetränke aus Flaschen. Ein junger Bube nagte an seiner Zuckerstange. Ein etwas kleineres Mädchen mampfte Kartoffelchips, die es mit automatenhafter Regelmäßigkeit aus einer durchsichtigen Cellophantüte schaufelte und in den rundum von Krumen verklebten Mund schob. Ein noch kleinerer Junge lutschte an einem Schnuller. »Laßt uns hier essen«, sagte die Mutter und deutete mit ihrer Flasche. »Wir können die Sachen auf diesen großen Steinen auspacken.«
Die Stelle, wohin sie wies, war der Begräbnisplatz der Gefallenen von den Schanzen 9 und 10; die Gräber waren nicht länger nur Haufen frischer Erde. Im Jahre 1974 waren sie mit flachen breiten Steinen gekennzeichnet. Die Frau, ihr Ehepartner und ihr Nachwuchs waren für den revolutionären Colonel unsichtbar …
Statt dessen ruhte sein Blick auf seinem Pferd, das einige Meter von Washingtons Zelt entfernt angekoppelt stand und nun ein erwartungsvolles Auge rollte. Das Tier wußte, es würde bald wieder gebraucht, und scharrte mit den Hufen die Erde auf, um seinem Unwillen über die zeitweilige Untätigkeit Luft zu machen. Ein halbes Dutzend Schritte, das Heben eines Fußes, ein Sprung, Knie und Zügel dahin, wo sie hingehörten – und Mann und Tier würden wieder eins sein, und diese Einheit setzte sich in Bewegung. Machte sich auf den Weg. En route. »Zum Kongreß.« Was hieß: Zu den im Kongreß vertretenen Abgeordneten der Vereinigten Staaten. Der Ort, wo die Abgeordneten der Vereinigten Staaten sich versammelten, war Philadelphia. Zweihundertundfünfzig Meilen über Land und Wasser lag Philadelphia entfernt.