Als die Menschen kamen, um Iapetus zu besiedeln, glätteten sie den Kamm des Äquatorbands und statteten es mit einem Fels- und Aluminiumfundament aus. Anschließend formten sie mithilfe von Muschelgenen die Anlage Äquatorstadt. Einen Teil des flachen Kamms ließ man frei, damit er als Standort für Raumhafen-Landebahnen und Ähnliches dienen konnte, aber der Großteil der Erhebung wird inzwischen von einem langen, durchsichtigen Zelt überspannt. Darunter säumen abwechselnd Wohnhäuser, Farmen, Parks, Gärten und Wälder den großen High-Street-Boulevard. Da die Luft im Zelt immer warm gehalten wird, kann die Architektur im Innern sehr offen sein, sodass man durch die Lücken zwischen den Decken und Dächern oft den Saturn sehen kann. Mithilfe von Muschel-Biomimikry ist es gelungen, Gewebe zu erschaffen, das unter einer Außenhülle Kalzium aufnimmt und ablagert. Dieses weiche, lebende Gewebe wurde genetisch so programmiert und gestaltet, dass die Architekten mit seiner Hilfe eine Biokeramik-Struktur über der nächsten errichten können, wie Korallen aufeinander aufbauend. Inzwischen ist praktisch der ganze Innenbereich des Zelts voll damit. Wie bei den meisten Biokeramikgebäuden hat man die schrägen, vielschichtigen Anlagen dazu gebracht, Kämme, Fächerformen, Rillen und andere muschelartige Formen auszubilden, sodass die Gebäude aussehen wie große, übereinandergeschichtete Meeresfrüchte. Oft wird Sydney wegen seines weltbekannten Opernhauses als Vergleich genannt, aber eigentlich sieht die Erhebung um den Äquator inzwischen mehr aus wie ein Great Barrier Reef aus dicht gepackten Muscheln, mit Löchern wie von Röhrenwürmen, durch die man den Anblick des Saturn am Himmel bewundern kann.
Auf Cassini Regio, der schwarzen Halbkugel, verläuft die Erhebung mitten durch einen Bereich, in dem die Menschen vor langer Zeit einmal in Hoppern und Geländewagen herumgefahren sind und den schwarzen Staub weggeblasen haben, um Muster aus freigelegtem weißem Eis zu erzeugen. Überall, wo es so leicht ist, einen Kontrast in der Landschaft herzustellen, schreiben Menschen ihre Gedanken hin, damit das ganze Universum sie lesen kann. Vor der Bildung der Saturn-Liga, als die ersten Neuankömmlinge vom Mars gekommen waren, um sich Stickstoff vom Titan zu holen und die anderen Monde ebenfalls nach möglicher Beute zu durchforsten, die sie zum roten Planeten mit zurücknehmen konnten, hatten Leute weiße Linien ins Schwarz gezogen. Man brauchte nicht mehr als ein Laubgebläse dafür, und schon bald waren weite Teile von Cassini Reggio wie der Newspaper Rock von Petroglyphen bedeckt. Da waren weiß-schwarze abstrakte Muster, Tiere, Strichmännchen, Kokopellis, Schrift aus zahlreichen verschiedenen Alphabeten, Porträts, Landschaftsformen, Bäume und andere Pflanzen; es nahm kein Ende. Später räumte man einige Bereiche ganz frei und überzog sie anschließend mehr oder weniger dick mit dem gesammelten schwarzen Staub, wodurch man Graustufen erhielt, die einen täuschenden Eindruck von Tiefe vermittelten und mal so angelegt waren, dass man den Effekt von der Erhebung aus sehen konnte, und mal so, dass man ihn nur aus dem All wahrnahm.
Graffiti auf Iapetus! Später wurde es zu einem Fehler erklärt, zu einem Skandal, einer moralischen Dummheit, sogar zu einem Verbrechen; in jedem Fall für abscheulich. Hier und da wurde die Forderung laut, Cassini Reggio wieder komplett schwarz einzufärben. Vielleicht wird es auch eines Tages dazu kommen, aber man sollte sich nicht zu große Hoffnungen machen, denn letztlich sind wir dazu da, uns ins Universum einzuschreiben, und es ist durchaus angemessen, dass wir uns daran erinnern, wenn man uns ein leeres Blatt hinhält. Landschaftskunst erinnert uns immer wieder daran: Wir leben auf einer Tabula rasa und müssen auf ihr schreiben. Es ist unsere Welt, und ihre Schönheit existiert allein in unseren Köpfen. Selbst heute treten manchmal noch Leute über den Horizont und kratzen ihre Initialen in den Staub.
Wahram daheim
Wahram kehrte als verstörter Androgyner zum Saturn zurück. Trotz all seiner Theorien befand er sich noch immer im Tunnel. Er versuchte, in das Pseudoiterativ seines Lebens auf Iapetus zurückzufinden, und in mancherlei Hinsicht war es tatsächlich einfach; es handelte sich nicht um ein Leben, das er jemals vergessen würde. Ein oder zwei Tage lang konnte man sich seltsam dabei vorkommen, seit Jahren zum ersten Mal wieder in einer Stadt zu sein und trotzdem gleich nach dem Aufwachen wie durch Zauberei zu wissen, wo man hinmuss – in den kleinen Gemischtwarenladen um die Ecke, wo es frisches Brot und Milch und all das gab. Doch dann fielen die Jahre dazwischen von einem ab, und man war einfach wieder zu Hause. Zu Fuß zur Arbeit, über die lange Promenade an der nördlichen Fensterwand, von der aus man sehen konnte, wie ungeheuer tief der steile Abhang am Rande der Erhebung war. Am Rande der Cassini-Region sah man schwarze Spitzen ins Weiß hineinragen: ein gewaltiges chinesisches Landschaftsgemälde, feine schwarze Pinselstriche auf weißem Papier. An der Ecke eines kleinen Platzes befanden sich die Büros des Rates in einem gedrungenen Turm mit durchsichtigen Wänden. Viele der Leute, die hier arbeiteten, waren Bekannte von ihm; es kam ihm vor, als durchlebte er erneut eine frühere Reinkarnation. Er konnte alles wieder ganz genauso machen; er konnte all seine Bewegungen nachahmen wie ein Schauspieler in einem Stück, das im vorangegangenen Jahrhundert spielt; er konnte einen täglichen Gottesdienst daraus machen und das ganz normale Leben als ein von ihm selbst heraufbeschworenes Déjà-vu leben – aber nein.
Nein. Weil das sehr viel unnachgiebigere Pseudoiterativ des Tunnels nach wie vor seinen Kopf erfüllte und die Wahrnehmungen des jeweiligen Augenblicks überlagerte. Und da Iapetus in der Gegenwart in erster Linie eine Wiederaufführung von Iapetus war, erschien ihm die Vergangenheit, die aus der erst kürzlich von ihm durchlebten Zeit mit seiner sprunghaften Freundin bestand, sehr viel lebendiger. Er fragte sich, was sie machte. Swans Launenhaftigkeit kannte keine Grenzen, aber die Zeit im Tunnel war für sie genauso wie für ihn eine ziemlich niederschmetternde Erfahrung gewesen. An der Aufzugstür hatte sie ihn beschützt, einfach so, weil es die naheliegende Sache war und sie keine Zeit zum Nachdenken gehabt hatte. Es war pures Instinkthandeln gewesen. Und er hatte ihr seinerseits durch ihre Strahlenkrankheit geholfen, wobei er viel zu viel Zeit zum Nachdenken gehabt hatte.
Wann immer er also dachte, er würde an überhaupt nichts denken, erwischte er sich dabei, wie er Fetzen von Beethovens Melodien pfiff und dazu in Gedanken ein unglaublich virtuoses Gewebe von Lärchengesang hörte. Er fragte sich, wie sie wirklich geklungen hatten, ob Pauline sie die ganze Zeit aufgezeichnet hatte und die Musik, die sie gemacht hatten, bereinigen und abspielen konnte – eine weitere Art der Transkription. All die armen Musiker … Vielleicht war eine Aufzeichnung immer etwas, das die Erinnerung verzerrte und wonach man überhaupt nicht streben sollte. Es war besser, die Sache selbst zu wiederholen. Er würde es nur dann wirklich wieder hören, wenn sie wieder gemeinsam sangen.
Nein. Er musste an etwas anderes denken und sich in die Gegenwart zurückholen. Vielleicht würde er Swan einmal irgendwo wiedersehen, und dann würden sie pfeifen oder auch nicht. Wahrscheinlich nicht, er lebte schließlich in der wirklichen Welt. Also … ob nun erst seit gestern oder seit langer Zeit, das Vergangene war vergangen: Die Gegenwart war die einzige Wirklichkeit. Er musste also dringend mit einem neuen Pseudoiterativ beginnen, bei dem er nicht bloß drei oder vier Leben zurückliegende Gewohnheiten aufwärmte. Er brauchte einen neuen Iapetus, in den die Erinnerung an Swan vernünftig eingeschrieben war.
So begann er damit, jeden Abend der High Street bis zu jenem Park zu folgen, von dem aus man die beste Sicht auf den Saturn hatte, um ein Ritual zu etablieren, um mit dem großen beringten Gott Zwiesprache zu halten und manchmal einen Blick auf den Titan, seine wahre Heimat, zu erhaschen, wenn er wie ein Edelstein vor dem Riesen aufblitzte; und allein schon der Akt, den Park zu durchqueren, brachte für ihn eine ganze Reihe von Empfindungen mit sich; im Park traf er sich dann mit einer kleinen Gruppe von Musikern, in der jeder abwechselnd eine Melodie anstimmte und der Rest miteinfiel, und Wahram hörte entweder zu oder versuchte mitzupfeifen – manchmal stimmte er sogar einen Beethoven-Satz an, wenn die Reihe an ihm war, das Ende der Sechsten oder das Ende der Siebten –, und dann fielen alle mit ihren eigenen Instrumenten mit ein, und los ging’s. Mit dem Saturn über ihren Köpfen und ein paar wahrhaft begabten Musikern in ihrer kleinen Kapelle schlug der Augenblick ihn voll und ganz in seinen Bann, und Swan war in seinen Gedanken bei ihm. Wie launisch sie doch war.