Ihr geht es besser, und sie hat einen neuen Plan. Sie wird sich einfach nehmen, was sie will und was sie braucht. Einfach nehmen. Das steht so in allen Zeitschriften und Magazinen, und so hat es Sido in einem Song gesagt. Sie weiß nicht genau, was sie braucht, aber es wird sich von dem, was sie will, nicht so grundlegend unterscheiden. Oder? Sie wird weiterhin im Supermarkt arbeiten, denn das kann sie, das überfordert sie nicht. Sie wird ihre Tochter weiterhin lieben und jeden Morgen in die Kita fahren, zweimal in der Woche zur Ergotherapie, einmal zum Schwimmen, einmal zum Förderunterricht. Sie wird weiterhin, wenn es sich anbietet, Pornos drehen. Das ist schon lange nicht mehr so schlimm oder anrüchig wie früher. Die Leute machen es freiwillig und umsonst, überall, die Kanäle sind bis obenhin voll von privaten Videos. Jedenfalls wird sie sich nicht mehr dafür schämen. Das hat sie entschieden. Natürlich muss erst mal Geld fließen. Denn es ist immer noch nichts da. Das Geld ist tatsächlich immer noch nicht da. Aber sie hat keine Zweifel, dass es früher oder später kommen wird. Früher oder später wird es geschehen. Wir sind hier nicht in Kurdistan. Es hat schon seine Ordnung, alles, wenn es auch bisweilen dauert.
Der metallene Geschmack vom Amphetamin fließt ihr über den Gaumen. Es tut gut, jetzt zu nehmen. Es baut sie auf, und die Gedanken werden wieder schärfer, konturierter, stabiler.
Denise wird sich Anton einfach nehmen. Das hat sie entschieden. Wenn es ihr guttut, warum nicht. Es ist egal, ob sie zusammenpassen oder nicht. In den Flirtportalen hätten sie sicherlich keine Chance, denn die dortigen Kriterien würden die beiden niemals miteinander in Verbindung bringen. Aber was wissen schon die Flirtportale. Nicht einmal ein echter One-Night-Stand ist für Denise da herausgesprungen, das heißt, doch, zwei, aber was für welche. Vielleicht hatte sie einfach die falschen Kriterien angegeben. Anton aber braucht kein Kriterium. Sie mag seine Nähe und fühlt sich von ihm angezogen. Mehr braucht es nicht.
Entschlossen wuchtet sie eine Brotkiste nach der anderen auf den Wagen und schiebt diesen dann kraftvoll in die Backecke. Es ist kein verlorenes Leben, sagt sie sich, warum auch. Es kommt wirklich nur auf die Sichtweise an. Und die ist heute gut und soll es bleiben. Du musst dir dein Leben einfach nehmen. Hoppla, so war das nicht gemeint, lacht sie fast. Du musst dir im Leben nehmen, was du willst. Nimm es, greif es dir einfach. Sie stapelt die Brote ins Regal und ist dankbar, einfach dankbar für diesen Job und den Supermarkt, für ihre Tochter, für das Speed, für die Brote, das Obst und sogar für das künstliche Licht hier, das jede Ecke findet und keine Schatten wirft.
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Anton flaniert, wie man so sagt, aber es ist in Wahrheit kein Flanieren, es ist Streunen. Was ist der Unterschied? Tut er es nicht ebenso freiwillig wie irgendwelche Flaneure in den zwanziger oder Nullerjahren? Er ergeht sich in der Zeit und sondiert den Raum. Ist es also der fehlende Stil, der ihn zum Streuner macht? Er trägt noch immer einen Anzug, und im ausschreitenden Gestus seines Ganges kann man noch immer den gespielt selbstbewussten Dandy erkennen, die Beine in ihrer Bewegung fast schon eine Sinuskurve. Abgerissen sieht er zwar aus, nur kann man kaum glauben, dass die wandergetriebenen Literaten dieser oder jener Epoche nicht ebenso abgerissen durch die Gegend voller Gründerzeitbauten stakten. Alles Poser und Poseure, letztendlich, denkt er.
Vielleicht ist der einzige Unterschied, dass Anton nicht verweilen kann. Die Flaneure ließen den Blick schweifen und erkannten im Besonderen das besonders Allgemeine, im Detail die Lage. Anton dagegen ist getrieben von einer Leere, die ihn vor sich hertreibt, von einem Mangel in den nächsten. Der Blick will nicht ruhen. Die Füße sind müde, aber rastlos. Das ist noch nicht einmal mehr Streunen. Das ist lustlose Unruhe, eine träge Schneise, die sich sofort wieder schließt.
Er folgt einer diffusen Dramaturgie. Es gibt keine Lösungen mehr. Fühlt sich so ein Abschied an? Was muss man tun, um diese Probleme zu lösen? Was, um sich würdig zu verabschieden? Wieso überhaupt wen besuchen, wieso diesen stillen Abschied nehmen, wo ihn doch eh alle abgeschrieben haben? Und wieso in Dreiteufelsnamen noch irgendeine Romanze starten? Denise ist nicht interessiert an ihm, nicht genug, nicht so, wie er es von früher kennt. Eine Liebe sollte die ganze Existenz aus den Angeln heben können. Da sind aber nur Zaudern und Zagen am Start, und ausgehebelt ist sein Leben auch ohne sie, nämlich völlig entgleist, brutal zernichtet. Wieso also überhaupt noch etwas anfangen?
Soll sie zur Hölle fahren! Denise ist nichts anderes als die letzte Klaue der Gesellschaft. Die Menschheit will ihn noch einmal locken, mit kalten, schönen Augen und ein paar festen Brüsten. Die Menschheit klettet. Wenn Denise hier wäre, er würde ihr ins Gesicht spucken, denn sie steht für das Falsche, das sich noch einmal aufbäumen und ihn einnehmen will. Nein, natürlich nicht. Er würde sie nicht bespucken. Er würde sie aber auch nicht umarmen. Es hat keinen Sinn. Soll sie ihn einfach in Ruhe lassen, wie alle. Wenn es drauf ankommt, ist sie eh nicht da. Weg damit.
Dennoch will er den Abschied wenigstens für sich inszenieren, etwas zum Abschluss bringen, auch wenn er nicht recht weiß, wie. Der Gerichtstermin in zwei Tagen bringt die Zäsur. Aber sie kommt vom Staat, von oben diktiert. Fast schon ein Verrat an der eigenen Menschlichkeit, diesen Amtstermin zum Anlass zu nehmen. Aber Ämter schicken uns ins Leben mit einem Schein, und am Ende ziehen sie den Schein wieder ein. Anton wird wütend. Wozu Dramaturgie? Wozu Ämter? Genauso gut könnte er sich gleich vor den nächsten Zug werfen.
Probeweise steht er an den Gleisen. Der Schotter unter den Füßen fühlt sich grob an, drückt durch die Schuhsohlen. Wie einsam man hier ist. Da oben ist die sogenannte Böschung, ein seltsames Wort, das er nie ganz verstand. Anton stellt es sich vor, hier zu stehen und zu warten. Er stellt es sich vor und tut es zugleich, nur unter anderen Vorzeichen. Noch. Es muss der einsamste Moment sein, sich zu töten, sich wegzuwerfen, denkt er. Alle Selbstmörder haben etwas gemeinsam und sind doch die einsamsten Schweine. Hier sich also hinwerfen, und dann wirbeln die blutigen Glieder durch die Luft? Wie soll das denn gehen? Vielleicht wird man ja vom Druck einfach weggeschleudert und liegt dann dort oben in der sogenannten Böschung, querschnittsgelähmt. Oder soll er seinen Kopf auf die Gleise legen, um flugs geköpft und von allem schnell abgeschnitten zu werden? Was wäre das denn für eine Selbstguillotinierung? Wie kommt man dahin, so etwas überhaupt zu denken? Wo andere, in Geschichtsbüchern, in Revolutionen, ihren Kopf wenigstens im Namen von Ideen und Idealen verloren, da hätte diese Enthauptung überhaupt keinen Sinn. Anton würde sein Leben gerne jemand anderem schenken, einem krebskranken Kind etwa oder einem Familienvater, der bald von einem Herzinfarkt ereilt wird. Doch gibt es in Sachen Lebenskonten noch keine Überweisungsmöglichkeiten. Verquere Gedanken! Anton, der Zauderer, wartet. Er will nicht leben und auch nicht sterben. Er will abgeschafft sein.
Dort hinten naht ein Zug. Erst nur ein Wurm, der um die Ecke biegt, wird die Schlange immer größer und bekommt ein Gesicht, das keine Regung zeigt. Jetzt schon ist das Dröhnen zu erahnen, das hier gleich Hören und Sehen vergehen lassen wird. Schrill und schriller brettert der Zug heran. Anton stellt sich vor, wie es sein muss, sich jetzt auf die Gleise zu — legen? Werfen? Setzen? Nimm mich auf, nimm mich an, fetz mich einfach auseinander?
Es ist offensichtlich gar nicht möglich. Ein Rätsel, wie andere das geschafft haben. Anton jedenfalls kann das nicht. Schon dröhnt der Zug vorbei, schreit ihn an, schrill und hochgepitcht, weht und wirbelt alles auf, den Staub, die Luft, das Denken. Verloren ächzt Anton die Böschung wieder hinauf. Jetzt versteht er das Wort besser.