Es blieb die Frage, warum jemand so etwas tun sollte, aber andererseits machten die Leute ständig komische Sachen. Und einen künstlichen Menschen zu erschaffen war ein sehr alter Traum. Vielleicht war er unsinnig, aber er stand in einer langen Tradition. Und hier standen sie nun, und sie war sich nicht sicher, was sie vor sich hatte. Das war schon an sich interessant.
Wenn man Sex mit einer Maschine hatte, war das dann interessant oder bloß eine komplizierte Methode zur Selbstbefriedigung? Würden die eigenen Reaktionen in irgendeiner Weise bei dem Qube ankommen? Würde er auch Sex haben?
Wenn sie es herausfinden wollte, würde sie es ausprobieren müssen. Es handelt sich lediglich um eine neue Art, die Frage nach dem Bewusstsein von Qubes zu ergründen. Man durfte im Umgang mit ihnen niemals vergessen, dass da niemand zu Hause war, wie sehr es auch den gegenteiligen Anschein haben mochte: Da war kein Bewusstsein, kein Gegenüber, nur ein Mechanismus, der von seinen Schöpfern darauf programmiert worden war, auf bestimmte Stimuli in bestimmter Weise zu reagieren. Ganz egal, wie komplex die Algorithmen waren, sie fügten sich nicht zu einem Bewusstsein zusammen. Doch obwohl Swan diese Überzeugung vertrat, konnte selbst Pauline sie recht oft überraschen, weshalb es schwer war, nicht auf die Illusion hereinzufallen.
»Du hast wunderschöne Haut. Sie fühlt sich an wie mein eigen Fleisch und Blut.«
»Danke.«
»Denkst du, dass du denkst?«
»Ich denke ganz eindeutig«, antwortete die Weibliche.
»Du hast also eine Folge von Gedanken, die mehr oder weniger kontinuierlich ineinander übergehen, du assoziierst im Feld aller dir möglichen Gedanken frei von einem Thema zum nächsten?«
»Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich so ist. Ich glaube, es ist eher eine Frage von Stimulus und Reaktion, wobei meine Gedanken auf die Stimuli eintreffender Informationen reagieren. Derzeit denke ich zum Beispiel über dich und deine Fragen nach, über den Vergleich zwischen meinem grünen Kleid und dem grünen Gras, darüber, was ich zu Mittag essen werde, da ich etwas hungrig bin …«
»Ihr esst also?«
»Ja, wir essen. Genau genommen fällt es mir schwer, nicht zu viel zu essen!«
»Mir auch«, sagte Swan. »Und hast du jemals darüber nachgedacht, Sex mit mir zu haben?«
Die drei starrten sie an.
»Tja, aber wir sind uns doch gerade erst begegnet«, sagte die eine.
»Das ist oft der Moment, in dem die Leute an so etwas denken.«
»Tatsächlich? Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt.«
»Glaub mir, es stimmt.«
»Ich habe keinen guten Grund, dir zu glauben«, sagte die Zweite. »Dafür kenne ich dich nicht gut genug.«
»Kennt man sich dafür jemals gut genug?«, fragte die Dritte.
Sie lachten.
»Um jemand anderem zu glauben?«, sagte die Weibliche. »Wohl kaum!«
Sie lachten erneut. Vielleicht lachten sie ein bisschen zu viel.
»Seid ihr auf Drogen?«, fragte Swan.
»Ist Koffein eine Droge?«
Jetzt kicherten sie.
»Ihr drei seid alberne Mädchen«, sagte Swan.
»Das stimmt«, gab die Weibliche zu. Sie goss Tee aus der Kanne in vier kleine Tassen und reichte sie weiter. Die Zweite öffnete einen Korb und holte Kekse und Kuchen heraus, die sie auf kleinen weißen Stoffservietten austeilte. Alle stürzten sich gierig auf das Essen. Die drei aßen wie ganz normale Leute.
»Könnt ihr schwimmen?«, fragte Swan. »Oder nehmt ihr heiße Bäder?«
»Ich nehme heiße Bäder«, sagte die Dritte, was die anderen dazu veranlasste, gedämpft in ihre Servietten hineinzukichern.
»Können wir das machen?«, fragte Swan. »Badet ihr ohne Kleider? Dann könnte ich eure Körper nämlich im Ganzen sehen.«
»Und wir könnten deinen sehen!«
»Das ist in Ordnung.«
»Sieht aus, als wäre das mehr als nur in Ordnung«, murmelte die Weibliche, und die anderen warfen die Köpfe in den Nacken und lachten.
»Lasst uns das machen!«, rief die Zweite.
»Ich möchte erst meinen Tee austrinken«, sagte die Weibliche affektiert. »Er schmeckt gut.«
Als sie fertig waren, erhoben die drei sich mit tänzerischer Anmut und führten Swan an den Rand des Beckens, wo bereits ein paar Leute schwammen, manche bekleidet, andere nackt. In dem seichtesten Becken, in dem auch kleine Kinder spielten, sprudelte eine Fontäne über ein rundes Dach und erzeugte einen Baldachin aus Wasser. Die drei Gastgeber Swans legten ihre Picknickausrüstung ab, zogen sich die Kleider über die Köpfe und schritten ans Wasser. Die Weibliche war schmal und mädchenhaft gebaut, und die beiden anderen hatten die gertenschlanken Leiber von Gynandromorphen: etwas breitere Hüften, leicht gerundete Brustmuskeln, aber keine richtigen Frauenbrüste, ein mittleres Verhältnis zwischen Rumpf und Beinen sowie Hüfte und Taille, behaarte Genitalien, die anscheinend hauptsächlich weiblich waren, in denen sich aber kleine dunkle Gebilde befanden, bei denen es sich um kleine Penisse und Hoden wie die von Swan handeln mochte – ohne eine genauere Untersuchung ließ sich das nicht sagen. Letztlich würde das allerdings kaum etwas beweisen, da die ohnehin schon gummiartigen Genitalien leichter zu simulieren waren als Hände.
Also ab ins Wasser. Swan sah, dass die drei gut schwammen, beinahe durchs Wasser schwebten; sie schienen dasselbe spezifische Gewicht zu haben wie Menschen. Dann waren ihre Knochen wahrscheinlich nicht aus Stahl, und wahrscheinlich war ihr Innenleben auch nicht komplett maschinell und nur von einer dünnen Lage Fleisch und Haut bedeckt. Wenn sie tief Luft holten, dann konnten sie sich beinahe treiben lassen, genau wie Swan. Und ihre Augen – ihre Augen blinzelten und konnten einen fixieren oder einen schief anschauen, und sie waren feucht. Konnte man jedes einzelne Stück eines Menschen nachbilden und die Teile dann so zusammenfügen, dass das Ergebnis funktionierte? Sich ein Menschenpuzzle ausdrucken? Das kam ihr unwahrscheinlich vor. Selbst die Natur war nicht besonders gut darin, dachte sie, als sich ihr schmerzendes Knie bemerkbar machte. Ein Simulacrum zu erzeugen … nun, vielleicht konnte man sich allein auf die funktionellen Aspekte konzentrieren. Aber tat das Gehirn nicht das Gleiche?
»Ihr albernen Mädchen, irgendwie seid ihr erstaunlich«, sagte Swan. »Ich kann mir keinen Reim auf euch machen.«
Sie lachten.
»Echte Menschen würden niemals den ganzen Tag damit verbringen, einer Fremden vorzumachen, dass sie Roboter wären«, beschwerte sich Swan. »Ihr müsstet Roboter sein.«
»Die seltsamste aller Möglichkeiten ist aller Wahrscheinlichkeit nach die zutreffende«, sagte die Zweite. »Das ist ein anerkannter Test bei der Bibel-Exegese. Man geht davon aus, dass Jesus aller Wahrscheinlichkeit nach einen Feigenbaum verflucht hat, denn warum sollte es diese Geschichte sonst geben?«
Erneutes Gelächter. Es waren wirklich alberne Mädchen. Vielleicht konnte man einen Roboter höchstens auf dem Niveau einer Zwölfjährigen zum Denken bringen.
Aber wie sie schwammen. Wie sie gingen. Das alles war schwer nachzuahmen; so kam es Swan zumindest vor.
»Das ist komisch«, sagte sie bei sich, eigentlich erfreut. Sie hatte erwartet, dass es leicht werden würde.
Als sie an eine Stelle watete, an der das Becken knietief war, musterten die anderen drei sie unverhohlen, so wie sie sie zuvor gemustert hatte.