Das verlassene Schiff trieb und schwang unter seinem Ballon von einer Seite zu anderen. In der Wolke war es ein gutes Stück finsterer, es herrschten Schokoladenfarbtöne vor, die hier und da orange- oder bronzefarben aufleuchteten und sich dann wieder verdunkelten. Wenn man einen musikalischen Ausdruck für die Aussicht finden wollte, musste man wohl gleichzeitig Satie und Wagner spielen, dachte Wahram, ein winziger Stachel der Wehmut in den hochtrabenden Stürmen; welch kleines, verlorenes Schiff.
Sie schnallten sich im Hopper des Wolkentauchers an und verließen mit ihm die Landebucht. Bebend kämpfte das kleine Schiff gegen die Turbulenzen an. Aus dem Nebel ragte die dunkle, schweigende Masse ihres Ziels. Wahram fühlte sich unwillkürlich an die Marie Celeste erinnert oder an Papas Hausboot auf dem Fluss. Doch er hatte keine Zeit für diese alten Geschichten, er musste sich auf die Gegenwart konzentrieren, die allem Anschein nach einen typischen Asteroidenschlepper bereithielt, mit einem klobigen, altmodischen Deuterium-Tritium-Fusionsantrieb am Heck.
»Ist es das Schiff, das ihr sucht?«, fragte Wahram.
»Ich glaube schon«, antwortete Genette. »Dein System hat es mit einem Sender markiert, als es in den Saturn eingeflogen ist, und jetzt erhalten wir ein Signal von diesem Sender. Schauen wir es uns mal an.«
Sie legten an dem Schiff an, wobei ihr Pilot das Problem der Ankopplung im böigen Wind elegant löste. Als sie schließlich magnetisch verankert waren, zogen sich die drei und noch zwei von Genettes Kollegen ihre Raumanzüge an und gingen, allesamt mit Ariadnefäden gesichert, hinaus.
Swan flog mit ihrem Düsenantrieb vor den anderen am Schiff entlang und setzte neben einer Luftschleuse auf, die sich unmittelbar vor dem klobigen Antrieb befand. Als sie die Schaltfläche betätigte, wurde das rote Licht grün, und die Schleuse öffnete sich. Dann blitzte ein Licht auf und verblasste ebenso schnell wieder. Swan schrie auf.
Genette flog an ihre Seite, schwebte wie ein kleiner Schutzengel über ihrer Schulter und zog sie zurück. »Warte einen Moment. Das gefällt mir nicht. Und Passepartout hat mir gerade gesagt, dass das Schiff soeben ein starkes Funksignal abgesetzt hat.«
Der kleine Inspektor flog vor ihnen in die Luftschleuse und zog dabei ein bolzenschneiderartiges Werkzeug aus der Hüfttasche. »Vielleicht kam es ja hierher.« An der Innentür der Luftschleuse war ein Gehäuse angebracht. »Das ist eine Klette. Eine Art kleiner Wachtposten. Vielleicht hat sie ein Bild von dir gemacht und übertragen. Wir sollten sie mitnehmen.«
Swan schlug neben der Luftschleuse an die Außenhülle. »Hier sind wir! Ich scheiß auf euch!«
»Das wissen sie bereits«, sagte Genette und machte sich an dem kleinen Gehäuse zu schaffen wie an einer Muschel. »Aber vielleicht können wir ja den Spieß umdrehen. Dieses Schiff dürfte irgendeinen Ursprungsort haben, es wird etwas geben, was wir zurückverfolgen können. Wir nehmen seine KI mit.« Die anderen Interplan-Ermittler öffneten die innere Luftschleusentür; im Innern des Schiffs schien ebenso Vakuum zu herrschen wie draußen. Wahram folgte den beiden hinein. Die Lichter waren an, die Brücke schien zu funktionieren, und trotzdem gab es hier weder Luft noch Menschen.
»Jeder weiß, dass ein Schiff sich identifizieren lässt«, sagte Wahram. »Warum sollten sie ihr Schiff hier treiben lassen? Warum haben sie es nicht einfach entsorgt?«
»Ich weiß nicht. Möglicherweise wollten sie es noch mal benutzen und wussten nichts von dem Kursverfolgungssystem des Saturns.«
»Mir gefällt das nicht.«
»Mir auch nicht.«
»Vielleicht ist das ein Schiff von den Blockfreien«, sagte Swan. »Dann gibt es überhaupt keine Aufzeichnungen darüber.«
»Gibt es Schiffe, die gar nicht erfasst sind?«, fragte Wahram.
»Ja«, sagte Genette knapp und steckte mehrere Kabel von Passepartout in eine Reihe Buchsen an einer Konsole.
»Ich habe seine Daten«, verkündete Passepartout.
»Dann verschwinden wir von hier«, sagte Genette. »Passepartout sagt, dass die Ballons, die dieses Ding in der Luft halten, angestochen worden sind. Sie sind groß, aber wir müssen hier trotzdem raus, bevor das Schiff zu weit absinkt.«
Sie eilten durch die kurzen Gänge zur Luftschleuse zurück. Der Pilot ihres Wolkentauchers forderte sie mit drängendem Unterton dazu auf, wieder an Bord zu kommen, damit er von dem anderen Schiff ablegen konnte; sie stürzten mit zunehmender Geschwindigkeit dem Saturn entgegen, während sich der riesige Ballon über ihnen leerte. Hastig quetschten sie sich zu fünft in die Luftschleuse, wobei der Inspektor und die beiden Interplan-Assistenten sich wie Bogenwinkel in die oberen Ecken hängten. Als die Außentür sich öffnete, flogen sie sofort in den freien Raum hinaus. Der Ballon über dem verlassenen Schiff war bereits sichtlich leerer, dünn und faltig und schlaff. Trotzdem flogen die Kleinen um den Rumpf herum und untersuchten und fotografierten ihn Abschnitt für Abschnitt. »Seht ihr«, sagte Genette zu einem von ihnen. »Hier sind Bohrungen für Schrauben. Nehmt Proben von dem Gewinde.«
Dann kehrten sie mithilfe eines ihrer Ariadnefäden an Bord des Wolkentauchers zurück. Sobald sie sich in der Luftschleuse befanden, spürten sie, wie er sich von dem verlassenen Schiff löste und seinen Aufstieg begann. Sie begaben sich zur Brücke, wo der Pilot entweder zu beschäftigt oder zu höflich war, um ein Wort über ihre Lage zu verlieren. Heftig ruckelnd stiegen sie durch die Wolken empor.
»Wir sind raus«, sagte Genette gereizt zu dem Piloten. »Mach langsamer.«
Wahram seinerseits war froh darüber, schnell aufzusteigen. In seiner Jugend war man nicht in den Planeten abgetaucht, und es kam ihm immer noch vermessen und höchst gefährlich vor.
Als sie aus den Wolken heraus waren und sich wieder in einem freien Kanal zwischen den wogenden Massen befanden, entspannte er sich ein wenig. Sobald sie hoch genug waren, konnten sie die nördlichen und südlichen Wolkenbänder sehen, die von dem Wind in die entgegengesetzte Richtung geblasen wurden; in beiden reichte die Wolkendecke etwas höher, sodass es für eine Weile so aussah, als würden sie durch einen sehr breiten Kanal treiben, dessen Ufer mit rasender Geschwindigkeit stromaufwärts an ihnen vorbeizogen.
Als sie noch ein Stück höher gestiegen waren, zeigte Inspektor Genette Swan etwas auf dem Armbandqube-Bildschirm. »Wir haben die Bestätigung. Das Schiff gehört einer Transportfirma mit Sitz auf der Erde, sein Verlust wurde nie gemeldet. Der letzte Hafen, den es offiziell angelaufen hat, war der Asteroid, auf dem wir es gesehen haben.«
Swan nickte und schaute zu Wahram. »Ich fliege als Nächstes zur Erde«, sagte sie. »Kommst du mit?«
Wahram erwiderte vorsichtig: »Ich muss ohnehin systemabwärts. Ich denke also, dass wir uns dort irgendwo treffen können.«
»Das ist gut«, sagte sie. »Dann können wir zusammenarbeiten.«
Sie schien keinerlei Verdacht zu hegen, dass er irgendetwas im Schilde führte. Was angenehm war – sogar ermutigend –, jedoch unglücklicherweise nicht zutraf.
Er schluckte schwer. »Bevor du abreist – kann ich dir vielleicht ein bisschen was vom Saturn zeigen? Es gibt noch eine andere Art des Fliegens, die dir Spaß machen könnte, in den Ringen. Und ich könnte dich meinem Hort vorstellen. Meiner Familie.«
Er sah ihr an, dass sie überrascht war. Erneut schluckte Wahram und versuchte, unter ihrem scharfen Blick ganz neutral auszusehen.
»Na schön«, sagte sie.
Swan und die Ringe des Saturn
Inspektor Genette und sein Team hatten um den Saturn herum das eine oder andere zu erledigen und würden eine ganze Weile lang nicht wieder systemabwärts reisen, weshalb Swan Wahrams Wunsch erfüllen und ihn begleiten konnte. Er hatte sich seltsam verhalten, sein starrer Blick war praktisch durch sie hindurchgegangen – er hatte wirklich richtige Krötenaugen. So ähnlich hatte er sie angesehen, als sie ihm gesagt hatte, dass sie die enceladanische Suite eingenommen hatte; das, was klar aus ihrer verschwommenen Erinnerung an den ganzen Vorfall hervorstach, war sein Gesichtsausdruck – seine Überraschung darüber, dass irgendjemand derart leichtsinnig sein konnte. Tja, daran gewöhnte er sich besser. Sie war eben nicht normal; sie war nicht mal ein Mensch, sondern eine Art Symbiont. Als sie die Außerirdischen gegessen hatte, war sie eine andere geworden – falls sie nicht schon immer eine andere gewesen war. Vielleicht waren ja schon immer Farben in ihrem Kopf erblüht, vielleicht war ihr Sinn für den freien Raum seit jeher so geschärft, dass er ihr Schmerzen oder Glücksgefühle verursachte, und vielleicht galt das Gleiche für ihren Sinn für Bedeutung. Möglicherweise änderten die enceladanischen Tierchen in ihren Eingeweiden auch nicht mehr als all die anderen Tierchen dort. Sie war sich nicht sicher, was sie war.