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Im Kühlschrank ist noch ein Schluck Milch, den sie gierig wegtrinkt. Dann raucht sie eine Zigarette und trinkt Leitungswasser. Sie starrt die Wand mit den Kinderzeichnungen an und hat, wie sie es im Internet nennen, «Kopfkino». Sie erzählt sich Geschichten von sich selbst, in einem TV-Format, das zwischen öffentlich-rechtlicher Betroffenheit und dem Marktgeschrei der Privatsender oszilliert. Sie erzählt sich eine Geschichte, wie sie in fünf oder zehn Jahren über diese Zeit jetzt reden wird.

«Ja», sagt sie dabei in Gedanken in die Kamera, «wie fertig ich war, damals, das verstehe ich heute selbst kaum mehr. So weit unten, so down wirklich, gehetzt und geschändet, alles fürs Kind. Die Zeit hatte so ein Gewicht. Und immer auf Speed», sagt sie und sieht sich jetzt im imaginären Bildschirm, sie redet in die Wohnzimmer, und ihr Name ist unten eingeblendet, es geht um Lebensläufe, die noch einmal gutgingen.

«Ich kannte es nicht anders, ich kam vom Techno, und es war nicht einfach, sich aus diesen Zusammenhängen zu lösen. Ich war innerlich gebrochen, ich habe, wer macht das schon, Pornos gedreht. Ich habe Pornos gedreht. Das wäre mir vorher nie in den Sinn gekommen, und nachher auch nicht, und währenddessen eigentlich auch nicht. Das war so ein Leben im Autopilot, einfach machen, nicht denken, bloß nicht denken, wissen Sie. Dann knallte es, aber wie. Und rückblickend muss ich sagen, dass dieser Zusammenbruch meine Rettung war. Noch einmal ganz von vorne anfangen, das hat mir geholfen. Wahrscheinlich säße ich heute gar nicht hier, wenn diese Katastrophe nicht passiert wäre, und wo Linda wäre, ich will es mir gar nicht ausmalen. Das hat mich gerettet. Heute bin ich okay. Ich will nicht sagen, dass ich glücklich bin, aber ich bin okay, und das ist mehr, als ich erwarten konnte.»

Draußen ist das Licht schön und anders, denkt Denise und wundert sich über diese Wahrnehmung, die ihr wie angelesen vorkommt. Sie atmet am offenen Fenster und fühlt sich kurz wohl. Hier, am Fenster, ist ihr Platz, denkt sie. Nicht draußen, nicht drinnen. Genau dazwischen. Und kurz vorm Fallen. Kein Problem.

*

«Mit dem Rad. Ich bin hingeknallt.»

«Mit welchem Rad?»

«Geliehen.»

«Besoffen, oder was?»

«Nein, ich trinke noch immer nichts.»

«Soso», sagt Sonja. «Das hätte aber genäht werden müssen. Leider geht das nur bis vier Stunden nach dem Unfall.»

Sie untersucht die Wunde, über der sich schon Schorf gebildet hat. Ihre milden Augen sind Anton ganz nah, sehen aber nicht ihn, sondern nur die Wunde auf seiner Stirn an, was einen seltsamen Effekt zur Folge hat. Anton fühlt die Nähe, ist aber gleichzeitig nur Objekt der Betrachtung.

«Okay», sagt Sonja, «das wird eine Narbe geben. Jetzt ist nichts mehr zu machen.»

«Das sag ich mir jeden Morgen.»

«Anton.» Sie schüttelt grinsend den Kopf.

«Aber beim Nähen gibt es auch die kleinen Einstichnarben später. Dann sieht’s aus wie im Comic. Ist schon okay so. Die Natur richtet es schon ein.»

«Das wird noch wuchern, ich sag es dir. In Italien habe ich mir am Bein so was zugezogen, das sieht nicht feierlich aus.»

Jetzt sieht sie ihn direkt an. Braune, feuchte, sanfte Augen. Die Routine der professionellen Zuneigung für die Erniedrigten und Beleidigten.

«So. Und jetzt müssen wir mal ein paar Anrufe machen.»

«Sonja.»

«Nein, wirklich. Ich habe hier einiges von dir auf dem Schreibtisch. Komm.»

Die neuesten Inkassoschreiben sind da. Kaffee wird kredenzt, Zucker gereicht, Briefe werden aufgerissen und nach Datum einerseits, nach Forderungshöhe andererseits sortiert. Anton studiert die Aufstellungen und kommt zu keinem Ergebnis.

«Das sind doch alles falsche Beträge, da haben sich die Hauptforderungen im Nu verdoppelt», sagt er, «das hat doch alles keinen Sinn.»

Sonja schiebt ihm das Telefon hin. Verdonnert zur Schadensbegrenzung. Er ruft Hermann an. Der sagt, er solle alles zum Gerichtstermin mitbringen, er schaue sich das dann an. Sonja nickt und hebt die Augenbrauen, was Anton nicht ganz decodieren kann. Will sie sagen, schau, so sind deine Freunde, Hilfe kriegst du nur bei mir?

«Okay, ich kann ihm alles mitbringen am Donnerstag.»

«Aber anrufen musst du jetzt trotzdem. Wenigstens hier, E-Plus.»

«Die Schweine. Die verkaufen die Forderungen doch einfach an die Inkassoverbrecher. Und die schlagen dann stündlich was drauf. Die sogenannte Hauptforderung bleibt dieselbe.»

«Trotzdem muss man was machen. Oft lassen die sich auf einen Vergleich ein.»

«Ich weiß. Mistvergleiche.»

«Einen Anruf, Anton.»

Er landet in einer Warteschleife und wird rhythmisch mit dem Namen des Rechtsanwaltsbüros belästigt. Dann meldet sich eine dunkle Damenstimme und fragt ihn, bevor er von seinem Anliegen erzählen kann, nach seinem Aktenzeichen. XY unbeschwert, will er sagen, verkneift es sich aber. Mit der Arroganz des Verzweifelten buchstabiert er die Zahlen- und Buchstabenfolge hin. Jetzt noch Geburtsdatum und Meldeadresse. Im Hintergrund reden Menschen durcheinander, Großbüroatmosphäre, es klingt nach dem, was es wahrscheinlich auch ist: ein plumpes Callcenter. Outsourcing der Schicksale. Was kann ich für Sie tun.

Anton druckst herum und sagt dann, dass er die Forderung derzeit nicht zahlen könne. «Wie viel können Sie denn zahlen», fragt die Dame.

«Eigentlich gerade gar nichts, aber hören Sie bitte kurz zu. Es ist damals einiges schiefgegangen in meinem Leben, es war ein Chaos, es ist jetzt nicht sehr angenehm, darüber zu reden, aber es wäre gut, vielleicht in einen Dialog treten zu können, vielleicht über einen Vergleich.»

Die Dame am anderen Ende der Leitung übergeht seine Apologie und klingt plötzlich unwirsch.

«Diese Möglichkeit haben Sie sich bereits verbaut», sagt sie, «bei solch alten Forderungen können wir leider nicht mehr auf Sie zukommen, es läuft ja bereits die Zwangsvollstreckung, wurde Ihr Konto gepfändet?»

«Es ist ein P-Konto», sagt Anton, der sich denkt, dass sie wahrscheinlich eines seiner alten Konten im System haben.

«Wurde das Konto gepfändet?»

«Ja», sagt Anton, Hauptsache, sie wissen nichts von seinem neuen Konto, fürs Erste.

«Wie viel könnten Sie zahlen im Monat?»

«Ich weiß nicht, fünfzig Euro.»

Sonja reißt die Augen auf und winkt ab.

«Ich weiß es nicht», sagt Anton, «ich habe hier ja nicht einmal eine echte Forderungsaufstellung zugeschickt bekommen.»

«Die kriegen Sie», sagt die Frau, jetzt wieder mit sanfterer Stimme, «wenn wir eine Ratenvereinbarung getroffen haben, fünfzig Euro sind doch ein Anfang.»

«Ja», sagt Anton, «also machen wir das so.»

«Gut, ich mache alles fertig, ab wann wird die Zahlung einsetzen?»

«Sobald Ihre Aufstellung hier ankommt», sagt Anton.

«Nein», ruft die Callcenterfrau, «Sie haben hier gar nichts mehr zu fordern, wir brauchen einen genauen Termin.»

«Hören Sie, wer sind Sie überhaupt», sagt Anton, «Sie sind doch nur ein Callcenter, Sie werden wahrscheinlich noch an meiner Ratenhöhe beteiligt, Sie sitzen da und blocken nur alle ab, Sie haben doch gar keine Entscheidungskompetenz!»

«Ich arbeite für das Anwaltsbüro, und Ihnen wird nichts anderes übrigbleiben, als mit mir zu kommunizieren», sagt sie kühl. «Wir brauchen einen genauen Termin.»

«Dann ab dem Zwanzigsten», sagt Anton mit müdem Blick auf den Tischkalender.

«Ich trage ab dem Fünfundzwanzigsten ein», meldet die Frau, «dann haben wir die Trägheit der Banküberweisungen mit eingerechnet.»