Das Licht braucht hunderttausend Jahre, um die Milchstraße zu durchqueren. Bei zwei Prozent dieser Geschwindigkeit – sagen wir einfach mal, dass das unsere Geschwindigkeit ist – dauert es also fünf Millionen Jahre.
Das Licht der Andromedagalaxis hat 2,5 Millionen Jahre gebraucht, um die Leere zu unserer Galaxis zu überwinden. Und wenn man sich das Universum im Großen und Ganzen betrachtet, ist Andromeda eine ziemlich nahe Galaxis. Sie liegt in der kleinen Kugel, bei der es sich um unseren Kosmos handelt, sie ist eine Nachbargalaxis.
Also. Unsere kleine Perle der Wärme, unser kreiselndes Astrolabium des Lebens, unsere Insel, unser geliebtes Sonnensystem, unser Heim und Herd, die hübsch und gemütlich in der Wärme unseres Sterns liegen – und dann – diese Raumschiffe, zu denen wir Nix umbauen. Wir werden sie zu den Sternen schicken, sie werden wie Löwenzahnsamen sein, die auf einem Luftzug davontrudeln. Sehr schön. Wir werden sie niemals wiedersehen.
Pauline über Revolutionen
Swan flog auf dem ersten verfügbaren Transportschiff mit den Startkulturen zurück zum Merkur. Es handelte sich um ein halb fertiges Terrarium, bei dem sich im Moment noch unmöglich sagen ließ, was daraus werden würde. Derzeit handelte es sich lediglich um einen leeren, unter Druck stehenden Zylinder mit Felswänden, einem Sonnenstreifen und einem dürren Klettergerüst aus Verstrebungen, die an Betonpfropfen in den rauen Felswänden festgenietet waren. Swan schaute die Leute an, die sich um sie herum im gewaltigen Stahlskelett eines Wolkenkratzers aufhielten, und begriff, dass es ein Fehler gewesen war, diesen Flug zu nehmen – kein so schlimmer wie die Sache mit dem Blackliner, aber trotzdem schlimm. Andererseits kamen Fragen der Bequemlichkeit ihr inzwischen nebensächlich vor. Sie stieg eine Metalltreppe nach der anderen empor, um schließlich auf das Freidach zu gelangen, das beinahe den Sonnenstreifen berührte. Von dem Dach, auf dem geringe Schwerkraft herrschte, konnte sie hinunter – hinaus – hinaufschauen. Sie war umgeben von einem in tiefen Schatten liegenden Zylinderraum, der von einem Zickzackmuster aus Streben durchzogen war und dessen Boden aus kahlem Felsgestein bestand. Das Gebäude war wie der einzige erleuchtete Winkel in einer Burg von erhabenen Ausmaßen. Der Boden am Fuß des Wolkenkratzers lag mehrere Kilometer weiter unten, und der Boden an der gegenüberliegenden Seite, hinter dem Sonnenstreifen, nur wenig weiter. Eine gotische Ruine mit ein paar kläglichen Mäusemenschen, die sich in der Wärme ihrer letzten Kerze aneinanderdrängten. In den Anfangstagen, als ein frisch ausgehöhlter Zylinder der Inbegriff ungeahnter Möglichkeiten gewesen war, war das anders gewesen. Wenn ihre Jugend, ja sogar die ganze Zivilisation, auf so etwas hinauslief … auf etwas derart schlecht Geplantes, Unabgeschlossenes …
Swan hakte die Ellbogen über das Geländer, um in der geringen Schwerkraft mehr Halt zu finden. Sie legte ihr Kinn auf die überkreuzten Hände und sagte, während sie weiter die Szenerie betrachtete: »Pauline, erzähl mir etwas über Revolutionen.«
»In welchem Umfang?«
»Für ein Weilchen.«
»›Revolution‹, vom lateinischen revolutio, ›Umdrehung‹. Bezieht sich oft auf einen schnellen Wechsel der politischen Macht, häufig mit gewaltsamen Mitteln herbeigeführt. Konnotation einer erfolgreichen klassenbasierten Revolte von unten.«
»Ursachen?«
»Ursachen für Revolutionen werden manchmal in psychologischen Faktoren wie Unzufriedenheit und Frustration gesehen; manchmal in soziologischen Faktoren, insbesondere einer systematischen und anhaltenden Ungleichheit bei der Verteilung materieller und kultureller Güter; oder in biologischen Faktoren, insofern Gruppen über die Verteilung begrenzter Ressourcen kämpfen.«
»Sind das nicht unterschiedliche Aspekte derselben Sache?«, fragte Swan.
»Es ist ein multidisziplinäres Feld.«
»Gib mir ein paar Beispiele«, sagte Swan. »Zähl die berühmtesten auf.«
»Der englische Bürgerkrieg, die Amerikanische Revolution, die Französische Revolution, die Haitianische Revolution, der Taiping-Aufstand, die Russische Revolution, die Kubanische Revolution, die Iranische Revolution, die Marsianische Revolution, der Aufstand der Saturn-Liga …«
»Aufhören«, sagte Swan. »Erzähl mir von den Ursachen von Revolutionen.«
»Studien konnten sie bislang nicht erklären. Es gibt keine historischen Gesetzmäßigkeiten. Schnelle Veränderungen der politischen Machtverhältnisse haben sich schon ohne Gewalt zugetragen, was vermuten lässt, dass Revolution, Reform und Repression alles Bezeichnungen sind, deren Definition zu breit ist, um bei der Ursachenanalyse von Nutzen zu sein.«
»Komm schon«, wandte Swan ein. »Stell dich nicht so an! Irgendjemand muss etwas gesagt haben, was du zitieren kannst. Du könntest sogar versuchen, dir selbst etwas zu überlegen!«
»Das ist angesichts deiner unzureichenden Programmierung schwer. Du klingst, als würdest du dich für das interessieren, was manche als ›die Großen Revolutionen‹ bezeichnen, wegen der mit ihnen einhergehenden grundlegenden Umwälzungen von ökonomischen Machtverhältnissen und Gesellschaftsstrukturen und wegen der politischen Veränderungen, insbesondere Verfassungsänderungen. Oder vielleicht interessierst du dich für soziale Revolutionen, womit massive Veränderungen in der Weltsicht und Technologie einer Gesellschaft gemeint sind. Da wäre zum Beispiel die paläolithische Revolution, die wissenschaftliche Revolution, die industrielle Revolution, die sexuelle Revolution, die Biotech-Revolution, das Accelerando als Zusammenfluss von Revolutionen, die Weltraum-Diaspora, die Geschlechterrevolution, die Langlebigkeitsrevolution und so weiter.«
»Allerdings. Was ist mit Erfolgen? Kannst du mir die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für eine erfolgreiche Revolution aufzählen?«
»Historische Ereignisse sind normalerweise zu überdeterminiert, um sie in der Kausalterminologie der Logik zu beschreiben, auf die man sich mit der Benutzung der Wendung ›notwendig und hinreichend‹ einlässt.«
»Versuch’s trotzdem.«
»Historiker sprechen von einer kritischen Masse der Unzufriedenheit im Volke, geschwächten zentralen Autoritäten, Hegemonieverlust …«
»Soll heißen?«
»›Hegemonie‹ bedeutet, dass eine Gruppe ohne die Ausübung nackter Gewalt über die andere herrscht, manchmal eher im Sinne eines Paradigmas, das unbemerkt Zustimmung zu bestimmten Machtverhältnissen erzeugt. Falls das Paradigma infrage gestellt wird, insbesondere in Situationen materieller Not, kann es zu einem nichtlinearen Verlust der Hegemonie kommen, sodass eine Revolution sich so schnell ereignet, dass keine Zeit für mehr als symbolische Gewalt bleibt, wie in den samtenen, leisen, seidenen und singenden Revolutionen von 1989.«
»Es gab eine singende Revolution?«
»Die baltischen Staaten Lettland, Estland und Litauen bezeichneten ihren Rückzug aus der Sowjetunion als singende Revolutionen, ein Begriff, der sich auf das Verhalten der Demonstranten auf den Marktplätzen bezog. Was uns zu einem wichtigen Punkt bringt: Menschen in physischen Ansammlungen scheinen eine Rolle zu spielen. Wenn ein hinreichender Bevölkerungsanteil bei Massendemonstrationen auf die Straße geht, dann hat die Regierung einen schlechten Stand für ihre Verteidigung. ›Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?‹, wie Brecht sagte. Da das unmöglich ist, stürzen Regierungen in diesem Fall oft. Oder es kommt zu einem Bürgerkrieg.«