Also muss man etwas unternehmen.
»Warum ist das so?«, fragte Swan Zasha, weil sonst niemand zur Verfügung stand. Z war gerade damit beschäftigt, oben in Grönland bei irgendeinem Projekt mitzuhelfen.
»Es gab nie einen Plan«, antwortete Zasha in ihrem Ohr. Darüber hatten sie doch bereits geredet, schien Zs geduldiger Tonfall zum Ausdruck zu bringen. »Wir haben immer mit der jeweils aktuellen Krise zu tun. Und alte Gewohnheiten sterben schwer. Mindestens während der letzten fünf Jahrhunderte hätten alle Erdbewohner einen vernünftigen Lebensstandard haben können. Seitdem verfügen wir über Möglichkeiten und Ressourcen, die unseren Bedürfnissen entsprechen. Wir hätten es schaffen können. Aber darum ging es nie, also ist es auch nie passiert.«
»Aber warum nicht jetzt, wo uns so viele Möglichkeiten offenstehen?«
»Ich weiß es nicht. Es ist einfach nicht dazu gekommen. Die Leute haben wohl zu viel von dem alten Gift in ihren Köpfen. Außerdem ist Verelendung eine Taktik zur Erzeugung von Angst. Wenn eine Bevölkerung dezimiert wird, macht das die restlichen neunzig Prozent gefügig. Sie haben gesehen, wozu es kommen kann, und nehmen, was sie kriegen.«
»Aber stimmt das denn?«, rief Swan. »Ich glaube das nicht! Warum sollten die Menschen nicht entschlossener kämpfen, wenn sie das erst einmal erkannt haben?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht hätte es dazu kommen können, aber stattdessen haben der Anstieg des Meeresspiegels und die Klimakatastrophen alles viel schwerer gemacht. Es gibt immer irgendeine Krise.«
»Na schön, aber warum nicht jetzt?«
»Klar, aber wer soll es machen?«
»Die Menschen würden es um ihrer selbst willen machen, wenn sie könnten!«
»Sollte man meinen.«
»Ich meine das jedenfalls, weil es wahr ist! Wenn sie es nicht tun, dann hält man sie irgendwie davon ab. Irgendwer hält ihnen eine Pistole unter die Nase.«
Lange Zeit schwieg Zasha, gedanklich offenbar mit etwas anderem beschäftigt. Schließlich kam die Antwort: »Wenn Gesellschaften unter Druck sind, dann stellen sie sich ihren Problemen angeblich nicht, sondern schauen stattdessen weg, setzen sich Scheuklappen auf und verdrängen ihre Probleme. Die Leute tun so, als wäre das historisch Gewordene natürlich, und spalten sich in Stämme auf. Anschließend kämpfen sie angesichts vermeintlicher Engpässe um Ressourcen. Man sagt, dass die Menschen niemals die Hungerpaniken Ende des 21. Jahrhunderts verwunden haben, oder die während der Kleinen Eiszeit. Zweihundert Jahre sind seitdem vergangen, und trotzdem handelt es sich nach wie vor um ein tief sitzendes weltweites Trauma. Und tatsächlich gibt es hier nach wie vor keinen besonders großen Nahrungsmittelüberschuss, weshalb es sich in gewisser Weise um eine durchaus vernünftige Sorge handelt. Die Erdenmenschen balancieren auf der Spitze eines Konglomerats von Behelfsmitteln, die alle funktionieren müssen, damit der Laden läuft. Sie stehen auf einer Art Turm von Babel.«
»Aber das ist überall anders genauso!«
»Sicher, sicher. Aber hier gibt es so viele Menschen.«
»Das ist wahr.« Swan schaute auf die Menschenmassen, die sich durch die Medina drängten. Jenseits der Stadtmauer bückten sich Arbeiter in unregelmäßigen Reihen beim Erdbeerpflücken. »Es ist so heiß und schmutzig, und so verdammt schwer hier. Vielleicht ist es einfach der Planet, der sie niederdrückt, und nicht ihre Geschichte.«
»Kann sein. Es ist einfach so, Swan. Du bist doch nicht das erste Mal hier.«
»Ja, aber das erste Mal hier.«
»Warst du schon mal in China?«
»Natürlich.«
»Indien?«
»Ja.«
»Tja, dann hast du das doch alles gesehen. Und was Afrika betrifft, angeblich handelt es sich in Sachen Fortschritt um ein Fass ohne Boden. Hilfe von außen verschwindet einfach darin, ohne dass sich das Geringste verändert. Man sagt, dass die Sklavenhändler den Kontinent vor langer Zeit ruiniert haben. Er steckt voller Krankheiten und ist vom Temperaturanstieg ausgedörrt. Da kann man nichts machen. Die Sache ist nur die, dass inzwischen überall die gleichen Verhältnisse herrschen. Die industriellen Rostgürtel sind genauso schlimm dran. Man könnte behaupten, dass die ganze Erde inzwischen ein Fass ohne Boden ist. Man hat ihr das Mark ausgesaugt, und der Großteil der oberen Klassen ist längst auf den Mars ausgewandert.«
»Aber das muss doch nicht so sein!«
»Eigentlich nicht.«
»Warum helfen wir ihnen dann nicht?«
»Das versuchen wir, Swan. Wirklich. Aber der Merkur hat eine Bevölkerung von einer halben Million, während die Erde eine Bevölkerung von elf Milliarden hat. Außerdem ist es ihr Planet. Wir können nicht einfach hier runterkommen und ihnen sagen, was sie zu tun haben. Genau genommen können wir sie nur mit Mühe und Not davon abhalten, zu uns heraufzukommen und uns zu sagen, was wir zu tun haben! So einfach ist es eben nicht. Das weißt du doch.«
»Ja. Aber jetzt fange ich wohl langsam an darüber nachzudenken, was das bedeutet. Was es für uns bedeutet. Du weißt doch, dass Inspektor Genettes Leute dieses Schiff identifiziert haben, das wir im Saturn gefunden haben, und festgestellt, dass es einer Firma in Tschad gehört.«
»Tschad ist bloß eine Steueroase. Bist du deshalb hier runtergekommen?«
»Ich denke schon. Warum nicht?«
»Swan, bitte überlass den Teil Inspektor Genette und den anderen Ermittlern. Es ist an der Zeit, dass du bei der Beschaffung von Startkulturen und Saatgut und all dem anderen Zeug hilfst, das wir auf der Erde kaufen und nach Hause verschiffen müssen.«
»Na schön«, sagte Swan unzufrieden. »Aber ich möchte auch mit Genette in Kontakt bleiben. Die Interplan-Ermittler stellen gerade auch Nachforschungen auf der Erde an.«
»Sicher. Aber bei Angelegenheiten wie diesen gibt es einen Zeitpunkt, ab dem die Datenanalysten die Sache übernehmen. Du musst einfach Geduld haben und die weitere Entwicklung abwarten.«
»Was ist, wenn die weitere Entwicklung in einer erneuten Attacke auf Terminator besteht? Oder auf etwas anderes? Ich glaube nicht, dass wir es uns leisten können, geduldig zu sein.«