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So transportierte er Päckchen und gelegentlich einen radioaktiven Geländewagen über Ishtars Rückgrat hin und her. Mit einem Blick auf die Landkarte sah Kiran, dass das riesige Hochplateau, das die westliche Hälfte Ishtars beherrschte (handelte es sich dabei um Ishtars Schultern oder Ishtars Hintern?), Lakshmi-Planum hieß. Er wusste nicht, ob es sich dabei um einen Zufall oder eine Anspielung handelte. Er musste ein persönliches Dosimeter tragen, das tickend die Millisievert anzeigte. Ein Glück, dass die Langlebigkeitsbehandlungen gute Mutationstherapien beinhalteten!

Viele Fahrten machte er alleine, und die KIs an Bord der schweren Fahrzeuge waren wahrhaft einfach gestrickt. Die Übersetzungsbrille erinnerte stark an einen Hund, aufmerksam, aber berechenbar. Kiran hatte Hunde noch nie gemocht, aber da es für ihn ohnehin schon schwer genug war, sich zurechtzufinden, musste er sich mit diesem wohl anfreunden.

In Kleopatra machte er sich nach seinen Treffen mit Kexue immer auf die Suche nach den lautesten Bars, die er finden konnte. Am Ende einer Gasse hörte er englischen Gesang, eine ganze Gruppe, die die Ballade von John Reed sang, und er wäre beinahe gerannt, um sicherzugehen, dass sie nicht auf rätselhafte Weise wieder verschwinden würden, ehe er bei ihnen war. Aber es stellte sich heraus, dass es bloß eine Singbar war, in der schlechtes Bier und schlechte Witze serviert wurden und einige wenige Leute Englisch sprachen. Trotzdem traf er dort eine Frau, Zaofan (Steh auf und rebelliere). Er ging mit ihr ins Hinterzimmer, und als sie nach dem Sex wieder auftauchten, in die Welt der Sprache zurückkehrten und sich in der Dunkelheit vor der künstlichen Morgendämmerung der Stadtkuppel unterhielten, erwähnte sie, dass sie ebenfalls für Lakshmi arbeitete. Kiran verspürte einen kurzen Anflug von Angst – das schien ihm mehr als bloß Zufall zu sein. Sehr vorsichtig stellte er ihr einige Fragen, und nach einer Weile vermittelten ihm ihre Antworten den Eindruck, dass die Hälfte der Bevölkerung Kleopatras für Lakshmi arbeitete, sodass ihr Zusammentreffen vielleicht doch ein Zufall sein mochte. Das war ein angenehmer Gedanke: Er wollte nicht gern in irgendwelche Intrigen verwickelt sein, die er nicht verstand. Andererseits wollte er durchaus in die Intrigen verwickelt sein, die er verstand. Das würde bedeuten, dass er Fortschritte machte. Also hing er von da an in der Singbar herum, und mithilfe seiner Brille und mit den Leuten dort, die Englisch und in ein oder zwei Fällen ein bisschen Telugu sprachen, redete er eine ganze Menge. Einmal saß er zum Beispiel zwischen einem Uiguren und einem Vietnamesen, deren Englisch derart verfremdet war, dass es schon wieder nach Lyrik klang. Doch er konnte die beiden verstehen, und in solchen Situationen dankte er stumm den englischen und amerikanischen Großreichen der Vergangenheit und sog jedes Wort in sich auf.

Wann immer er seine Freundin Zaofan fand, blieb er in ihrer Nähe, und mithilfe von ihr und ihrer Einheit brachte er mehr über Lakshmi in Erfahrung. Lakshmi gehörte zur Arbeitsgruppe, da waren sich alle einig. Sie mochte Shukra nicht; sie mochte China nicht. Genau genommen wusste niemand, ob sie überhaupt etwas mochte. Es gab Gerüchte darüber, dass Lakshmi in der indischen Mythologie ein Avatar der Todesgöttin Kali war – oder vielleicht verhielt es sich auch umgekehrt, da war sich niemand so sicher. Ihre Lakshmi war angeblich ein Hermaphrodit und hatte einen Liebhaberverschleiß wie eine Schwarze Witwe. Niemand wollte ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. In ihrer Jugend war sie überall auf der Venus gewesen, und manche behaupteten, dass sie in ihren Sabbatjahren Schutzgelder in Peking erpresste, unter dem Kriegsnamen Zhandhou (Kämpfe!). Shukra steckte tief in der Scheiße – »Bevor die Sache zu Ende ist, wird er sanwu sein, du wirst schon sehen. Vielleicht wird es sogar vier Fehlende geben, wenn sie ihn auch noch kastriert.«

Anscheinend hatte Lakshmi das gefrorene Kohlendioxid der Venus schräg ins All schießen wollen, was die Rotation der Venus im Laufe der Zeit beschleunigt und ihnen einen natürlichen Tag beschert hätte. Dieser Plan war jedoch zugunsten der umfangreichen Einlagerung verworfen worden. Da Lakshmi allerdings eine so große Macht in der Arbeitsgruppe darstellte, bestand immer die Möglichkeit, dass die Dinge eines Tages wieder anders liegen würden. Wer konnte das schon sagen? Die Arbeitsgruppe war ein verschwiegener kleiner Kreis, der zu überschießender Begeisterung und plötzlicher Fraktionsbildung neigte. Die meisten in der Singbar hielten sie für eine gefährliche Kraft, die sich kein bisschen um die einfachen Venusianer scherte, wenn sie sich nicht gerade bei der Terraforming-Arbeit einsetzen ließen. Mit anderen Worten, es war wie früher in China! China 2.0! Die Chinawelt! Das Reich der Mitte näher an die Sonne verlegt! Das innere Reich der Mitte sozusagen! Man hatte hier eine Menge Bezeichnungen dafür.

Manche Leute in der Bar fanden, dass es sich bei alldem um Übertreibungen und Klischees handelte. Schließlich säßen sie hier in der Singbar zusammen und vollbrächten dort draußen täglich tolle Taten, womit sie ein Teil der Geschichte der Venus wären, egal was die Leute über die Regierung sagten – aber solche Meinungen wurden mit Gelächter und Hohnrufen quittiert. Anscheinend waren die meisten Anwesenden der Meinung, dass sie nur hilflose Beobachter eines gewaltigen Dramas waren, das sich über ihren Köpfen abspielte, ein Drama, dass sie schließlich mit in den Abgrund reißen würde, da konnte man so viel reden oder hoffen, wie man wollte. Deshalb sollte man sich lieber mit Trinken und Palavern und Singen und Tanzen betäuben, bis man schließlich erschöpft durch die frühmorgendlichen Straßen taumelte. Und so folgte auch Kiran Zaofan zu ihrem Platz auf dem Matratzenlager ihres Arbeitstrupps. Nach einigen Malen akzeptierte man ihn als Mitbewohner, was recht angenehm war.

Einmal hatte er bei seiner Rückkehr nach Colette das Gefühl, beobachtet zu werden, und als er es bemerkte, schloss sein Verfolger zu ihm auf. Es war ein großer Mann, der ihm mit einem Blick verriet, dass sich noch jemand hinter Kiran befand. Sofort rannte Kiran in eine verstopfte Gasse und schob sich seitwärts durch die Hintertür eines Ladengeschäfts, was allgemeine Empörung zur Folge hatte, die seine Verfolger hoffentlich behindern würde. Anschließend ging es nur noch darum, so schnell wie möglich zu rennen, immer tiefer in das Labyrinth aus kreisförmigen Gassen in Colettes Innenstadt. Haken schlagend eilte er zu Lakshmis kleiner Vertretung in Colette und zog sich selbstbewusst vor dem Wachmann am Eingangstresen hoch. »Ich will Lakshmi sehen«, schnaubte er. Die Brauen des Wachmanns hoben sich weit, und sofort zeigte eine Pistole auf Kirans Gesicht.

Es dauerte eine Weile, bis Lakshmi in Colette war, und während dieser Zeit ließ der Wachmann ihn nicht aus der Vertretung. Er war mehr oder weniger verhaftet, doch als Lakshmi eintraf, schien sie mit seiner gelungenen Flucht zufrieden zu sein.

»Unterm Rand bei der 123 in Kleopatra gibt es ein geschlossenes Gebäude«, sagte sie, als er seine Geschichte zu Ende erzählt hatte. »Zieh nach Kleopatra, übernachte dort bei deiner Freundin, und lass dich ein bisschen treiben. Versuch festzustellen, wie viele Leute dieses Gebäude täglich betreten und verlassen. Ich glaube, Shukra versucht, ein xiaojinku in meiner Stadt aufzubauen.«

»Funktioniert das wie eine hawala?«, fragte Kiran.

Lakshmi beachtete seine Frage nicht. Sie ging, und auch Kiran durfte gehen.