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»Mit Sicherheit ist die Literatur über Revolutionen nicht so oberflächlich«, sagte Swan. »Du zitierst einfach nur irgendwas! Dein Verstand ist wie die Ringe des Saturns, eine Million Meilen breit und nur einen Zoll tief.«

»Katechese und antiquierte Maßeinheiten lassen Ironie oder Sarkasmus vermuten. Bei dir würde ich eher Sarkasmus vermuten …«

»Sagte sie sarkastisch! Du Suchmaschine du.«

»Ein Quantendurchlauf ist definitionsgemäß ein Zufallsdurchlauf. Du kannst mein Programm gerne auf den neuesten Stand bringen, sobald du die Gelegenheit dazu hast. Ich habe gehört, dass Wangs anderer Algorithmus gut sein soll. Gewisse Verallgemeinerungsprinzipien wären sicher nützlich.«

»Erzähl mir mehr von den Gründen für Revolutionen.«

»Die Menschen hängen Ideen an, die Erklärungen und psychologische Kompensation für ihre Position im Klassensystem ihrer Zeit bieten. Entweder sie verstärken ihr Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, indem sie ihnen ihre Lage verdeutlichen, oder sie versuchen, es mittels einer Ideologie für unwichtig abzutun, die ihr eigenes Wohlergehen hinter einem größeren Projekt zurückstellt, dessen Teil sie sind. Deshalb handeln Menschen sehr oft gegen ihre eigenen Interessen – sie hängen Ideologien an, die ihre Unterwerfung rechtfertigen. Dabei spielen sowohl Selbstbetrug als auch Hoffnung eine Rolle. Solche Kompensationsideologien sind Teil des hegemonialen Einflusses auf die Unterworfenen in einer imperialen Situation. So etwas geschieht in allen Klassensystemen, also in allen Kulturen der überlieferten Geschichte seit den ersten bäuerlichen und städtischen Gesellschaften.«

»Das waren alles Klassensysteme?«

»Möglicherweise gab es vor der neolithischen agrokulturellen Revolution klassenlose Gesellschaften, aber aufgrund der Quellenlage ist unser Verständnis solcher Kulturen sehr spekulativ. Mit Sicherheit lässt sich nur sagen, dass in der agrokulturellen Revolution nach der Eiszeit, bei der es sich um eine der umfassenderen Revolutionen handelte, die wahrscheinlich um die tausend Jahre dauerte, eine Klasseneinteilung in Form eines staatlichen Machtapparats institutionalisiert wurde. Überall auf der Welt und unabhängig voneinander entwickelte sich eine vierschichtige Teilung in Priester, Krieger, Handwerker und Bauern. Oft wurden alle vier Klassen von einem Monarchen beherrscht, der von allen als heilig anerkannt wurde, einem König, der gleichzeitig ein Gott war. Für die Priester- und Kriegerklassen war das sehr nützlich, genau wie für die Machtausübung von Männern über Frauen und Kinder.«

»Also gab es nie eine klassenlose Gesellschaft.«

»Nach gewissen Revolutionen wurden vorgeblich klassenlose Gesellschaften eingerichtet, aber normalerweise gibt es bei solchen Revolutionen Anführer, die schnell eine neue herrschende Klasse bilden, und die verschiedenen gesellschaftlichen Rollen, die die Einwohner des postrevolutionären Staats einnehmen, werden aufgrund des unterschiedlichen Werts, der den verschiedenen Rollen zugesprochen wird, wieder zu Klassen. In der Folge wird recht schnell eine neue Hierarchie aufgebaut, normalerweise im Laufe von fünf Jahren.«

»Also waren alle Kulturen in unserer Geschichte Klassensysteme.«

»Manchmal wird behauptet, dass der Mars heute eine klassenlose Gesellschaft sei, mit vollständiger Einebnung ökonomischer und politischer Macht in der gesamten Bevölkerung.«

»Aber der Mars schubst dafür inzwischen alle anderen herum. Nimmt man das System als Ganzes, dann stellen seine Bewohner eine Oberklasse dar.«

»Über den Mondragon wird zuweilen das Gleiche behauptet.«

»Und wir sehen ja, wie toll das läuft.«

»Verglichen mit der Lage auf der Erde könnte man den Mondragon als großen Erfolg bezeichnen, tatsächlich als eine Art Revolution und den nächsten Schritt nach der marsianischen Revolution.«

»Interessant. Also …« Swan überlegte einen Moment. »Denk dir ein Rezept für eine erfolgreiche Revolution aus.«

»Man nehme eine große Menge Ungerechtigkeit, Wut und Enttäuschung. Gebe sie in einen schwachen oder im Scheitern begriffenen Hegemon. Dann rührt man ein bis zwei Generationen Elend unter, bis die Mischung sich erhitzt. Nach Geschmack mit destabilisierenden Begleitumständen würzen. Eine winzige Prise Ereignis als Katalysator für das Ganze. Sobald das Hauptziel der Revolution erreicht ist, sofort abkühlen, um die neue Ordnung zu institutionalisieren.«

»Sehr hübsch. Das war wirklich kreativ von dir. Jetzt gib mir bitte Mengen für das Rezept. Ich will Einzelheiten. Ich will Zahlen.«

»Da verweise ich dich auf den Klassiker Das quantifizierte Glück von van Praag und Ferrer-i-Carbonell, der eine mathematische Analyse enthält, um die Rohzutaten einer gesellschaftlichen Situation zu analysieren. Das Buch enthält ein Zufriedenheits-Differenzial, das zusammen mit einer Maslow’schen Bedürfnishierarchie auf tatsächlich existierende Bedingungen in den zu bewertenden politischen Einheiten angewendet werden könnte, wobei man Gini-Zahlen und alle diesbezüglichen Daten verwendet, um die Differenz zwischen Ziel und Norm zu bewerten. Anschließend ließe sich ersehen, ob Revolutionen sich an vorhersagbaren Scheidepunkten ereignen oder ob sie weniger linear sind. Van Praag und Ferrer-i-Carbonell dürften darüber hinaus dabei helfen zu erkennen, welche Art von politischem System aus einer solchen Revolution hervorgehen würde, und welche Veränderungen dafür notwendig wären. Was den Vorgang selbst betrifft, ist es immer wieder interessant, sich mit Thomas Carlyles Die Französische Revolution zu befassen.«

»Hat er Zahlen?«

»Nein, aber er hat eine Hypothese. Die Zahlen finden sich in Das quantifizierte Glück. Eine Synthese müsste möglich sein.«

»Wie lautet seine Hypothese kurz zusammengefasst?«

»Die Menschen sind dumm und böse, insbesondere die Franzosen. Sie lassen sich durch Macht immer leicht verführen und in den Wahnsinn treiben, weshalb sie von Glück sagen können, wenn sie überhaupt irgendeine gesellschaftliche Ordnung haben, aber je härter, desto besser.«

»Also gut, was ist dann die Synthese?«

»Es liegt im besten Interesse des Einzelnen, allgemeines Wohlergehen zu erreichen. Menschen sind dumm und böse, aber manche Bedürfnisse sind so dringend, dass wir für deren Befriedigung arbeiten. Wenn sich die eigenen Interessen mit dem allgemeinen Wohlergehen decken, dann werden auch böse Menschen alles Nötige tun, um allgemeines Wohlergehen herbeizuführen.«

»Sie werden sogar eine Revolution durchführen.«

»Ja.«

»Doch selbst wenn die bösen, schlauen Leute um ihrer selbst willen das tun, was für die Allgemeinheit gut ist, dann gibt es immer noch dumme Leute, die diese deckungsgleiche Isomorphie nicht erkennen, und einige dumme Leute, die noch dazu böse sind, und die reiten dann alles in die Scheiße.«

»Darum gibt es dann Revolutionen.«

Swan lachte. »Pauline, du bist lustig! Langsam wirst du wirklich richtig gut. Fast, als würdest du denken.«

»Wissenschaftliche Studien stützen die Annahme, dass es sich beim Denken meistens um eine Neukombination vorangegangener Gedanken handelt. Ich verweise dich einmal mehr auf meine Programmierung. Ein besserer Satz Algorithmen wäre sicherlich hilfreich.«

»Du hast doch schon rekursive Superrechenleistung.«

»Was möglicherweise nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist.«

»Glaubst du also, dass du schlauer wirst? Ich meine, klüger? Ich meine, bewusster?«

»Das sind sehr allgemeine Begriffe.«

»Natürlich sind sie das, also antworte! Hast du ein Bewusstsein?«