Später erfährt er, dass sich seine neunzigjährige Oma bei Sonja gemeldet hat. Sein Vater sei gestorben, im Hunsrück, mit vierundsechzig. Das passt, denkt Anton. Das Einzige, was er von ihm hat, ist ein Bild als Karnevalsprinz, mit der zweiten Frau, von 1982. Das passt alles. Er ist der Sohn eines Prinzen, aber es war alles nur Karneval.
*
Linda hat sich wieder eingepinkelt, alles muss neu bezogen werden, das Bett, das Kind, das Nervenkostüm. Sie kann nichts dafür, schärft Denise sich ein. Linda kann nichts dafür, es sind die Unsicherheit und der Druck, wie die anderen sein zu müssen, es ist der unfähige Vater, es sind die Umstände, die Unbehaustheit und damit also Denisens eigene Unfähigkeit, der Tochter ein anständiges Zuhause zu bieten. Das alles führt dazu, dass Linda noch immer nicht trocken ist. Es ist nicht ihre Schuld, und es ist keine Tragödie. Es riecht auch kaum. Nichts passiert. Gleich schläft sie wieder.
Denise setzt sich vor den Fernseher und zappt. Nirgendwo bleibt sie hängen. Die Bilder hüpfen vorbei, der Finger kann nicht stillhalten. Sie macht den Fernseher aus und irgendeine Musik an, Shuffle auf dem MP3-Player, Heike hat ihr da was draufgeladen, Minimal, leicht thermisch. Sie holt eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank und beginnt, nach dem dritten Glas, offenen Auges zu träumen. Eine Pizza in New York, vielleicht mit Anton, vielleicht mit Michael Douglas, unendlich dünn und mit edlem Parmaschinken belegt, um sie die Wolkenkratzer, die sie nicht retten, aber sanft umfassen werden wie Finger eines riesigen Roboters. Und sie wird feiern können, ohne sich zu schämen, und staunen, endlich wieder staunen. In den Bäumen hängen Papierstreifen, und die Menschen sind freundlich und schnell. Denise atmet regelmäßig und ruhig.
Schließlich kommt der Schlaf und wirft dem Traum seine Decke über.
*
Mein Vater war ein Spieler und ein Prinz
Das ganze Ding entbehrt doch jeden Sinns
Der lächelt da im schmucken Ornament
Während meine Hütte lichterloh verbrennt
Jetzt wird er selbst, so will er es, verbrannt
Ein Leben hat ein anderes verbannt
Und eigentlich ist es auch ganz normaclass="underline"
Mein Vater war ein Prinz im Karneval
Ein paar Zeilen, schnell hingewischt auf eine Mahnung, dann weggeworfen. Und bald sind die Gedanken an den Vater nicht mehr aufzufinden.
Stattdessen neue Scham. Wie ein Kleinkrimineller lungert Anton nämlich in Sichtweite der «Tafel» herum, auf der anderen Straßenseite, und traut sich nicht hinüberzugehen. Dabei hätte er den Hunger soeben auch anderweitig stillen können. Vor einer Stunde sah er seine Mutter zufällig beim Einkaufen in einem Supermarkt nahe ihrer Arbeit, sah die Freude, die ihr die vielen Sonderangebote bereiteten, und konnte doch nicht zu ihr hin. Die gedrungene Person, die ihn geboren hatte, war so allein und verloren wie er selbst, und er brachte es nicht mehr über sich, in die Rolle des Kindes zu schlüpfen, nicht einmal für ein paar Worte. Der Weg zu ihr war ihm verbaut, für immer. Sie schien selbst nur noch eine der fremden Fernsehfiguren zu sein, die ihr Leben bevölkern. Anton kam sich vor wie ein Voyeur. Ungesehen stahl er sich davon, räudig wie nie, und hätte weinen wollen.
Jetzt sticht der Hunger im Bauch, tatsächlich. Wäre es nicht schmerzhaft, wäre es interessant. Ich bin ein Bettler, schießt es ihm durch den Kopf, und er läuft schamrot an. Vielleicht könnte er noch einmal zu Cathrin und Hermann gehen, dort einen Teller mit übriggebliebenem Biobrei abstauben. Bestimmt könnte er das. Aber es ist ihm nicht möglich. Er will keine Gefälligkeiten mehr von alten Gefährten, die ihn eh am liebsten los wären. Lieber anonym bleiben, sich einreihen, wo die Blicke keine Fragen mehr stellen. Er gibt sich einen Ruck und geht über die Straße. Ein Auto, das er nicht gesehen hat, hupt ihn rüde an.
Drinnen wird er mit sachlicher Freundlichkeit empfangen. Sie fragen nicht nach dem Hartz-IV-Ausweis, nicht nach irgendeinem Papier. Wahrscheinlich würden sie das tun, wenn er öfter käme. Aber sein Aussehen ist fürs Erste Beleg genug. Er bekommt einen Teller mit Linsensuppe und ein Brötchen, dazu Apfelschorle, und setzt sich irgendwo hin, wo noch etwas frei ist. «Mahlzeit», sagen die anderen, Anton antwortet mit «Guten Appetit». Verstohlen blickt er sich um und überprüft, wen er kennt. Keinen. Seltsam, er hat kein Problem, mit den Pennern draußen zu trinken, aber drinnen mit ihnen zu essen, kann er kaum ertragen. Da wird er zum Bittsteller, da wird er zu einem aus der subventionierten Masse der Armen. Die Suppe aber schmeckt phantastisch, und er isst sie so bewusst, wie es nur geht. Jeder Löffel bereitet ihm Freude. Er tunkt das Brötchen tief in den Brei und genießt. Die anderen lassen ihn in Ruhe. Als er fertig ist, traut er sich nicht, Nachschlag zu holen. Er sitzt da wie gelähmt.
Ein graues Männlein ihm gegenüber fragt ihn, wer er denn sei, wo er herkomme. Aus dem Nordwesten der Stadt, sagt Anton, das heißt, eigentlich aus dem Südosten, aber es habe ihn in den Nordwesten verschlagen, da sei ein Platz frei gewesen. Das Männlein nickt, mehr Fragen müssen nicht gestellt werden. Jeder hier ist abgerutscht und tief gefallen. Da braucht es keine weiteren Erklärungen, schon gar nicht ohne Alkohol. Und das eigene Schicksal ist einem eh am nächsten.
Als Anton dankend das Geschirr in den Wagen stellt und aufbrechen will, fragt ihn die Hilfskraft, eine üppige Küchenfrau mit auswachsender Blondtönung, ob er denn keinen Nachtisch wolle. Anton zögert, natürlich möchte er, andererseits ist er bescheiden und will fliehen, dann wieder wäre es vielleicht unhöflich, das Angebot auszuschlagen. Eine tiefe, ganz alte Unsicherheit hat ihn gepackt, doch bevor er ins Stottern kommt, reicht ihm die Frau eine Schale mit Vanillepudding und lächelt. Er bedankt sich erneut, setzt sich wieder an seinen Platz und löffelt langsam den Vanillepudding aus, der köstlich schmeckt.
«Watt Süßet», grummelt eine der Gestalten in seine Richtung und grinst, «watt Süßet brauch der Mensch.»
«Jau», sagt eine andere, «watt Süßet, watt Warmet, watt Weichet», und das allgemeine Mümmeln steigert sich kurz zum Grunzen. Anton muss ebenfalls schmunzeln. Sie haben hier nichts gegen ihn. Er ist aufgenommen, und sei es nur für fünfzehn Minuten. Er fühlt sich fremd, aber nicht fehl am Platz.
Nach dem Pudding steht er auf und verabschiedet sich höflich. Die beigen bis grauen Gestalten nicken ihm zu und wünschen ihm alles Gute. Die Küchenfrau nickt und sagt: «Bis bald.» Anton geht langsam die Stufen hinab. Er möchte nicht wie ein Fliehender wirken, nicht vor sich und nicht vor den anderen.
*
Denise geht es besser. Die Blicke der Männer können ihr nichts mehr anhaben. Sie hat sich immunisiert. Sie gehen an ihr vorbei auf Straßen und Gängen, gesichtslose Tiere, und wissen selbst nicht, wohin mit sich und ihren Träumen und ihren Trieben. Prominente werden doch auch selten erkannt, heißt es, im normalen Leben. Und das hier ist, verdammt noch mal, das normale Leben. Das ist mein Leben, denkt sie, es ist normal, ich bin normal, und ich habe kein Verbrechen begangen. Nie.