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Er weiß, dass diese Leute ihn nicht mögen, und er mag sie ebenfalls nicht. Doch der Clou ist: Sie mögen auch einander nicht. So steht alles in einem Gleichgewicht der gegenseitigen Verachtung. Und dennoch steht Anton noch weiter außen vor als die anderen. Er, der unter den Bürgerlichen der Prolet ist, ist hier der Bürgerliche. Und der Durchgeknallte. Und der Spion. Und er weiß, dass kein normales Gespräch möglich ist. Denn die sogenannten einfachen Leute, die es gibt, stoßen ihn, machen sie den Mund auf, so brutal vor den Kopf, dass ihm das Wort im Halse stecken bleibt. Die Proleten hassen Anton, schon allein wegen seines Aussehens, wegen seines Auftretens, das er mit sich führt, weil es ihn geformt hat. Sie rotzen und rülpsen ihm ins Gesicht, bevor er mit ihnen ins Gespräch kommen kann. Das ist die bittere Wahrheit. Er kann nicht mit den Menschen reden, nicht mit den oberen, nicht mit den unteren.

Fünf Stunden später aber ist Anton sturzbetrunken, Wodka, Biere und ein Gesöff namens Orgasmus haben ihn völlig enthemmt, und er fühlt sich wohl dabei. Eine alte, nicht ältere, sondern wirklich alte Dame will mit ihm ins Gespräch kommen. Er lallt zurück, was ihm einfällt. Die Dame rückt ihren Ausschnitt zurecht, in dem zerknittertes Fleisch zum Vorschein kommt. Von rechts redet ein Typ ihnen dazwischen, was er denn mit der Friedhofsmuschi wolle. Anton sagt «so geht das nicht, du nennst sie nicht Friedhofsmuschi», was wiederum die Italienerin mit halbem Ohr mitbekommt und Anton maßregelt: «Noch einmal so ein Ausdruck, Anton, und du bist draußen.»

«Aber», sagt Anton, verfällt dann in Schweigen. Wenn er betrunken ist, denkt er, dass er sich eben doch mit den Menschen verstehen kann, durch einfache Gesten vielleicht, wie Anstoßen, Nicken, leichtes Winken. Und gerade noch hat er mit diesem Typen angestoßen, also werden sie schon okay miteinander sein. Der Typ rückt ihm auf die Pelle und sagt wieder etwas von der Leiche, die Anton wohl verteidigen oder gar ficken wolle, und dass er ihm noch einmal widersprechen soll, noch einmal.

«Wieso widersprechen», sagt Anton, «wir unterhalten uns. Gerade haben wir uns über meine Frisur unterhalten, du hast mir noch Ratschläge gegeben, und dann haben wir über deine Tochter geredet. Ich meinte nur, dass du die Dame —»

«Noch einmal etwas über meine Tochter», sagt der Typ, «ich habe dich gewarnt. Sag noch einmal Tochter, noch einmal.»

«Tochter», sagt Anton.

Man kennt das aus Comics. Ein kleiner Anlass, und plötzlich prügelt sich das ganze Dorf. Anton sieht den Typen noch kurz vor sich, dann hat ihn etwas getroffen, das man gemeinhin «Kopfnuss» nennt, ein verniedlichender Ausdruck, denn der Typ rammt mit aller Wucht die eigene gegen, nein, eher in Antons Stirn, worauf dieser aber nicht niedersinkt, sondern sich noch zu verteidigen versucht, vergeblich, denn es wird schon schwarz um ihn, und das Blut spritzt in die Augen und auf den Boden, wo Anton nun liegt, ohne sich wiederzufinden. Der Trödler und der Fischkopp kommen ihm sofort zu Hilfe und ziehen den Typen, der weiter auf Anton einschlägt, von dessen laschem Körper.

Das Nächste, was Anton mitkriegt, passiert auf dem Klo. Anton hält sich die Platzwunde mit Toilettenpapier zu, während Fischkopp sich ebenfalls Blut aus dem Gesicht wäscht. Anton fragt, was denn mit ihm passiert sei, und Fischkopp sagt: «Das ist dein Blut, Mann, gib mir zehn Euro.» Anton ist so perplex und dankbar, dass er ihm die zehn Euro gibt, das letzte Geld, was er hat. Als er wieder an seinen Platz will, sagt die Italienerin, sie habe das mit der Chefin abgesprochen, Anton habe jetzt Hausverbot. Der Typ ist verschwunden, die alte Dame auch. Anton weiß nicht, wie lange er weggetreten war, wie viel Zeit vergangen ist. Er will sich wehren, obwohl er weiß, dass das Hausverbot ihn eh nicht mehr betreffen wird. Aber das lässt er sich nicht gefallen. Sollen sie ihn doch zusammenprügeln bis zum Ende, hier und jetzt, wenn sie ihn schon mehr hassen als der Rest, wenn hier, immerhin, noch irgendwelche Gefühle gegen ihn gehegt werden und nicht die nackte Gleichgültigkeit herrscht. So geht er jedenfalls nicht, und das lässt er sich nicht gefallen, nein. Und das sagt er auch. Doch die Italienerin weist ihm nur die Tür. Und wenn er nicht von selbst gehe, hole sie eben die Polizei. Da kommt der Trödler, nimmt Anton am Arm und führt ihn hinaus. Er habe doch wohl genug für heute? fragt der Trödler. Nicht nur für heute, sagt Anton, nicht nur für heute. Aber da steht er schon alleine vor der Kneipe, wird von den Passanten angegafft und geht dann endlich davon. Sein Equipment bleibt in der Kneipe.

*

Sie hat sich krankgemeldet und liegt im Bett. Herr Schubert musste die Schicht übernehmen, aber das ist ihr egal. Schubert hängt eh viel zu oft auf Kosten der anderen faul und untätig im Lager herum. Linda ist in der Kita. Fast hätte Denise sie alleine losschicken wollen. Aber das ging natürlich nicht. Noch sechs Stunden, bis sie ihre Tochter wieder abholen muss. Davor einkaufen, kochen. Böse Aufgaben, kaum zu bewältigen. Denise atmet, so gut sie kann.

Es ist noch immer kein Geld auf ihrem Konto eingegangen. Sie checkt und checkt und glaubt es nicht. Die Videos auf dem Portal würde sie am liebsten alle löschen. Sie sieht sich selbst als Eyecatcher, verzerrt und verwaschen, und schließt die Augen. Ihr wird übel. Dazu würde sie den beiden Bauarbeiterärschen von gestern am liebsten die Finger in die Nasenlöcher schieben, sie durch einen belebten Raum ziehen und dann in eine versiffte Ecke werfen, mit einem beherzten Ruck dazu, der ihnen die fettigen, porösen Nasen gleich noch zerfetzen würde. Oder einfach die Augen ausstechen. Nie mehr glotzen. Oder die Schwänze abschneiden. Nie mehr ficken. Oder. Oder.

Denise ist nicht gut im Schmieden von Racheplänen, aber heute drängen sie sich ihr regelrecht auf. Und die Vorwürfe an sich selbst: Wieso war ich stumm und klein? Wieso habe ich sie nicht beschimpft? Als pornosüchtige Wichser bloßgestellt? Es abgestritten? Wenigstens den Mittelfinger gezeigt? Nichts hat sie getan. Krank stellt sie sich heute, das ist alles. Aber sie ist es auch. Nur nicht auf die Weise, die ein Arzt verstehen würde. Morgen muss sie wieder in den Supermarkt. Das ist klar. Panik ist in ihr. Sie atmet, beruhigt sich. Sie redet sich ein, dies sei Freizeit.

Und doch, dann: der Trotz, diese neue Stärke. Und wenn, denkt sie, und wenn. Die armen Säue sind die anderen, nicht ich. Es ist egal. Ich bin unberührbar. Ich habe Anton. Und hätten mich alle Männer der Welt besudelt, wiederholt sie mit jedem Atemzug, sie kennen mich nicht, sie haben mich nicht, ich bin unberührbar, für jetzt und immer und ewig, und Schluss.

Als sie in den Chatroom geht, weiß sie nicht, was zu sagen wäre. Sie redet dennoch mit Leuten und merkt, dass sie sich immer fast schon unterwürfig auf den jeweiligen Chatpartner einstellt, die Redeweisen und Eigenheiten des anderen teils übernimmt, teils schon vorausahnt und vorauseilend anbietet, die lächerlichen Smileys, Emoticons, Abkürzungen, all den Dreck. Denise ekelt sich vor sich selbst. Wer ist sie überhaupt? Geht das allen so? Ist das schlimm oder gut? Ist man nie man selbst? Ist das egal? Oder ist das krank?

Auf Facebook posten sie nur idiotische Links, die witzig sein sollen, deren Witz Denise aber völlig verborgen bleibt. Sie überlegt, ihren Account zu löschen. Aber sie weiß, dass sie die entsprechende Funktion erst zwischen tausend anderen Optionen suchen und dann eine absurde Prozedur der Nachfragerei durchlaufen müsste (willst du wirklich und warum, der und der wird dich sehr vermissen), bis sie es endlich geschafft hätte. Das kann sie sich gerade nicht geben. Sie lässt es und loggt sich aus. Sie wollte ihren Account eh nicht löschen. Das heißt, sie will es immer wieder, sie wird es aber nie machen.