»Aber wer?«
»Ich weiß es nicht! Geh einfach davon aus, dass die Erdenmenschen dir etwas mitteilen wollten. Und ruf Genette an. Und komm bitte her, und rede mit mir, bevor du noch mehr Probleme kriegst.«
Also rief Swan bei Inspektor Genette an. Genette war entsetzt über ihr Erlebnis. »Vielleicht sollten Pauline und Passepartout ständig miteinander in Verbindung bleiben, solange wir auf der Erde sind. Dann würde ich immer mitbekommen, wo du dich gerade aufhältst.«
»Aber du sagst doch dauernd, dass wir sie abschalten sollen!«, erwiderte Swan.
»Nicht hier. In dieser Situation können sie uns helfen.«
»Na schön«, sagte Swan. »Besser, als mit Leibwächtern unterwegs zu sein.«
»Es bietet allerdings auch nicht annähernd so viel Schutz. Du solltest wenigstens nicht alleine reisen.«
»Ich besuche Zasha in Grönland, da müsste es sicher sein.«
»Gut. Du solltest aus China verschwinden.«
»Aber ich bin Chinesin!«
»Du bist eine Merkurianerin chinesischer Herkunft. Das ist etwas völlig anderes. Interplan hat kein Abkommen mit China, also kann ich dir rechtlich gesehen nicht helfen, solange du dich dort aufhältst. Geh nach Grönland.«
Stur, wie sie war, ging sie abends trotzdem zum Nudelessen aus. Die Leute bedachten sie mit seltsamen Blicken. Sie war eine Fremde in einem fremden Land. Von den Bildschirmen in den Nudelimbissen hörte sie mehrere feurige Reden, in denen verschiedene politische Verbrechen von Den Haag, Brüssel, den UN, dem Mars und von Raumern im Allgemeinen verurteilt wurden. Manche Sprecher gerieten so sehr in Rage, dass Swan ihr Bild von der chinesischen Gelassenheit revidieren musste; politisch gesehen waren sie nicht weniger leidenschaftlich als alle anderen auch, ganz egal, wie nach innen gekehrt sie auf der Straße wirkten. Wie jede Gruppe waren sie vom Zeitgeist geformt, und man hatte ihnen Feindbilder vorgesetzt, die ihre Unzufriedenheit von Peking ablenkte. Vielleicht eignete der Weltraum sich einfach besonders gut als rotes Tuch. Swan lauschte den Reden aufmerksam, ohne die Männer im Imbiss zu beachten, die wiederum sie beobachteten. Die Vorstellung, Raumer würden mehr noch als die alten Kolonialmächte ein Leben in Dekadenz und Luxus führen, war in China weit verbreitet, so begriff sie jetzt. Und ihr wurde klar, dass die Menschen in Hangzhou wie Ratten im Labyrinth lebten und sich Tag für Tag bei jeder Bewegung aneinanderrieben. Das Potenzial für extremistisches Gedankengut war offenkundig. Warum sollte man das Haus des reichen Jungen nicht mit Steinen bewerfen? Wer würde das nicht tun?
Während der Flüge, die sie zu Zasha brachten, sah Swan auf ihrem Monitor die Nachrichten. Erde Erde Erde. Der Weltraum war den meisten hier piepegal. Manche hingen religiösen Glaubensbekenntnissen an, die bereit im 12. Jahrhundert rückschrittlich gewesen waren. Die Viehhirten unter ihr in Zentralasien bewirtschafteten ihre Herden wie die Ökologieexperten, die sie sein mussten, um mit ihrer Produktion die Nachfrage zu erfüllen; jede Weide war gleichzeitig Molkerei, Schlachthof und Substratfabrik, und ihren Besitzern stand der Groll über die Dürreperioden, die von weit entfernten reichen Leuten ausgelöst wurden, bis zum Hals. Hier und dort sah sie die großen Ballungsgebiete, Barackenstädte, die entweder in Staubmulden lagen oder unter dem Ansturm tropischer Regenfälle und Schlammlawinen auseinanderfielen, und deren verkrüppelte Bewohner voll und ganz damit beschäftigt waren, am Leben zu bleiben. In Tschad hatte sie klare Anzeichen für schweren Parasitenbefall gesehen, zudem Hunger, Krankheiten und vorzeitigen Tod. Verschwendetes Leben in verödeten Biomen. Drei von elf Milliarden Planetenbewohnern, deren Grundbedürfnisse nicht erfüllt wurden. Drei Milliarden waren ohnehin schon eine Menge, aber dazu kamen noch weitere fünf oder sechs Milliarden am Rande des Abgrunds, kurz davor, ins selbe Loch abzurutschen, ohne einen einzigen sorgenfreien Tag. Das große Prekariat, gut genug vernetzt, um sich voll über seine Lage im Klaren zu sein.
Das war das Leben auf der Erde. Zersplittert, fraktioniert, nach Kasten oder Klassen unterteilt. Die Reichsten lebten wie Raumer im Sabbatjahr, mobil und vielseitig interessiert, verwirklichten sich auf jede nur denkbare Art, verbesserten sich – genderten sich – differenzierten sich aus – schlugen mit ihren verlängerten Lebensspannen dem Tod ein Schnippchen. Tatsächlich schienen ganze Länder so zu leben, aber es waren kleine Länder – Norwegen, Finnland, Chile, Australien, Schottland, Kalifornien, die Schweiz; und noch ein paar Dutzend mehr. Dann gab es die Länder, die sich mit Mühe über Wasser hielten; und dann gab es die postnationalen Flickenteppiche, die notdürftigen Versuche, nicht völlig zusammenzubrechen, und diejenigen, bei denen das Totalversagen bereits eingetreten war.
Überall auf der Welt hatte man dem Anstieg des Meeresspiegels um elf Meter Rechnung getragen, indem man massenhaft in höher gelegenen Gebieten gebaut hatte, aber trotzdem hatte er großes menschliches Leid verursacht, und niemand wollte das Gleiche noch einmal durchmachen. Die Leute waren das Ansteigen des Meeresspiegels leid. Wie sehr sie die Generation des Schwankens verachteten, die so rücksichtslos den Klimawandel in Gang gesetzt hatten, der nicht nur bis heute anhielt, sondern noch Jahrhunderte fortdauern würde, in deren Verlauf Methanklathratausbrüche und Permafrostschmelze weitere Treibhausgase ausstoßen würden, die bislang dritte und wahrscheinlich größte Welle. Sie waren auf dem besten Weg, ein Dschungelplanet zu werden, und die Aussicht darauf war derart beunruhigend, dass man trotz der Katastrophe vor zweihundert Jahren ernsthaft darüber nachdachte, es erneut mit atmosphärischen Sonnenblockern zu versuchen. Immer mehr Leute waren der Meinung, dass man die Sache auf der Mikro- oder Makroebene mit Geo-Engineering angehen musste. Intensiv auf der Mikroebene, behutsam auf der Makroebene – darüber gab es ein ständiges Hin und Her, und viele Mikro- oder winzige Makro-Restaurationsprojekte hatten bereits begonnen.
Ein Versuch bestand darin, das Abtauen der Eisberge der grönländischen Eiskappe zu verlangsamen. Die Antarktis und Grönland waren die einzigen beiden nennenswerten Eisreservoirs, die der Erde geblieben waren, und die Modelle gaben Anlass zu der Hoffnung, dass zumindest die östliche Antarktis den Temperaturgipfel überstehen konnte, bevor Atmosphäre und Ozean schließlich wieder abkühlen würden. Wenn es ihnen gelang, den CO2-Anteil auf 320 Teile pro Million zu reduzieren und einen Teil des Methans einzufangen, was einen Temperaturabfall zur Folge haben würde, und wenn der Eismantel über der östlichen Antarktis hielt, dann würden der Meeresspiegel zwar noch jahrelang hoch und das Meerwasser warm bleiben – aber ein großer Erfolg wäre es trotzdem. Genau genommen lohnte es sich kaum noch, über weitere Schritte nachzudenken, falls es ihnen nicht gelang, das Eis der östlichen Antarktis zu bewahren. Sie mussten es also ganz einfach schaffen. Inzwischen vertraten viele die Ansicht, dass man sich die Erde in der gleichen Weise würde vornehmen müssen wie den Mars und die Venus, und wenn dabei etwas kaputtginge – Pech gehabt. Manche meinten, dass eine weitere kleine Eiszeit genau das Richtige wäre: Von den unvermeidlichen Opfern, deren Zahl man auf eine Milliarde schätzte, redete keiner, aber die unterschwellige Botschaft lautete, dass ein paar Menschen weniger auch nicht schaden konnten. Schocktherapie – Triage – Leute, die gerne den Harten markierten, um als Pragmatiker zu erscheinen, redeten ständig solches Zeug.
Grönland war zwar ein wesentlich kleinerer Eiskuchen als die östliche Antarktis, deshalb aber noch lange nicht unbedeutend. Falls Grönland abschmolz (immerhin handelte es sich eigentlich bloß um ein Überbleibsel der riesigen Eisdecke aus der letzten Eiszeit, das unter den gegenwärtigen Umweltbedingungen sehr weit südlich lag), würde der Meeresspiegel um weitere sieben Meter ansteigen. Das würde den Untergang für die Küstenzivilisation bedeuten, die sich gerade erst an die neuen Verhältnisse angepasst hatte, und deshalb kämpfte man heftig dagegen an.