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Der Ausdruck auf Wahrams Gesicht ließ vermuten, dass es ihm mit ihr genauso ging.

Der Besuch bei Wahrams Hort auf Iapetus bestand letztlich darin, dass sie zu einer der gewöhnlichen Mahlzeiten in der Gemeinschaftsküche vorbeischauten. »Das hier sind einige meiner Freunde und Verwandten«, sagte Wahram, als er Swan einer kleinen Gruppe an einem langen Tisch vorstellte. Swan nickte, als die Gruppe im Chor ein Hallo anstimmte, und dann führte Wahram sie durch den großen Raum und stellte sie einzeln vor. »Das hier ist meine Frau Joyce; das ist Robin. Das ist mein Mann Dana.«

Dana nickte einmal auf eine Art, die Swan an Wahram erinnerte, und sagte: »Wahram ist lustig. Ich meine mich zu erinnern, dass ich die Frau war, als er zu uns gekommen ist.«

»O nein«, erwiderte Wahram. »Ich war die Frau, das kann ich dir versichern.«

Dana lächelte ein wenig verkniffen. »Vielleicht waren wir ja beide Frauen. Es ist lange her. Wie dem auch sei, Miss Swan, willkommen auf Iapetus. Wir freuen uns, eine so berühmte Designerin zu Gast zu haben. Ich hoffe, der Saturn gefällt Ihnen bisher?«

»Ja, es ist interessant hier«, antwortete Swan. »Und als Nächstes nimmt Wahram mich in die Ringe mit.«

Sie folgte ihnen zu dem Esstisch in der Mitte des Raumes, und Wahram stellte sie noch einigen Leuten vor, deren Namen sie gleich wieder vergaß. Sie winkten oder nickten und redeten sonst nicht viel. Schließlich plauderten sie ein bisschen mit ihr, bevor sie sich wieder ihren Unterhaltungen zuwandten und Wahram und seine Besucherin sich selbst überließen. Kleine rote Flecken waren auf Wahrams Wangen getreten, doch auch er wirkte erfreut und verabschiedete sich locker von den Hortgefährten, an denen sie auf dem Weg nach draußen vorbeikamen. Vielleicht war das ja das, was man sich auf Saturn unter einer wilden Party vorstellte, dachte Swan.

Bald darauf nahmen sie ein Shuttle nach Prometheus, dem inneren Schäfermond des F-Rings. Die Wechselwirkung der Gravitationskräfte von Prometheus und Pandora, dem äußeren Schäfermond, verwoben die Milliarden Eisbrocken des F-Rings zu komplexen Schlingen, die ganz anders aussahen als die glatten Bänder der größeren Ringe. Im Endeffekt verquirlten die beiden Schäfermonde den Ring mit ihren Gezeiten und machten dabei einiges an Wellen. Und wo es Wellen gab, gab es Surfer.

Prometheus erwies sich als Kartoffelmond von 120 Kilometern Länge. Sein größter Krater, eine Delle an dem Ende, das dem F-Ring am nächsten war, war mit einer Kuppel überdacht, und unmittelbar innerhalb des Kraterrands befand sich eine Forschungsstation.

Im Innern der Kuppel wurden sie von einer Gruppe Ringsurfer begrüßt, die ihnen stolz die hiesige Welle beschrieben. Prometheus erreichte seine Apoapsis, also den Punkt, an dem er sich am weitesten vom Saturn entfernt befand, alle 14,7 Stunden, und dabei streifte er jedes Mal beinahe die wogende Wand aus Eisbrocken, bei der es sich um die Innenseite des F-Rings handelte. Prometheus bewegte sich schneller in seiner Umlaufbahn als die Eisbrocken in ihrer, weshalb er im Vorbeifliegen eine Girlande hinter sich herzog; ein Gravitationseffekt, den man als Kepler-Scherung bezeichnete. Der Bogen aus mitgezogenen Eisbrocken bildete sich immer in der gleichen Entfernung hinter Prometheus, so vorhersagbar wie das Kielwasser eines Boots. Bei jeder Apoapsis bildete sich diese Welle 3,2 Grad weiter vorne als die vorangegangene, weshalb man berechnen konnte, wo und wann man abspringen musste, um sie zu erwischen.

»Eine Welle alle fünfzehn Stunden?«, fragte Swan.

Das genügte, versicherten ihr die Einheimischen verwegen grinsend. Mehr als eine Welle würde sie nicht brauchen. Man ritt sie für Stunden.

»Stunden?«, fragte Swan.

Mehr irres Gegrinse. Swan drehte sich zu Wahram, konnte sich jedoch wie immer keinen Reim auf seine versteinerte Miene machen.

»Kommst du mit raus?«, fragte sie.

»Ja.«

»Hast du das schon mal gemacht?«

»Nein.«

Sie lachte. »Gut. Los geht’s.«

Mathematisch ließen sich die Ringe als Flüssigkeit beschreiben, und aus einer gewissen Entfernung sahen sie mit ihren schmalen, konzentrischen Wellen auch so aus. Aus der Nähe erkannte man allerdings, dass der F-Ring wie auch die anderen aus Eisbrocken und Staubteilchen bestand, die in Bändern angeordnet waren, welche sich um Einzelkörper herum verdichteten oder ausdünnten und alle mit fast derselben Geschwindigkeit flogen. Gravitation: Hier sah man ihre Auswirkungen unverfälscht, ungestört von Wind oder Sonnenstrahlung oder anderen Einflüssen – es gab nur die Anziehungskraft des sich drehenden Saturn und einige kleine rivalisierende Zugkräfte, die alle zusammen dieses spezielle Muster bildeten.

Prometheus war ein perfekter Startpunkt für die Surfer, und diejenigen, die sich mit Swan und Wahram auf den Weg machten, wiesen sie darauf hin, dass sich erfahrene Veteranen vor und hinter ihnen befinden würden, wenn man sie in die Welle hinausschoss, um sie im Auge zu behalten und falls nötig Hilfestellung zu leisten. Sie gaben ihnen Tipps darüber, wie man die Welle am besten erwischte, aber Swan nickte bloß höflich und vergaß die Ratschläge gleich wieder: Surfen war Surfen. Man musste den Wellenkamm mit der richtigen Geschwindigkeit erwischen, und los ging’s.

Dann waren sie alle angezogen und flogen aus einer Luftschleuse. Die weiße, aufgewühlte Wand des F-Rings war direkt neben ihnen: Dort, wo das Geröll dichter war, wirkten die Girlanden knotig, doch insgesamt war die Fläche ausgesprochen eben und maß in der Ebene zum Saturn von Norden nach Süden nur zehn Meter. Bei diesen zehn Metern handelte es sich nicht um die Höhe der Welle, sondern um ihre Breite – was bedeutete, dass man an jeder Stelle aus dem Eis auftauchen und sich abholen lassen konnte, wenn man in Schwierigkeiten geriet. Die meisten Wellen, die Swan bisher geritten hatte, waren anders beschaffen gewesen, und die Vorstellung beruhigte sie.

Sie flogen immer dichter an die weiße Wand heran, bis Swan deutlich einzelne Eisbrocken ausmachen konnte, deren Größe und Form irgendwo zwischen der von Sandkörnern und der von Koffern lag, wobei hier und da auch mal ein Eismöbelstück – ein Schreibtisch oder Sarg – zwischen ihnen umhertrieb. Einmal sah sie eine kurzzeitige Zusammenballung, die etwa so groß wie ein kleines Haus war, jedoch vor ihren Augen auseinanderfiel. Und nun löste sich gerade eine weiße Schleife aus der Wand und flog auf den Saturn zu, der sich unter ihnen zwar gewaltig blähte, aber von keinerlei Interesse war.

Swan probierte ihre Düsen auf dem Weg zur Welle aus. Wie eine Klarinettenspielerin betätigte sie sie mit den Fingern und glitt in einem kleinen, selbst ausgedachten Schwebetanz dahin. Raumanzüge waren so ziemlich überall gleich. Sie konzentrierte sich auf die herannahende Woge, die wie Hiroshiges Welle über ihr aufragte. Sie war etwa zehn Kilometer hoch und schwoll schnell an. Sie musste sich drehen und mit dem Strom beschleunigen, aber nicht so schnell, dass sie der Woge davonflog. Das war der schwierige Teil …