Und an den Tagen, an denen sich der Rat und die verschiedenen Arbeitsgruppen nicht trafen, konnte er mit der Tram überall in der Stadt herumfahren, und er konnte durch das Tor zu den Skibooten hinausgehen, in eines einsteigen und die gewaltige Flanke der Iapetus-Erhebung hinabgleiten, bei der es sich hier in der Gegend um einen sanften Hang mit schwarz gekrönten weißen Wellenkämmen handelte, an manchen Stellen wie eine aufgewirbelte Schneedecke, an anderen wie die gefrorenen Wogen einer Sturzflut. Es gab Buckel, die wiederum selbst große Hügel waren. Die Skiboote glitten den Hang hinab, gruben Rillen ins Eis und vollführten auf Wunsch auch Sprünge und Rollen; aber sie konnten auch einfach die ganze Abfahrt lang einer geraden Linie folgen oder sogar in einem Winkel von 45 Grad frontal den Hang hinabsausen, und selbst bei Höchstgeschwindigkeit brauchte man einen ganzen Tag, bis man unten war. Die Fahrten dauerten so lange, dass viele Leute in größeren Booten herabfuhren, um auf dem Weg zu feiern, und auch das probierte Wahram gelegentlich aus. Unten angekommen, stieg man in eine Seilbahn, die einen wieder hochbrachte, und auf dem Weg waren alle bester Laune und brachten das oft durch Gesang zum Ausdruck. Die Leute teilten Schnaps miteinander und sangen Schubert. Wahram hatte all diese Dinge schon vor langer Zeit getan, in seinem ersten Jahr auf Iapetus, aber irgendwie hatte er sie sich abgewöhnt und dann vergessen. Nun hatte der Gedanke an Swan sie in sein Leben zurückgebracht.
Selbst bei der Arbeit wurde er an Swan erinnert, als Rat und sein Stab aus Mitarbeitern besprachen, wie sie jetzt, nach der Zerstörung Terminators, mit dem Lichthandel mit den Vulkanoiden umgehen sollten. Wahram wies seine Kollegen darauf hin, dass man Terminator schon bald wieder aufbauen und neu beziehen würde und die Stadt somit nach wie vor ein Bündnispartner sei, mit dem sie bereits eine Abmachung hatten. Alex’ Tod änderte nichts an dieser Abmachung. Wahram war klar, dass er damit zwar nur das Offensichtliche aussprach, dadurch aber trotzdem voreingenommen erschien, was er auch war, weshalb er sich im Anschluss schweigend anhörte, was die anderen zu sagen hatten. Sie warteten mit keinen großen Überraschungen auf: Vielen hatte die Abmachung mit Merkur von Anfang an nicht gefallen, und jetzt kehrten sie zu ihren alten Standpunkten zurück und sprachen sich dafür aus, dass man direkt mit einer Art Vulkan-Liga oder sogar mit einzelnen Vulkanoiden verhandeln sollte. Schließlich handelte es sich nicht um Raumschiffe, sondern um kleine Asteroiden in einer stabilen Umlaufbahn mit einer Entfernung zwischen 0,06 und 0,21 astronomischen Einheiten von der Sonne – dreißig Kilometer durchmessende Felsbrocken, deren sonnenzugewandte Seiten weißglühend waren und die gerade groß genug waren, um ihre Solettas auszufächern und in ihrem Innern die kleinen Habitate zu beherbergen, in denen ihre Betreiber oder Verehrer lebten. Einige von Wahrams Kollegen beharrten darauf, dass es sich bei ihnen um Stadtstaaten wie alle anderen auch handelte, die nicht von einer externen Macht wie Terminator repräsentiert werden sollten, ganz egal, welche Zusagen Alex gemacht hatte. Wie es denn den Stadtstaaten der Saturn-Liga gefallen würde, wenn irgendeine Partei vom Jupiter Anspruch darauf erhob, sie zu vertreten, nur weil ihre Umlaufbahn zwischen dem Saturn und dem Rest der menschlichen Zivilisation verlief? Hatte Terminator in diesem Fall nicht letztlich damit argumentiert? Handelte es sich dabei nicht in Wirklichkeit um einen weiteren Schritt hin zu dem, was manche als die Alexandrinische Integration bezeichneten – den Versuch, an den KIs vorbei das Sonnensystem zu einen, und zwar unter Alex?
Nicht direkt, hatten andere sehr zur Erleichterung Wahrams eingewandt. Er hatte zusammen mit Alex an eben diesem Projekt gearbeitet, und obwohl die Beschreibung seiner Kollegen nur bedingt darauf zutraf, wäre das angesichts ihrer Anschuldigungen schwer zu erläutern gewesen. Da war es sehr viel besser, die Diskussion als stiller Beobachter mitzuverfolgen und zu warten, bis sie sich totlief und der Rat sich auf seine gemächliche Art einem neuen Thema zuwandte. Der Hauptgrund dafür, dass das ein Weilchen dauern würde, waren die Ratsmitglieder von Hyperion und Tethys: Sie waren beide ziemlich ausschweifend und schossen sich zwanghaft auf irgendwelche nur für sie interessanten Kleinigkeiten ein. Der Rat war eine der vielen Organisationen in der Saturn-Liga, die aus zeitweilig einberufenen Mitarbeitern bestand, und die ständige Belegschaft, die ihnen unter die Arme greifen sollte, musste die Vorgänge oft dezent vorantreiben und ihre Arbeitgeber unmerklich durch die Entscheidungsprozesse leiten. Doch einige der Minister, die durch das Los bestimmt worden waren und ein Jahr lang die Verantwortung für das Wohlergehen des Saturn-Systems trugen, wollten die volle Kontrolle über ihre Entscheidungen haben und die bestmöglichen Entscheidungen treffen, indem sie sich umfassend informierten. In der Theorie war das bewundernswert, doch in der Praxis quälend langwierig.
So ging bei dieser Diskussion der Streit hin und her zwischen der Meinung, dass Merkur in diesem Fall der legitime oder zumindest vereinbarte Makler war, der ihnen darüber hinaus auch Schwierigkeiten bereiten konnte – und dem Saturn außerdem einiges anzubieten hatte –, und der Meinung, dass die Merkurianer Schleichhändler waren, denen es gelungen war, sich den kleinen neuen Siedlungen einwärts von ihnen als Schutzgeldracket aufzupressen, und dass man sie deshalb in diesem ihrem Winter des Unglücks aus dem Geschäft manövrieren sollte.
Letztlich kam der Rat zu dem Ergebnis, das Wahram bereits seit Stunden vorhergesehen hatte: Da Wahram die Merkurianer so sehr mochte, sollte er selbst zu ihnen zurückkehren, um die Lage vor Ort in Augenschein zu nehmen, mit den Löwenjungen zu reden und in Erfahrung zu bringen, wer die nächste Löwin sein würde, sowie anschließend den Vulkanoiden einen Besuch abstatten und sie fragen, was sie von der Vorgehensweise hielten, die Merkur dem Saturn vorgeschlagen hatte. Man wies ihn an, ihr Abkommen falls möglich so anzupassen, dass Terminator aus dem Spiel war.
Aufgrund seiner Abneigung gegen letztere Anweisung hätte er sich wahrscheinlich weigern sollen, aber er konnte sich gut vorstellen, dass ein anderer Gesandter zu einem für die Merkurianer sogar noch ungünstigeren Ergebnis führen mochte. Außerdem ermöglichte der Auftrag es ihm, schon sehr bald wieder in Sonnenrichtung zu reisen, was ein interessanter Gedanke war. Und was seine Instruktionen betraf, zu denen konnte er sich etwas einfallen lassen, wenn er da war. Insbesondere, wenn es um Alex ging, ähnelte ein Gesandter heutzutage einem Diplomaten alter Zeiten, der nicht nur Botschaften übermittelte, sondern auch Entscheidungen traf. Wenn er auf dem Merkur ankam, konnten die Dinge schon wieder ganz anders liegen. Mit ein bisschen Vorausschau konnte er sich dessen nahezu gewiss sein.
Also nahm er den Auftrag ohne weitere Widerworte an.
An diesem Punkt erhob sich der Satyr von Pan, um das Wort zu ergreifen. »Du musst es uns sagen, falls diese Sache deiner Meinung nach andere Projekte von Alex in Gefahr bringen könnten. Kannst du den Rat bitte daran erinnern, was hier auf dem Spiel steht, und über den Fortgang dieser Projekte in ihrer Abwesenheit berichten?«
Wahram nickte steif und überlegte, wie er antworten sollte. Er und die anderen Alexandriner versuchten, unauffällig zu agieren, und einige Ratsmitglieder waren zu unaufmerksam gewesen, um die Autorisierung und Finanzierung ihres Projekts im Rahmen größerer Posten mitzubekommen. »Alex hat ihre Projekte unabhängig voneinander gehandhabt, das ist also kein Problem für uns. Eine Gruppe um Wang und Inspektor Jean Genette kümmert sich um gewisse andere Angelegenheiten. In seinem gesamten Umfang könnten wir all das nur vollständig abgeschirmt besprechen, weshalb es genügen muss, wenn ich sage, dass Alex stark in ein Mondragon-Projekt involviert war, bei dem die Erde bei der Lösung ihrer ökologischen Probleme unterstützt werden soll. Viele der Terrarien im Mondragon sind daran beteiligt, es hat seine eigene Dynamik, und auch wir haben uns bereit erklärt mitzuhelfen. Außerdem finden gerade Ermittlungen statt, die der Frage nachgehen, welche Rolle die Qubes bei gewissen fragwürdigen Aktivitäten auf Mars, Venus, Io und anderswo gespielt haben. Auch die werden fortgesetzt, unabhängig davon, was bezüglich der Vulkanoiden passiert. Letzteres ist bloß ein Nebenschauplatz, wenn auch zugegebenermaßen ein wichtiger.«