»Nun ja, bei manchen Sachen kann man helfen und bei anderen eben nicht. Ich sag dir was – komm mich besuchen, dann reden wir darüber. Ich bringe dich auf den neuesten Stand darüber, was dort wirklich läuft.«
»Alles klar, mache ich. Aber ich mache einen Umweg.«
Swan streifte auf der Erde umher. Sie flog nach China und verbrachte dort mehrere Tage, in denen sie mit der Bahn von einer Stadt zur nächsten fuhr. Die meisten Stadtviertel waren als Arbeitseinheiten organisiert, Fabriken, in denen die Menschen ihr ganzes Leben verbrachten, wie auf der Venus. Von Kindheit an hatten sie Buchsen in den Fingerspitzen, und ihre Unterarme waren mit allerlei Apps tätowiert. Ihr Speiseplan versorgte sie mit der gesetzlichen Mindestmenge an Nährstoffen und mit Drogen. Das war auf der Erde nicht unüblich, aber nirgendwo war es so verbreitet wie in China, obwohl es kaum jemand zur Kenntnis nahm oder darüber redete. Swan erfuhr davon, weil sie Kontakt zu einem von Mqarets Kollegen aufnahm, der in Hangzhou arbeitete. Mqaret wollte, dass sie diesen Leuten eine Blutprobe gab, und da sie sowieso spazieren war, ging sie zu Fuß bei ihnen vorbei.
All die großen alten Küstenstädte waren durch den Anstieg des Meeresspiegels mehr oder weniger überflutet worden, und obwohl die meisten es gut überstanden hatten, war es infolgedessen zu massiven Bauaktivitäten landeinwärts gekommen, in Gegenden, die auch dann noch über Wasser liegen würden, wenn selbst das letzte Eis der Erde schmolz. Diese neue Infrastruktur begünstigte Hangzhou gegenüber Schanghai, und obwohl ein Großteil der neuen Gebäude und Straßen landeinwärts der traditionsreichen Stadt lagen, stellte das alte Stadtgebiet selbst nach wie vor das kulturelle Herz der Region dar.
Nach wie vor herrschte in der trichterförmigen Mündung des Qiantang eine starke Flutbrandung, und nach wie vor befuhren die Leute den Fluss mit zahlreichen kleinen Wasserfahrzeugen. Anscheinend waren sie trotz allem Spaß am Leben. Die gute alte Erde, so groß und schmutzig, mit einem Himmel, der aussah wie von braunen Flechten befallen, mit schlammfarbenem Wasser, mit ihren weiten, ausgelaugten und industrialisierten Landstrichen – aber all das trotzte immer noch den Stürmen des Lebens, niedergedrückt von der Gravitation und doch hart und wirklich. Während Swan durch die dicht bevölkerten Gassen der Altstadt schlenderte, ließ sie sich von Pauline mit den chinesischen Dialekten helfen, die sie nicht verstand. Dadurch sprach sie langsamer, aber das machte nichts. Die Chinesen waren ganz mit sich selbst beschäftigt und blickten durch sie hindurch. Sicherlich gehörte das zu den Dingen, vor denen die Venusianer geflohen waren: Alle waren auf sich selbst oder das Leben in ihrem Arbeitstrupp fixiert, sodass alles andere völlig in den Hintergrund trat. Wahrscheinlich wäre keiner dieser Menschen je auf den Gedanken gekommen, einen Hass auf Raumer zu entwickeln: Angelegenheiten außerhalb von China lagen im Reich der Hungrigen Geister. Selbst das Leben außerhalb der eigenen Arbeitseinheit war geisterhaft. Den Eindruck gewann Swan zumindest, während sie in Absteigen saß, Nudeln schlürfte und mit erschöpften Männern plauderte, die deshalb einen Moment für sie erübrigten, weil eine große, Fragen stellende Raumerin etwas Ungewöhnliches war. Außerdem schienen die Leute in Nudelbars toleranter zu sein. Auf der Straße fing sie sich einige böse Blicke ein, und einmal rief man ihr auch Beleidigungen nach. Das letzte Stück Weg zu Mqarets Kollegen legte sie beinahe laufend zurück. Sobald sie dort war, ließ sie sich ein paar Ampullen Blut abnehmen und unterzog sich einigen Seh- und Gleichgewichtstests.
Als sie wieder draußen auf der Straße war, hatte sie den Eindruck, dass viele Augenpaare sich mindestens ebenso sehr für sie interessierten wie gerade eben noch Mqarets Ärztekollegen. Aber vielleicht lag es auch nur daran, dass sie langsam Angst bekam. Sie beschleunigte ihren Schritt durch die unausweichlichen Menschenmassen – in China waren immer und überall mindestens fünfhundert Personen auf einmal in Sichtweite. Zurück in ihrem Gästehaus konnte sie sich über ihre Angst vor der Menge nur wundern. Aber nachdem sie eingeschlafen war und wieder aufwachte, fand sie sich tatsächlich gefesselt in einem Zimmer wieder, das nur von medizinischen Monitoren erhellt war. Das Bett kümmerte sich um ihre körperlichen Bedürfnisse, und sie vermutete, dass man ihr über ihren Infusionsschlauch eine Droge verabreichte, die ihr Sprachzentrum anregte, denn sie redete die ganze Zeit, ohne es zu wollen. Eine körperlose Stimme hinter ihrem Kopf stellte ihr Fragen über Alex und alles andere, und sie plapperte alles aus, ohne etwas dagegen machen zu können. Pauline half ihr kein bisschen – anscheinend hatte man sie abgeschaltet. Swan konnte den Drang zu reden einfach nicht unterdrücken. Eigentlich fühlte sie sich fast wie sonst auch; tatsächlich war es in gewisser Weise eine Erleichterung, einfach ohne Punkt und Komma reden zu dürfen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Jemand zwang sie dazu, also tat sie es.
Später kam sie im selben Bett wieder zu sich, diesmal nicht gefesselt. Ihre Kleider lagen auf einem Stuhl am Bett. Das Zimmer war kaum größer als das Bett. Ja, es war immer noch das gleiche Gästehauszimmer. Die KI am Einlass, ein grünes Gehäuse auf einem Tresen, erklärte, dass sie nichts Verdächtiges bemerkt hätte. Laut Zimmermonitor war mit ihren Lebenszeichen alles in bester Ordnung gewesen, niemand war in ihr Zimmer eingedrungen, nichts Ungewöhnliches war vorgefallen. Swan wandte sich an Pauline, die ihr auch nicht helfen konnte. Es war fast genau vierundzwanzig Stunden her, dass sie die Klinik von Mqarets Freunden verlassen hatte. Sie rief beim Merkur-Haus in Manhattan an und teilte den Leuten dort mit, was passiert war. Dann meldete sie sich bei Zasha.
Alle waren schockiert, besorgt, voller Mitgefühl, und drängten sie, sich sofort zum nächsten Merkur-Haus zu begeben und sich ärztlich versorgen zu lassen; aber letztlich sagte Zasha streng: »Du warst allein auf der Erde unterwegs. Ich habe dir gesagt, dass einem hier alle möglichen üblen Sachen zustoßen können. Es ist nicht mehr so wie früher, als du deine ersten Sabbatjahre genommen hast. Wir reisen hier normalerweise nur noch im Rudel. Du hast doch gesehen, was das letzte Mal passiert ist, als du bei mir zu Hause alleine losgegangen bist.«
»Aber das waren nur ein paar Kinder. Wer war es diesmal?«
»Ich weiß es nicht. Ruf sofort Jean Genette an. Interplan ist möglicherweise dazu in der Lage herauszufinden, wer dahintersteckt. Vielleicht können wir dann auch erahnen, was als Nächstes passiert. Wahrscheinlich haben sie einfach ein Schleppnetz durch dein Gehirn gezogen. In dem Fall wird das wahrscheinlich nicht wieder vorkommen, aber du solltest ab jetzt nur noch mit mehreren Begleitern unterwegs sein, vielleicht sogar mit einem Sicherheitsteam.«
»Nein.«
Zasha ließ sie eine Weile dem Nachhall ihrer Antwort lauschen.
Schließlich sagte Swan: »Mir bleibt wohl nichts anderes übrig. Ich weiß nicht. Es kommt mir vor, als hätte ich einfach nur schlecht geträumt. Ich bin ein bisschen hungrig, aber ich glaube, sie haben mich intravenös ernährt. Sie hatten mich – ich meine, ich habe alles ausgeplaudert! Und viele ihrer Fragen gingen um Alex. Es kann gut sein, dass ich ihnen alles erzählt habe, was ich über sie weiß!«
»Hmm.« Ein ausgedehntes Schweigen schloss sich an. »Tja, dann weißt du jetzt, warum Alex so viel für sich behalten hat.«
»Und wer waren sie?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht gehören sie zur chinesischen Regierung. Die fasst einen manchmal grob an. Obwohl mir das hier dann doch zu unerhört erscheint. Vielleicht war es eine Warnung, aber ich bin mir nicht sicher, wovor. Insofern hätte es sich um keine besonders wirkungsvolle Warnung gehandelt. Oder vielleicht war es einfach nur ein Fischzug. Oder ein Hinweis darauf, dass wir uns nicht auf der Erde herumtreiben sollen.«
»Als ob wir das nicht selber wüssten.«
»Du scheinst es nicht zu wissen. Vielleicht wollen sie ja nicht, dass du dich hier unten herumtreibst.«