In Nordafrika wird das Muster inzwischen von den vielen großen, seichten Seen aufgebrochen, mit denen die Sahara und die Sahel-Zone übersät sind. Man hat das Wasser aus dem Mittelmeer gepumpt und es in Senken in der Wüste eingelagert, bei denen es sich in vielen Fällen um alte Seebecken handelt. Einige davon sind ebenso groß wie die großen Seen in Kanada und den USA, wenn auch sehr viel seichter. Es handelt sich um Süßwasserseen; man hat das Mittelmeerwasser auf dem Weg ins Inland nach und nach entsalzt, und die dabei gewonnenen Salze hat man mit Bindemitteln zu hervorragenden weißen Mauersteinen und Dachziegeln verarbeitet. Weiße Dachziegel, von einer durchsichtigen photovoltaischen Schicht überzogen, werden seit dem Accelerando bei allen neuen Gebäuden benutzt, und auch ältere Dächer werden nachträglich mit ihnen ausgestattet. Heutzutage sehen Städte aus dem Weltraum gesehen wie Schneeflecken aus.
Doch die saubere Technologie kam zu spät, um die Erde vor den Katastrophen des frühen Anthropozän zu retten. Eine der Ironien jener Zeit war, dass die Menschen dazu in der Lage waren, das Antlitz anderer Planeten radikal zu verändern, aber nicht das der Erde. Die Methoden, die man im All einsetzte, waren praktisch alle zu grob und brutal. Nur mit allergrößter Vorsicht konnte man sich an der Erde zu schaffen machen, weil alles dort so genau ausbalanciert und miteinander verwoben war. Alles, was man irgendwo tat, um die Lage zu verbessern, schadete normalerweise an anderer Stelle.
Diese Zurückhaltung beim Terraforming der Erde war das Ergebnis von vielen bitteren, zuweilen sogar militärisch ausgetragenen Streitigkeiten. Die politischen Auseinandersetzungen führten zu einer juristischen Blockade. Man unterstellte allen großen Geo-Engineering-Projekten ein Potenzial für Pannen, die mit der kleinen Eiszeit der 2140er vergleichbar wären, welche laut allgemeiner Einschätzung eine Milliarde Menschen das Leben gekostet hatte. Gegen diese Angst konnte man nicht ankommen.
Außerdem ließ sich gegen viele Probleme der Erde schlicht und einfach nichts ausrichten. Die Erwärmung und darauf folgende Ausdehnung des Meereswassers – und auch seine Übersäuerung –, es gab keine Terraformingtechnik, die dagegen geholfen hätte. Einen Teil des Wassers hatte man abgepumpt und in die Trockenbecken in Nordafrika und Zentralasien umgeleitet, doch dort ließ sich längst nicht der gesamte Überschuss unterbringen. Zu den größten Prioritäten gehörte der Erhalt der letzten noch gesunden Eiskappe, die der Menschheit geblieben war, hoch oben in der östlichen Antarktis, und deshalb war kaum jemand besonders wild darauf, Salzwasser dorthin zu pumpen, wie gelegentlich vorgeschlagen wurde, denn wenn dabei etwas schiefging und sie die gesamte Eiskappe verloren, würde das den Meeresspiegel um weitere fünfzig Meter ansteigen lassen und der Menschheit mehr oder weniger den Todesstoß versetzen. Es war also Vorsicht geboten, und letztlich musste man sich eingestehen, dass der neue Meeresspiegel sich nicht nennenswert senken ließ. Ähnliches galt für zahlreiche andere Probleme. Die vielen empfindlichen, physikalischen, biologischen und juristischen Komplexe waren so dicht ineinander verwoben, dass keine der kosmischen Ingenieurstechniken, die man anderswo im Sonnensystem zum Einsatz brachte, sich den Anforderungen der Erde anpassen ließ.
Trotzdem unternahm man Versuche. Der Menschheit standen inzwischen so viele neue Möglichkeiten offen, dass einige zu dem Schluss kamen, man könne Jevons’ Paradox – dass wir Menschen mit unserer Technologie desto mehr Schaden anrichten, je besser sie wird – endlich überwinden. Dieses schmerzhafte Paradox hatte sich in der menschlichen Geschichte immer wieder zuverlässig als wahr erwiesen, aber vielleicht war ja nun ein Wendepunkt erreicht – vielleicht zeigte Archimedes’ Hebel endlich Wirkung –, vielleicht war dies der Moment, in dem die Menschen mit ihrer fortgeschrittenen Macht mehr erreichen konnten als noch mehr Zerstörung.
Doch sicher war sich da niemand. Die Menschheit hing noch immer in der Schwebe zwischen Katastrophe und Paradies, sie drehte sich im All um sich selbst wie eine kitschige Telenovela. Die Muse der Erde war anscheinend Scheherazade: Die Geschichte fand kein Ende, nie wusste man, wie die Sache ausgehen würde, während man sich mit dem kleinen Finger an sein Leben und seinen Verstand klammerte; und so kehrten die Raumer immer wieder in die Heimat zurück, in die Heimat ihrer Albträume, die Eingeweide zu einem gordischen Knoten verkrampft.
Swan auf der Erde
Die Erde übte eine verhängnisvolle Anziehungskraft aus, die weit über ihre starke Gravitation hinausging und mehr mit ihrem nahezu unermesslichen historischen Gewicht zu tun hatte, mit ihrer Pracht und ihrer Dekadenz und ihrem Schmutz. Man musste nicht nach Uttar Pradesh reisen und sich die schmelzenden Ruinen von Agra oder Benares ansehen, um das zu merken – es handelte sich um etwas Fraktales und Allgegenwärtiges, das sich in jedem Tal und in jedem Dorf ausdrückte: Altersschwäche, der Gestank grausamer Gesellschaftssysteme, kahle, erodierte Hänge, überflutete Küstenstreifen, die ständig weiter ins Meer absackten. Die Erde war ein zutiefst verstörender Ort. Was an ihr so seltsam war, ließ sich nicht immer erkennen oder greifen. Das menschliche Zeitempfinden wurde hier einfach aus der Bahn geworfen; alles war auseinandergeflogen, zerfiel und setzte sich neu zusammen, wodurch Gefühle ausgelöst wurden, die sich nicht zu einem Ganzen zusammenfügten. Alle Vorstellungen von einer Ordnung wurden unter uralten Geschichten begraben, verfingen sich in einem Netzwerk von Regeln und den Gesichtern auf der Straße.
Am besten konzentrierte man sich auf das, was gerade anstand, wie immer. Und so legte Swan in etwa fünfzigtausend Metern Höhe mit einem Gleiter von einem der mittelafrikanischen Aufzüge ab und setzte auf einem Landestreifen in der Sahelzone auf. Eigentlich hätte es sich hier um die öde Wüstenlandschaft der nach Süden vordringenden Sahara handeln müssen, eine Wüste ohne das kleinste Lebenszeichen, der Sonnenseite Merkurs nicht unähnlich – nur dass dort unter ihr strahlend weiße Häuserblöcke an den Rändern seichter grüner oder himmelblauer Seen standen, riesigen Seen unter dem Schutz ihrer eigenen Wolken, die sich in dem darunterliegenden Wasser spiegelten, sodass ihre Zwillinge hoch oben in einer kopfstehenden Welt schwebten. Hinab flog sie, hinab, und es fühlte sich belebend an, obwohl sie zur Erde zurückkehrte – und dann raus aus dem Gleiter, sie stand auf einer Landebahn in der Sahara, im Wind – es war unvergleichlich köstlich, überwältigend, eine Dosis Wirklichkeit. Über ihr nichts als der dunkle, klare Himmel, der westliche Wind, der in ihren Kleidern knatterte, die nackte Sonne auf ihrem ungeschützten Gesicht. O mein Gott. Das ist Heimat. Außen auf seinem Planeten umherzulaufen und einzuatmen, sich in den Raum, den man atmet, hineinzuwerfen …
Die Stadt am Fuße des Aufzugs war schmerzhaft weiß, mit farblich abgesetzten Türen und Fenstern, einer fröhlichen mediterranen Anmutung und einer muslimischen Note durch das Gedränge, die Stadtmauer und die Minarette. Ein bisschen wie im Nordwesten Marokkos. Oasenarchitektur, klassisch und befriedigend: Denn war nicht letztlich jede Stadt eine Oase? Topologisch unterschied diese Stadt sich nicht von Terminator.
Trotzdem waren die Leute dünn und schmal, gebeugt und dunkelhäutig. Von der Sonne verschrumpelt, ein bisschen gebraten – aber es war nicht nur das. Irgendjemand musste die Erntemaschinen in den Reis- und Zuckerrohrfeldern bedienen, die Bewässerungskanäle oder Roboter warten, etwas installieren, etwas reparieren. Menschen waren nach wie vor nicht nur die billigsten Roboter, sondern bei vielen Arbeiten auch die einzig qualifizierten. Sie kamen zur Arbeit und taten ihre Schuldigkeit, eine Generation nach der anderen; wenn man ihnen täglich dreitausend Kalorien und ein paar Annehmlichkeiten bot, ein bisschen Freizeit und eine ordentliche Portion Existenzangst, dann konnte man sie für praktisch alles einsetzen. Und wenn man ihnen Drogen gab, die es ihnen erleichterten, ihr Los zu tragen, bekam man eine Arbeiterklasse, die so verdinglicht war wie die Rädchen im Getriebe. Einmal mehr hatte sie es vor Augen: Eine große Minderheit der Erdbevölkerung verrichtete nach wie vor Roboterarbeit, ganz egal, ob in den politischen Theorien anderes behauptet wurde. Von den elf Milliarden Erdenmenschen fürchteten mindestens drei Milliarden Obdachlosigkeit und Hunger – trotz all der billigen Energie, die aus dem All zu ihnen herabfloss, trotz der Farmwelten, die einen Großteil ihrer Nahrungsmittel zur Erde schickten. Nein – draußen im Weltraum zimmerten sie neue Welten zusammen, während die Menschen auf der alten Erde nach wie vor Not litten. Es war jedes Mal wieder ein Schock, das zu sehen. Man hat nicht besonders viel Spaß am Spielen, wenn man weiß, dass gleichzeitig irgendwo Menschen verhungern. Aber wir bauen dort oben Nahrung für euch an, kann man zu seiner Verteidigung ausrufen, doch die Worte ändern nichts. Aus irgendwelchen Gründen kommen die Nahrungsmittel niemals an. Es gibt immer mehr Menschen, als das System versorgen kann. Es gibt also keine Antwort. Und es ist schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, wenn so viele Menschen so schlecht dran sind.