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Wie alle Eisdecken schmolz das Eis über Grönland nicht einfach; es rutschte in Form von Gletschern ins Meer, beschleunigt durch das Schmelzwasser, das wie Schmiermittel unter dem Eis entlangfloss und die Gletscher aus ihren steinernen Betten löste. In der Antarktis war es genauso, aber während das Eis der Antarktis rundherum zu allen Seiten abrutschte und man nichts dagegen unternehmen konnte, lagen die Dinge in Grönland anders. Das grönländische Eis war größtenteils in einer Hochwanne zwischen umliegenden Bergketten eingeschlossen und konnte nur durch einige schmale Breschen im Felsgestein abrutschen wie durch Risse in einer Badewanne. Durch diese Breschen schoben sich die Gletscher mit einer Geschwindigkeit von mehreren Metern pro Tag, durch U-Täler, die bereits über Jahrtausende hinweg geglättet worden waren, und wenn sie sich den steigenden Meeresfluten näherten, glitten ihre Schnauzen über die Abschlusslippen, die sich oft an Fjordmündungen bildeten, sodass sie ganz besonders schnell und reibungslos im Meer landeten.

Früh in der Geschichte der Glaziologie hatten Forscher entdeckt, dass ein schneller Gletscher in der westlichen Antarktis mit einem Mal deutlich langsamer geworden war. Bei Untersuchungen stellte man fest, dass das Wasser unter dem Eis, das als Gleitmittel fungiert hatte, in eine andere Richtung abgeflossen war, sodass das gewaltige Gewicht des Gletschers wieder ganz auf dem Fels lastete und ihn bremste. Das brachte die Leute auf Ideen, und sie versuchten, in Grönland auf künstliche Weise etwas Ähnliches herbeizuführen. An einem der schmalsten und schnellsten grönländischen Gletscher, dem Helheim, probierten sie mehrere Methoden aus.

Die Westküste Grönlands war beruhigend vereist, dachte Swan, in Anbetracht dessen, was man über die große Schmelze hörte. Unter ihrem Helikopter lag eine dünne Haut aus Winterseeeis, die in große, polygonale weiße Stücke auf einer schwarzen See zerbrach. Man sagte ihr, dass es an den Nordküsten Grönlands und der Ellesmere-Insel einen Polarbärenpark gab, wo Tafelberge auf der natürlichen Strömung trieben oder von Maschinen mit langen, biegsamen und von Solarpropellern betriebenen Auslegern zusammengeschoben wurden. Das Arktiseis war also nicht ganz verschwunden. Von oben war es wirklich wunderschön anzuschauen, und ebenso schön war der schwarze Ozean, der völlig anders aussah als das blaue Tropenmeer. Schwarzer Ozean, weißes Eis. Blautöne gab es nur am Himmel und in den Schmelzwasserbecken, die überall über die freiliegenden grönländischen Eisplatten verstreut waren, welche im Griff der zerklüfteten schwarzen Kämme drei Kilometer über dem Meeresspiegel lagen – die Küstenbergkette, der zernagte Rand der Badewanne, der das Inlandplateau festhielt. Die gesamte Situation war deutlich ersichtlich, wenn man in fünf Kilometern Höhe mit einem Helikopter flog.

»Ist das unser Gletscher?«, fragte Swan.

»Ja.«

Der Pilot hielt auf ein kleines rotes X auf einer flachen Felsplatte an einer Steilkante zu, von der aus man freie Sicht auf den Gletscher hatte, mehrere Kilometer stromaufwärts von der Stelle, an der er ins Meer kalbte. Als sie tiefer gingen, stellte sich heraus, dass die Platte etwa zwanzig Hektar groß war und dem gesamten Lager Platz bot; das rote X war riesenhaft. Während sie das letzte Stück hinabstiegen, lag die ganze fantastische Szenerie unter ihnen ausgebreitet: schwarze, knochige Kämme, weißes Eis und das schwarze Wasser im Fjord, auf das die Sonne herabknallte.

Außerhalb des Helikopters war es betäubend kalt. Swan schnappte nach Luft, und mit einem Mal durchfuhr sie die Angst: Wenn man im All eine derartige Kälte verspürte, bedeutete es einen Stromausfall und den unmittelbar bevorstehenden Tod. Doch hier grüßten die Leute sie und lachten über das Gesicht, das sie machte.

Überall auf dem Plateau reckten sich gesplitterte, flechtenbewachsene schwarze Felsspitzen in den Himmel. Die Abhänge des U-Tals unter ihnen waren vom Eis ausgehöhlt, sodass sie wie Muskelfleisch aussahen. Horizontale Rillen zogen sich dort hindurch, wo Felsbrocken sich in den Granit gebohrt hatten – es müssen gewaltige Kräfte geherrscht haben.

Der Gletscher selbst bestand größtenteils aus einer rissigen weißen Oberfläche mit blauen Flecken hier und da. Obwohl sie von zahlreichen Spalten durchzogen war, erstreckte die Eisfläche sich ziemlich eben bis zu dem schwarzen Kamm auf der gegenüberliegenden Seite. Swan nahm ihre Sonnenbrille ab, um die Aussicht zu studieren, und blinzelte und schniefte, als ein blendend weißer Blitz sie wie ein Schlag auf den Kopf traf. Sie stieß ein prustendes Lachen aus, als sie aus zusammengekniffenen Augen Zasha herankommen sah, und streckte die Arme aus. »Ich bin froh, dass ich gekommen bin! Es geht mir jetzt schon besser!«

»Ich wusste, dass es dir hier gefallen würde.«

Das Plateau, auf dem sich das Lager befand, stellte den idealen Standort für eine kleine, wild zusammengewürfelte Ortschaft dar. Zasha zeigte ihr die Kantine, ließ sie ihr Zeug im Schlafsaal verstauen und ging dann mit ihr zu der Felskante, von der aus man einen Blick über den Gletscher hatte. Direkt unterhalb des Lagers begann ein Riss im Eis, der sich bis zum gegenüberliegenden Ende des Gletschers zog. Anscheinend hatte man hier flüssigen Stickstoffs zwischen Eis und Felsboden eingebracht. Einen Teil des Eises hatte man fixiert, aber die Massen darüber hatten sich gelöst und setzten ihren Weg fort, zersplittert und langsamer, aber nach wie vor in Bewegung.

Stromabwärts von diesem Gewirr zog sich eine tiefe, halbmondförmige Spalte durchs Eis. »Das ist das neueste Experiment.« Zasha zeigte darauf. »Sie wollen einmal quer über den Gletscher einen Spalt schmelzen und auch das nachrückende Eis auftauen. Das Eis stromabwärts rutscht dann weg, und sobald Platz ist, bauen sie einen Damm in den Freiraum, sodass das herabfließende Eis sich dagegen auftürmt.«

»Wird es nicht einfach über den Rand des Damms quellen?«, fragte Swan.

»Das täte es, aber sie wollen den Damm so hoch bauen wie die Eiskappe im Inland. So fließt das Eis dann hierher, bis es so hoch steht wie der Rest von Grönland, und dann gibt es keine Abflussbewegung mehr.«

»Wow«, sagte Swan überrascht. »Also eine Art neuer Bergkamm, der die Lücke ausfüllt? Und der entsteht, während das Eis gegen ihn anstürmt?«

»Ganz genau.«

»Aber fließt die Eiskappe auf dem Plateau dann nicht einfach entlang anderer Gletscher ab?«

»Sicher, aber wenn die Sache hier funktioniert, dann wollen sie es überall um Grönland herum so machen, mit Ausnahme des Nordens, wo man ohnehin versucht, den Eispark auf See am Leben zu erhalten. Dort will man das abrutschende Eis einhegen und den Abfluss verlangsamen. Dadurch bleibt das grönländische Eis im Großen und Ganzen an Ort und Stelle, oder zumindest wird sein Abschmelzen ernsthaft verlangsamt. Dass alles so schnell geht, liegt nämlich vor allem daran, dass das Eis ins Meer abrutscht. Deshalb machen wir einfach jede Bresche auf der Insel zu! Kannst du dir das vorstellen?«

»Nein.« Swan lachte. »Das nenne ich Terraforming! Die Idee kommt ja wohl vom Ingenieurskorps der U.S. Army.«

»Klingt so, aber das hier sind Skandinavier. Und die Inuit aus der Gegend. Anscheinend gefällt ihnen die Idee. Sie sagen, dass sie es als Übergangslösung sehen.« Zasha lachte. »Die Inuit sind großartig. Sehr frohsinnige Leute. Sie würden dir gefallen.« Ein kurzer Blick. »Du könntest von ihnen lernen.«

»Halt bloß davon die Klappe. Ich möchte dort runter und mir das Felsfundament ansehen.«

»Das dachte ich mir.«

Sie kehrten in die Kantine zurück, und einige der Ingenieure aus dem Lager setzten sich bei großen Bechern heißer Schokolade zu ihnen und erklärten Swan ihre Arbeit. Der Damm würde aus einem Kohlenstoff-Nanofilamentgewebe errichtet werden, ein bisschen wie das Material, aus dem die Weltraumaufzüge bestanden. Es wurde bereits über Pfählen gesponnen, die man tief in den Fels gebohrt hatte. Der Damm würde vom Boden her emporwachsen, von Spinnenbots gewoben, die aneinander vorbei vor- und zurücksausten wie Schiffchen auf einem Webstuhl. Wenn er erst einmal fertig war, würde er dreißig Kilometer breit und zwei Kilometer hoch sein und an der stärksten Stelle trotzdem nur einen Meter dick. Die Struktur des Dammmaterials war ebenfalls biomimetisch. Die Kohlenstofffasern waren wie Spinnenfäden geformt, aber wie Muscheln gewoben.