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Als Kiran also das nächste Mal in Kleopatra war, ließ er sich treiben. Er ging durch die Stadt in den 110. Abschnitt, wo es weniger Speichen-Boulevards gab, dafür mehr größere Industriegebäude. Die Bars waren ebenfalls entsprechend größer. Er betrat eine in der Nähe der Anlage bei der 123 und setzte sich an das Fenster, durch das der Barkeeper den Kellnern die Getränke reichte. Dann schaltete er seine Übersetzerbrille ein und blickte starr vor sich hin, als schaute er sich einen Film auf ihr an, während er das schlechte Bier trank und die Übersetzung der Gespräche um ihn herum las.

Sie sind so schön, das ist ein Fehler.

Lakshmi wollte sie so haben.

Psst! Sie, deren Name nicht ausgesprochen werden darf!

Doch Kiran hörte sie lachen. Die Brille schrieb kein rotes Ha!Ha!Ha! auf die Linsen wie bei einem Comic; eigentlich hätte ihm das gefallen.

Nachdem er den ganzen Abend lang den Barbesuchern zugehört hatte, stand er ein Weilchen auf der Straße herum, nahm eine Straßenbahn zur Randpromenade und spazierte durch die fragliche Nachbarschaft, wobei er beiläufig Blicke nach unten warf. Er ließ die Gespräche um ihn herum von seiner Brille aufzeichnen. Später am selben Abend saß er an einem Ecktisch in einer Bar nahe der Innenstadt und spielte die Aufzeichnungen verbal ab, in der Hoffnung, das eine oder andere Gespräch von Wachleuten aufgeschnappt zu haben. »Sie muss damit aufhören, das ist zu viel.« Jemand anders war nicht besonders glücklich über diese Worte. »Wir arbeiten für Big Pears, tu es einfach.«

Immer wieder spielte Kiran die Aufzeichnungen und Übersetzungen der Brille ab, wobei er versuchte, ein Gefühl für den Klang der chinesischen Sprache zu bekommen, und über die Bedeutung der Gesprächsfetzen grübelte. Da gab es anscheinend einen »Mann aus Schanghai.« Nánrén husheng. Er schien ein bedeutender Mann zu sein. Schanghai war überflutet, dachte Kiran. Vielleicht handelte es sich einmal mehr um einen Code. In der Singbar gab es ein Lied: »Meine Heimat war Schanghai – jetzt liegt sie unter dem Meer – ich kam auf die Venus, weil ich nicht bei den Fischen wohnen wollte – und jetzt bin ich hier, und es ist nasser als am Meeresgrund – und voller Haie! Liebe Güte!«

Das Wort »sie«, tamen, schien sich auf die Arbeitsgruppe zu beziehen, oder auf irgendeine einflussreiche Kraft, die hinter den Kulissen wirkte. »Sie« wollen dies, »sie« werden das tun. Von unten gesehen war die Arbeitsgruppe offenbar völlig undurchsichtig. Entweder wurde sie gewählt oder eingesetzt; niemand wusste, was zutraf. Angeblich gehörten ihr etwa fünfzig Mitglieder an. Manche behaupteten, dass sie den Tongs der alten Heimat ähnelte, andere meinten, dass sie sich ihre Methoden bei den frühen Hans abgeschaut hätten, oder sogar von der untergegangenen Irokesen-Liga Nordamerikas.

Zaofan und ihr Trupp steckten voller weiterer Geschichten, die man sich draußen auf der Straße in kleinen Häppchen erzählte. Lakshmi arbeitete mit anderen zusammen, darunter (natürlich) Vishnu sowie ein Rama und ein Krishna. Einen indischen Namen anzunehmen war vergleichbar damit, sich unter der Qing-Dynastie den Zopf abzuschneiden. Wenn diejenigen, die das taten, Teil der Arbeitsgruppe waren, was sagte das dann über die Beziehungen zwischen der Venus und China aus?

Vishnu und Rama waren anscheinend nur bei Treffen, die im Raumhafen vom Kleopatra abgehalten wurden, was vielleicht bedeutete, dass sie nicht von diesem Planeten stammten oder dass sie viel reisten. Krishna lebte auf Venus, aber in Nabuzana, einer Schluchtstadt auf Aphrodite. Einmal wurde Kiran zu Lakshmi ins Zimmer gerufen, als Krishna zu Besuch war, oder zumindest behauptete Zaofan das später, als er ihr den Besucher beschrieb, den man ihm nicht vorgestellt hatte und der kein Wort gesprochen hatte.

Shukras neues Gebäude bei Kleopatra 123 (falls es das war, worum es sich handelte) war sorgfältig gesichert. Nach den eintreffenden Nahrungsmitteln und dem ausgehenden Recyclingmaterial zu folgern wohnte dort rund um die Uhr eine kleine Belegschaft. Kiran verbrachte eine Menge Zeit in der Umgebung, spazierte umher und behielt das Gebäude im Auge, manchmal von der Randpromenade aus. Kiran fand heraus, dass Lakshmis Leute ebenfalls mehrere geschlossene Häuser in Kleopatra hatten. Vielleicht war sie deshalb der Meinung, dass Shukra sich in ihr Revier drängte, indem er sich auch eines anlegte.

Dann kehrte er eines Tages zu Zaofans Unterkunft in Kleopatra zurück und stellte fest, dass ihr Bereich des Matratzenlagers von einer ganz anderen Gruppe belegt war. Zaofan war fort, genau wie Stärke der Nation und Großer Sprung – die gesamte kleine Gruppe, die ihn aufgenommen hatte. Der Verwalter der Unterkunft erklärte ihm, dass sie alle zusammen abgereist waren, nachdem sie einen Anruf von jemandem auf Aphrodite erhalten hätten. Er zuckte mit den Achseln. So lief das eben auf Venus, brachte er damit zum Ausdruck. Die Leute erhielten ihre Arbeitsanweisungen und zogen mit ihren Trupps weiter. Wenn man nicht zu einem Trupp dazugehörte, dann ging das einen nichts an. Man war xuan, man hing in der Luft.

»Nein!«, rief Kiran laut. »Zaofan!« Er hatte mit diesen Leuten zusammen gelacht, er hatte ihre Namen auf Englisch gesagt und sie damit zum Lachen gebracht!

Die neuen Leute auf dem Matratzenlager kehrten ihm den Rücken zu, bis er bereit war zu reden.

Dann stellten sie sich vor, und da er ihnen erzählen konnte, wo es hier in der Gegend gute Bars und dergleichen gab, nahmen sie ihn in ganz ähnlicher Weise auf, wie der vorangegangene Trupp es getan hatte. Trotzdem fühlte Kiran sich verändert und blieb diesen Leuten gegenüber reservierter als bei seiner ersten Gruppe – bei der es sich eigentlich um seine zweite gehandelt hatte, wenn er genauer darüber nachdachte. Das würde immer wieder passieren, das begriff er jetzt. Man konnte sich anderen Menschen nicht beliebig oft hingeben.

Der Verwalter der Unterkunft, mit dem er sich inzwischen recht gut verstand, erkannte, was in Kiran vorging. »So darfst du nicht denken, sonst kapselst du dich ab! Du kannst dich selbst so oft hingeben, wie du Gelegenheit dazu erhältst. Es gibt da keinen begrenzten Vorrat.«

»Es tut zu sehr weh, wenn die anderen fortgehen.«

Der Verwalter zuckte mit den Schultern. »Es hat keinen Sinn, sich an jemanden zu hängen. Lass los und wende dich neuen Dingen zu. Dein kuo ist dein suo

Dein Ort ist Dein-Ort. Die Philosophie von jemandem, der eine Schlafstatt betrieb. Aber jedes Gebäude auf Venus war eine solche zeitweilige Unterkunft. Vielleicht sogar jedes Gebäude im Sonnensystem.

In der neuen Gruppe gab es ebenfalls ein paar Leute, die für Lakshmi arbeiteten, unten an der neuen Meeresküste, die gerade im Süden gebaut wurde. Sie legten die Städte vor dem Ozean an, der nach wie vor täglich in Form von Schnee niederging. In Sachen Meeresspiegel würde man noch viele Jahre lang mit hohen Einsätzen spielen, und so ziemlich jeder mischte mit. Es gab dabei sogar einen Markt für eine Art Termingeschäfte, insofern man Wetten darauf abschließen konnte, wie hoch der Meeresspiegel letztlich steigen würde. Anscheinend war die Bandbreite dabei ziemlich groß – über zwei Höhenkilometer, was in der Horizontalen gewaltige Landstriche umfasste. In der Arbeitsgruppe und selbst in China wurden offenbar ständig Abmachungen getroffen, gebrochen und erneut getroffen; ständig kamen neue Anweisungen. Man schob riesige Massen von noch nicht abgesondertem Trockeneis umher; und dann war mit einem Mal Schluss damit, und gewundene Wälle blieben wie Höhenlinien auf einer Karte überall in der weißen Landschaft zurück. Das Zeug musste vergraben werden, bevor die Temperaturen noch weiter stiegen, sonst würde es wieder in die Atmosphäre ausdampfen und sie alle vergiften. Das Terraforming, hieß es, wurde langsam zu einem mörderischen Geschäft.