«Ja», sagt Anton. Er kann sich nicht wehren. Er kann nicht einmal mehr wütend werden.
Er möge noch eine schöne Woche haben, sagt die Frau und legt auf.
«Aber», sagt Anton.
Sonja sieht ihn mitleidig an. Er fühlt sich über den Tisch gezogen und traurig, und er weiß nicht einmal, ob er sich zu Recht so fühlt.
«Wieso hast du das gemacht», fragt Sonja. «Mündliche Verträge sind auch Verträge.»
«Es ist eins. Die pfänden und pfänden. So pfänden sie wenigstens etwas später.»
«Du kommst in Teufels Küche.»
«Ich bin schon in Gottes Mülleimer. Das reicht.»
«Mann, Anton.»
«Darf ich noch mal telefonieren? Privat?»
«Aber schnell.»
Er wählt die Nummer von Denise, lächelt bereits charmant, weil er sich freut, weil er gute Stimmung verbreiten will. Sonja beobachtet ihn heimlich, und er genießt es, vor ihren Augen kurz auf irgendeiner Sonnenseite zu stehen, die sie nicht kennt, und sei es nur für ein Gespräch. Doch Denise hebt nicht ab. Er drückt weg und sagt: «Nicht erreichbar, wie immer. Was soll’s.»
«Jaja», sagt Sonja und lächelt mild, «du und die Frauen.»
*
Auf Abwegen, auf der anderen Seite. Denise nimmt den höherwertigen Supermarkt im Einkaufscenter, sogenannte Arkaden, untere Etage, sie hat keinen Einkaufszettel geschrieben, sie muss alles aus sich selbst herausleiern und denkt, das gibt es doch nicht, dass ich es so entwürdigend finde einzukaufen. Es ist als Akt eine einzige Demütigung, und nichts ist kundenfreundlich, es ist alles nur der letzte Nepp. Ihr Herz rast, während sie versucht, sich zu erinnern, was sie denn jetzt noch braucht, eigentlich alles, eigentlich ist nichts mehr im Kühlschrank, oder wie war das. Sie stellt sich Linda am Küchentisch vor und denkt, also, was braucht sie jetzt, um satt zu werden: Brot, Butter, Fleischwurst, Teewurst, Milch. Das morgens, für den Anfang. Mittags isst sie im Hort, abends braucht sie nicht unbedingt etwas Warmes, oder vielleicht doch, und Denise schielt hinüber zu den Konservenbüchsen. Sie kann auch nicht immer etwas Frisches kochen, es ist ein Notfall, was kochen denn die anderen immer, ihr fallen Kartoffeln ein, sicher, einen Beutel Kartoffeln, damit macht man nichts falsch. Mehlig oder festkochend?
Am Regal mit den Konservenbüchsen vorbeigeschlendert, hat sie vier Dosen in den Wagen gelegt. Alles nur fürs Erste. Die Leute um sie herum scheinen alle genau zu wissen, was sie einzukaufen haben, sie vergleichen Preise und Mengen und fühlen sich auch noch wohl dabei. Denise verweilt vor dem Brot. Das ist alles Scheiße hier, denkt sie. Aber sie kann sich nicht zu dem Entschluss durchringen, später beim Bäcker noch etwas zu kaufen, das hält sie nicht durch, das Reden, das Entscheiden vor Publikum. Hier hat sie Zeit.
Sie entziffert die Warenbezeichnungen: Roggenbrot, Bauernschnitten, Toastbrot, das Herzliche, das Vierkornbrot, was denn nun. Lächerlich. Da, Vollkorntoastbrot, hinein und weiter. Sie fühlt sich absolut terrorisiert von den Kaufbefehlen und Sonderangeboten und Produktreihen und Warensegmenten. Das darf doch alles nicht wahr sein, und in so was verbringe ich den größten Teil meiner Zeit, denkt sie, und sie weiß nicht, ob sie den Supermarkt meint oder nicht doch etwas Größeres, Umfassenderes, ihr Leben etwa oder gleich die ganze Welt.
Am Ende des Konservengangs, auf dem Weg zu den Kartoffeln, meint Denise den Typen von vor drei Nächten wiederzuerkennen, er hat eine Basecap auf dem Kopf und iPod-Knöpfe in den Ohren, er ist mit einer Frau unterwegs, die sie sofort als «Halblesbe» identifiziert: kantige Bewegungen, Kurzhaarschnitt, weggeschnürte Brüste, aber dennoch grazil. Denise kennt solche Kaliber, und sie sind ihr die widerlichsten. Sie tut, als wäre sie in die Teesorten vertieft, hat einen Schweißausbruch und dreht um. Sie bleibt vor den Zeitungen stehen, irgendein alter Schauspieler, den sie nicht kannte, ist gestorben. Es berührt sie, dieses eingefallene Alkoholikergesicht mit den melancholischen Triefaugen zu sehen. Kurz denkt sie, jede Sekunde, die ich jetzt lebe, überlebe ich den da, den ich nicht kenne. Das stimmt sie weder froh noch traurig; es ist einfach eine Tatsache, die ihr jetzt in den Sinn kommt und die sie dann für immer vergessen haben wird. Denise merkt, dass sich der Basecapträger und die Halblesbe in die Schlange einreihen, wodurch die Bahn zurück in die Gänge frei wird. Sie zerrt das Ungetüm von Einkaufswagen, das zeternd über den Boden schleift, zwischen die Hygieneprodukte. Dort ist ihr Kopf wieder leer, und sie muss sich mühsam daran erinnern, wozu sie hier ist, was sie noch suchen muss, was ihr noch fehlt.
*
«Wie sieht es denn hier aus?» Cathrin ist vorbeigekommen, für eine Unterschrift. Sie sieht sich um, in Antons Zimmer, und kann es kaum fassen.
«Es ist halt nicht mein Zuhause.»
«Aber ein wenig liebevoller könntest du das hier ja schon gestalten.»
«Ich habe einfach keine Lust», sagt Anton. Und ergänzt: «Aufs Aufräumen, meine ich.»
Cathrin hat verstanden, wirft ihm einen kühlen Blick zu und rümpft verächtlich die Nase, ein Tic von früher, der sich inzwischen zur Schrulle ausgewachsen hat. Anton weiß nicht, ob er es sich einbildet, aber es könnte sein, dass Cathrin ihn gerade, trotz allem, anziehend findet. Sie atmet schwerer, bewegt sich langsamer als sonst. Allein dieses Zimmer, das Chaos der nackten Existenz — so etwas sieht sie doch sonst nie. Er versucht, sie durchdringend anzublicken. Er weiß nicht, ob es gelingt, und, falls es gelingt, ob es ankommt. Die Bilder von früher blitzen wieder auf. Der bloße Fakt, dass sie einmal etwas miteinander hatten, macht ihn leicht geil. Aber vielleicht bildet er sich selbst das nur ein. Eigentlich hat er nur sehr großen Hunger.
Als sie ihn im Zentrum absetzt, will er das Ungesagte einmal, nur einmal ansprechen, aus einem Impuls der Grausamkeit vielleicht. Er schnallt sich ab.
«Ach, und das ist klar, ich werde nie auch nur ein Wort über uns verlieren. Egal, wie es mir geht.»
«Was meinst du, Anton.»
«Du weißt es genau.»
«Ich verstehe nicht ganz.»
«Ich sage schon nichts. Keine Sorge.»
«Anton, ich weiß nicht, was mit dir los ist. Du scheinst dir da etwas einzubilden.»
«Ach, komm, jetzt hör auf. Ich sag ja nichts. Aber leugnen musst du es jetzt auch nicht.»
Cathrin schüttelt nur mitleidig den Kopf. «Anton, ich hoffe, es wird dir bessergehen. Bald.»
«Du leugnest es einfach?»
«Da war nie etwas.»
«Ach, so willst du das also haben. So ist das also.» Jetzt schüttelt er langsam den Kopf. Die Enttäuschung sitzt tief.
«Du machst mir Angst, Anton. Oder eher: Ich habe Angst um dich. Die Wirklichkeit kommt dir abhanden.»
«Das ist so perfide.»
«Das ist die Wahrheit. Aber wir stehen an deiner Seite, egal, was passiert.»
Anton fehlen die Worte. Er öffnet die Tür und manövriert sich umständlich hinaus.
«Ist okay, Cathrin. Ist schon okay.»
Sie nickt und wartet. Er hängt noch in der Tür.
«Und wenn da etwas gewesen wäre, es würde mir eh keiner mehr glauben, was?» Er kommt sich wie betrunken vor, so haltlos und wütend, fast schon lallend.
«Bis Donnerstag, Anton. Wir lassen dich nicht fallen.»
Er will noch etwas sagen, doch dann hat er, weil ihm nichts einfällt, die Tür schon trotzig zugeworfen, und Cathrin ist, so schnell es geht, im Berufsverkehr verschwunden.
Dieses zerschossene, umstellte Leben, denkt Anton. Weit und breit keine Feinde zu sehen, und doch ist alles gegen ihn gerichtet. Er hat Hunger und kein Geld mehr. Der Automat gibt nichts her. Der dreckige Automat, in einer Hauswand, aus der man sonst das Geld zieht wie irgendein Gestörter, er gibt einfach nichts mehr her, nicht einmal zehn Euro. Die Faktizität des Hungers, denkt Anton und kommt sich klug und lächerlich vor. Was tun? So einen Hunger hat er noch nie erlebt. Schien es nicht, dass Hunger gar nicht mehr vorkommt in diesem Wohlfahrtsstaat? Ein Essen fällt doch überall ab, irgendwo muss es doch ein Essen geben. Ein Brötchen, ja, das ist noch drin. Er kauft es, trocken und industriell fühlt es sich an. So schmeckt es auch. Er kaut darauf herum, bis überhaupt kein Geschmack mehr festzustellen ist, es ist wirklich nur Mehl und Wasser. Er schnorrt einem Mann, der selbst nicht gerade wohlhabend aussieht, eine Zigarette ab und raucht sie, so sparsam es geht. Möglichst wenig Rauch und Nikotin sollen verlorengehen. Denn Zigaretten stillen den Hunger, heißt es, wenn auch nur für kurze Zeit. Bis zum Filter raucht er sie, ab der Schrift ist Gift, heißt es. Er lässt den Filter ankohlen und schnippt die Kippe dann mürrisch weg. Ab der Schrift ist also Gift. Leere Versprechungen.