Stromabwärts des Damms würde ein kurzes neues Gletschertal zum Vorschein kommen. Dort würde sich erneut Vegetation ansiedeln, wie es in den anderen grünen Bereichen Grönlands am Ende der Eiszeit geschehen war, zehntausend Jahre zuvor. Swan wusste genau, wie das U-Tal sich von nacktem Fels in ein Steinwüsten-Biom verwandeln würde. Sie selbst hatte solche Entwicklungen in vielen alpinen und polaren Terrarien angestoßen. Ohne Hilfe würde es etwa tausend Jahre dauern, aber mit ein bisschen Gartenpflege ließ sich dieser Zeitraum auf ein Hundertstel verkürzen: Man musste einfach erst Bakterien und anschließend Moose und Flechten, Gräser und Seggen hinzugeben, und anschließend Geröllblumen und bodennahe Sträucher. Das hatte sie bereits gemacht, und es hatte ihr wunderbar gefallen. Ab jetzt würde es hier jeden Sommer grünen und blühen, Samen würden ausgestreut, und jeden Winter würde sich all das behaglich unter eine Schneedecke kuscheln, um sich anschließend der eigentlichen Gefahr zu stellen, dem Frühlingstau. Diejenigen, die diese harte Zeit nicht überstanden, würden die nach ihnen kommenden mit Nahrung und einem Nährboden versorgen, und so würde es weitergehen. Die Inuit konnten diese Landschaft pflegen, wenn sie wollten, oder sie konnten sie einfach sich selbst überlassen. Vielleicht konnten sie in verschiedenen Fjords verschiedene Möglichkeiten ausprobieren. Wie gerne Swan dabei mitgemacht hätte. »Na schön, vielleicht muss ich eine Inuit werden«, brummte sie Zasha zu, während sie auf die Landkarte vor ihnen schaute. Sie erkannte, dass Grönland selbst eine eigene Welt war, und zwar die von ihr bevorzugte Art – eine leere Welt. Es gab hier niemand, der ihr feindselig gesinnt war.
Nach dem Abendessen ging Swan wieder hinaus und stand mit Zasha oberhalb der großen Lücke, unter der riesigen Himmelskuppel. Draußen im Wind, ach der Wind, der Wind … der breite Gletscher unter ihnen – stromaufwärts ein weißes Scherbenfeld, stromabwärts eine blaue Leere – und dann eine tiefer liegende und glattere weiße Fläche, die Richtung Meer abfiel. Auf der tieferen Dammseite konnte sie Maschinen ausmachen, die sowohl auf der Mauer als auch an ihren Seiten hin- und herflitzten. Sie sahen ein bisschen wie Spinnen aus, die ein so dichtes Netz webten, dass es massiv war. Die Bergkämme, an denen die beiden Enden des Damms verankert waren, würden eher abgetragen werden als der Damm selbst, hatte einer der Ingenieure erklärt. Falls es jemals eine neue Eiszeit gab und die Eiskappe Grönlands sich weiter gen Himmel auftürmte und über den Damm hinwegschwappte, würde er trotzdem noch da sein und in der nächsten Warmzeit wieder zum Vorschein kommen.
»Erstaunlich«, sagte Swan. »Also kann man die Erde sehr wohl terraformen!«
»Tja, aber Grönland ähnelt auch eher dem Mond Europa als dem Kontinent Europa, wenn du verstehst, was ich meine. Hier geht so etwas, weil nur einige wenige Menschen vor Ort leben, und denen gefällt die Idee. Wenn man etwas Derartiges irgendwo anders versuchen würde …« Zasha lachte bei dem Gedanken daran. »Als könnte man diese Technik einsetzen, um den New Yorker Hafen mit Deichen einzuhegen und die Bucht leerzupumpen, sodass Manhattan wieder wie früher über Wasser liegt. Man könnte den ganzen Bereich zu einer Art Koog machen. Das wäre nicht einmal so schwer, verglichen mit einigen anderen Ideen. Aber die New Yorker wollen nichts davon wissen. Ihnen gefällt es so, wie es ist.«
»Schön für sie.«
»Ich weiß, ich weiß. Die segensreiche Flut. Und ich liebe New York so, wie es ist. Aber du verstehst doch, was ich meine. Es gibt eine Menge guter Terraformingprojekte, die man niemals genehmigen wird.«
Swan nickte und verzog das Gesicht. »Ich weiß.«
Zasha umarmte sie kurz. »Es tut mir leid, was dir in China passiert ist. Es muss schrecklich gewesen sein.«
»Es war grauenhaft. Das, was ich auf dieser Reise sehe, gefällt mir ganz und gar nicht. Anscheinend haben wir die meisten Erdenbewohner auf die eine oder andere Art gegen uns aufgebracht.«
Zasha lachte. »Hast du je etwas anderes geglaubt?«
»Na schön«, erwiderte Swan, »ist schon klar. Aber die Sache ist die: Jetzt müssen wir in Erfahrung bringen, wer Terminator attackiert hat.«
»Interplan hat das, was einer Datenbank über alle Menschen am nächsten kommt, von daher werden sie die Täter hoffentlich finden können.«
»Und wenn das nicht funktioniert, was dann?«
»Ich weiß es nicht. Ich glaube, es wird früher oder später funktionieren.«
Swan seufzte. Sie war sich nicht sicher, ob Genettes Team es schaffen würde, und sie wusste, dass sie selbst es nicht schaffen konnte. Zasha warf ihr einen Blick zu. »Das Leben macht einfach keinen Spaß mehr«, erklärte sie.
»Arme Swan.«
»Du weißt schon, wie ich das meine.«
»Ich glaube schon. Aber hör mal, warum kümmerst du dich nicht einfach darum, die Startkulturen für Terminator zu besorgen? Mach deine Arbeit, und lass Genette und Interplan ihre erledigen.«
Damit war Swan auch nicht glücklich. »Ich kann nicht einfach abhauen. Hier geht etwas vor. Ich meine, man hat mich verdammt noch mal entführt und mir einen Haufen Fragen über Alex gestellt. Du meintest, dass sie mir im Prinzip nicht vertraut hätte, aber was, wenn ich etwas Wichtiges wusste, ohne zu wissen, dass es wichtig war?«
»Haben sie dich über die Lage auf der Venus ausgefragt?«
Swan überlegte. Zashas Worte hatten etwas in ihr angestoßen. »Vielleicht. Ich glaube schon.«
Zasha wirkte besorgt. »Auf der Venus gehen seltsame Dinge vor. Wenn sie das nächste Terraformingstadium durchlaufen, wird ein Großteil des Planeten für neue Siedlungen zur Verfügung stehen, und das führt zu Kämpfen. Letztlich wird dort ein Krieg um Landbesitz geführt. Und von diesen seltsamen Qubes, nach denen Alex uns auf die Suche geschickt hat, finden wir immer mehr. Sie scheinen von der Venus zu kommen, und oft tauchen sie in der Umgebung von New York auf. Wir sind uns noch nicht sicher, was das zu bedeuten hat. Wie dem auch sei, hilf du erst einmal, die Kulturen zu beschaffen. Das ist nicht mehr so leicht wie früher.«
»Sie müssen uns nur das ersetzen, was wir vorher hatten.«
»Unmöglich. Man darf keinen Humus von der Erde mitnehmen, nicht in solchen Mengen wie früher. Unser neuer Humus muss also eine Art Ascension sein, und für die bist du die Expertin.«
»Ich mag Ascensions überhaupt nicht mehr!«
»Wir sind jetzt auf sie angewiesen. Es ist keine Frage des Stils mehr.«
Swan seufzte schwer. Z schwieg und deutete dann auf die Szenerie. Es stimmte: Der Anblick des Gletschers war wirklich Balsam für die Seele. Die Welt war größer als ihre kleinen Melodramen, das ließ sich hier an diesem Ort nicht leugnen. Und es war ein Trost.
»Alles klar. Ich mache mich in Sachen Humus nützlich. Aber ich bleibe weiterhin mit Genette in Verbindung.«
Also – zurück ins abstruse und grandiose Manhattan, auch wenn es dort ohne Zasha nicht besonders lustig war. Aber lustig war das alles ohnehin nicht mehr.
Die Erschöpfung, die nach einem Tag auf der Erde einsetzte. Die schiere Schwere, die mit dem Leben auf diesem Planeten einherging. »Sie ist so … schwer!«, sang Swan bei sich selbst, wobei sie das letzte Wort dehnte und wiederholte, wie in dem alten Lied. »Schwer … schwer … schwer … schwer!«
Wenn sie Schmerzen litt von der Anstrengung, den ganzen Tag lang aufrecht zu stehen, stieg sie normalerweise in ihren Leibhalter und entspannte sich, indem sie sich von ihm spazieren führen ließ. Es war, als würde man massiert, nur dass man dabei hochgehoben und durch die Gegend getragen wurde. Man gab sich dem Tanz des Halters hin, verschmolz mit ihm. Ach, lieblicher Waldo. Egal wie man sich bewegte, er versteifte sich unter einem, und wenn er richtig angepasst und programmiert war, war es einfach traumhaft; schlecht für das Knochenwachstum, schlecht für die Anpassung an das Leben auf der Erde, aber ein Lebensretter, wenn man einen Durchhänger hatte. Im Weltall redeten die Leute sehnsuchtsvoll von ihrer Rückkehr zur Erde, traten dankbar ihr Sabbatjahr an, jauchzten bei der Aussicht darauf vor Freude – aber wenn der Kitzel der frischen Luft nachließ und die Gravitation blieb und einen im Laufe des restlichen Sabbatjahrs, bis man genug von Gaias rätselhaften Gaben getankt hatte, immer weiter zu Boden zog, stieg man schließlich aus der Atmosphäre wieder in die strahlende Klarheit des Raums empor und setzte sein dortiges Leben fort, erleichtert und glücklich. Weil die Erde einfach in jeder erdenklichen Weise zu schwer war. Es war, als hätte man einen Schwarzfilter zwischen sie und den Rest der Welt geschoben. Genette hatte behauptet, dass die Dinge gut liefen, aber anscheinend ohne damit zu rechnen, dass bald etwas passieren würde. Man schien einen ähnlichen Blick auf den Fall zu haben wie Swan auf das Gedeihen eines Sumpfes: Gewisse Abläufe würden in Gang gesetzt, gewisse Möglichkeiten herbeigeführt, und dann wandte man sich anderen Dingen zu. Wenn man zurückkehrte, würde sich etwas verändert haben. Aber das konnte Jahre dauern.