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Nimm dir, was du brauchst, auch wenn nicht klar ist, was du willst. Denise fragt sich, ob es vielleicht ein Mann ist, den sie jetzt braucht. Ausgehen kann sie nicht, doch wenn Linda schläft, später, könnte sie jemanden empfangen. Nur wen? Bei Anton geht nur die Mailbox dran, Straßengeräusche im Hintergrund, noch nicht einmal seinen Namen hat er draufgesprochen. Und sie weiß nicht, ob sie ihn überhaupt verführen will. Es sollte sich einfach ergeben, ungezwungen, von selbst. Schon wird es kompliziert mit dem Brauchen und Wollen. Schon stehen die Gedanken bisschen quer.

Sie geht ihre Kontakte im Handy durch und entdeckt manch alten Bekannten. Eike, Sommerlover von vor drei Jahren: inzwischen verheiratet, ob glücklich, weiß der Wind. Gürol, zarter Stiefelfetischist: eigentlich, so der bleibende Eindruck, schwul, mittlerweile mit Knasterfahrung. Heiner, Fastbeziehung, Stalkingterror durch nächtliche Anrufe im Suff. Max, unglaublich gut ausgestattet, aber mehr auch nicht. Robby, gerne genommen, fast verliebt, dann aber Neigung zur Gewalttätigkeit sowie mannigfache Untreue. Und die Namen, die sie gar nicht mehr zuordnen kann, wer bitte sind Safran, Piet, Claudius und Wolle?

Fränkie wäre eine Möglichkeit, der wird noch immer herumstreunen und herumhuren, wenn auch auf hohem Niveau, wie er immer sagte. Oder Peer. Peer, der eigentlich Ungeküsste. Der schüchterne Beau, der, wie so mancher, nicht küssen konnte. Denise begreift nicht, wie man nicht küssen kann. Das hat etwas mit Durchlässigkeit zu tun, denkt sie, mit der Fähigkeit, sich auf andere einzulassen. Und wer kann das nicht wenigstens in Ansätzen? Aber nein, Peer war entweder zu passiv und ließ die Zunge wie eine soeben gestorbene Schnecke in ihrem Mund liegen, oder er wurde aus panischem Übereifer grob und fuhrwerkte dann mit seinem wiederbelebten Fleischmuskel hyperaktiv in ihrem Mund herum. Was ein Stress. So ähnlich war es dann auch im Bett.

Roland also wieder. Roland, Mitte dreißig, Supervisor in einem Meinungsforschungsinstitut, sehnsüchtig, bindungsunfähig, höflich, auf der Flucht. Schon zweimal in diesem Jahr hat sie ihn aus dem Nichts aktiviert, es reichten drei, vier Kurznachrichten, und er stand auf der Matte und zur freien Verfügung, um genauso unverbindlich wieder abzuhauen morgens, lang vor einem möglichen Frühstück. Ein zweckdienlicher Notnagel in Zeiten der Geschlechtsdürre.

Denise formuliert an einer Einstiegs-SMS herum, ein neutrales, freundliches Wie-geht-es-dir ist zu wenig, eine zweideutige Anspielung zu viel. «Hast du heute Zeit?» wäre vielleicht das Ehrlichste, und sie tippt es ein, merkt dann aber, dass das bedürftig bis notgeil wirkt. Sie löscht es wieder. Schließlich einigt sie sich mit ihren Selbstzweifeln auf ein unbedarftes, in seiner Kürze freches wie gemäßigt herausforderndes «Na?», sieht es an und ist zufrieden. Sie schickt es ab, bevor sie es sich anders überlegen kann, und wendet sich dem Geschirr zu, das noch gespült werden muss. Das Wasser läuft und wird nicht warm. Sie behält das Handy im Auge. Nichts geschieht, nur der Tellerberg in der Spüle wird langsam kleiner, die Hände kälter. Energieaustausch, denkt sie. Dann summt es endlich.

Nach einem etwas zähen Dialog, in dem Roland zu verstehen gibt, dass er zwar in einer festen Beziehung stecke, einem spontanen Treffen aber nicht abgeneigt sei, verabreden sie sich für zehn Uhr bei Denise zuhause. Linda schläft schon, als Denise sich entscheidet, sich nicht umzuziehen. Sie bleibt, wie sie ist, in den Alltagsklamotten, ziemlich unförmig, bollerig und robust, aber für Roland wird es reichen. Schließlich macht er sich die Mühe, zu ihr zu kommen, da wird er nicht wieder gehen, ohne vollzogen zu haben. So nennt Denise es gerne, wenn sie mit jemandem schläft, im Gedenken an die Sprache ihrer unmittelbaren Vorfahren und wegen der offensichtlichen Nähe zum Strafvollzug.

Während des Aktes muss sie ihm immer wieder den Mund zuhalten, da er lauter geworden ist, hechelnder und stöhnender, so als müsste er vor der Webcam performen, die doch gar nicht läuft. Roland scheint davon auszugehen, in seiner neuen Beziehung eine Menge dazugelernt zu haben, und muss deshalb wohl einiges ausagieren und abliefern, ähnlich einem Kind, das dem Nachbarskind das neueste Spielzeug vorführt. Aber es sind nur Vehemenz und Lautstärke, die zugenommen haben. Irritiert fällt Denise in Duldungsstarre. Wozu so ein Getue gut sein soll, fragt sie sich, früher war es doch leichter und schöner. Aber sie lässt sich schließlich gehen, zeigt ihm seine Grenzen auf, übernimmt die Kontrolle, setzt sich auf ihn, die Webcam ebenfalls immer im Blick, seltsamerweise, und reitet sich schließlich zum Höhepunkt. An Anton denkt sie dabei nicht.

*

«Hallo?»

«Hallo?»

«Hallo, hier ist Carsten Dittmers, der Journalist. Wir sprachen am Freitag miteinander.»

«Ach?»

«Ja. Ich war interessiert an einem kleinen Interview. Vielleicht auch einem Kurzporträt fürs Radio. Wir sind da ganz frei.»

«Wir sind frei?»

«Ich kann mich da ganz nach dir richten. Hättest du denn bald mal Zeit?»

«Nein, ich weiß nicht, nein.»

«Es ginge ja auch nur um ein paar Fragen, O-Töne von deinem Auftritt habe ich ja schon.»

«Ich mache das gar nicht mehr.»

«Ach, wieso denn nicht?»

«Es lohnt sich nicht. Ich weiß nicht. Mein Equipment ist auch weg.»

«Ich fänd aber ein Porträt toll. Mich würde das interessieren, dein ganzer Lebensentwurf und alles. Glaub mir, wir sind da gar nicht so weit voneinander entfernt.»

«Wie, entfernt?»

«Vor ein paar Jahren nannte man das ja urbane Penner. Ich glaube, das hat sich inzwischen gewandelt.»

«Was sollen Penner denn anderes sein als urban?»

«Eben.»

«Hä? Wie, eben?»

«Ich kämpfe selbst, weißt du. Ich fand dich als Figur interessant.»

«Und was gibt es dafür?»

«Was meinst du?»

«Was kriege ich für das Interview?»

«Das musst du unter PR verbuchen. Ich kann dir da leider nichts zahlen.»

«Wieso duzen Sie mich überhaupt?»

«Was?»

«Es tut mir leid. Das ist doch Nepp. Ich bin nicht interessiert.»

«Am Freitag hörte sich das aber noch anders an.»

«Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Adieu.»

Verärgert drückt Anton die Stimme weg. So falsch und säuselnd hat ja seit Jahren keiner mehr mit ihm gesprochen. Dann schon lieber den nüchternen Ton der Abfertigung, der in den Ämtern und Praxen vorherrscht. Dann lieber angebellt werden, wie es so oft geschieht. Gleichzeitig merkt er, dass er sich gerade etwas vorflunkert. In Wahrheit schmeichelt ihm das Interesse des Journalisten. Und die Ämter samt Gebelle meidet er seit Wochen.

Zähne putzen, das wäre jetzt was. Der Belag hat sich schon verhärtet, und das Zahnfleisch an den Hälsen schmerzt. Er könnte zurück ins Heim, um sich dort der Hygiene zu widmen, aber das hieße wieder, durch die halbe Stadt zu fahren und womöglich auf Sonja und neue Post zu treffen. Unentschlossen schlurft er eine Straße hinunter, die von Birken gesäumt ist, was ihn in eine seltsame, kindliche Stimmung zurückversetzt. Er meint, sich an bestimmte Birken in seiner Kindheit zu erinnern, weiß aber, dass es diese Birken nie gab, dass es nur ein Klischee ist, welches er reproduziert. Die Birken gaukeln ihm vor, er habe in seiner Kindheit ein besonderes Verhältnis zu ihnen gehabt. Das stimmt aber nicht. Es muss von irgendwelchen Filmen kommen, die er längst vergessen hat. Auch die Häuser sagen ihm nichts in dieser Gegend, alle weiß, weiße Kartons. Die Birken sind weiß, die Häuser auch. Mehr ist da nicht.

Ein Ohrwurm hat sich in sein Hirn gebohrt und brummt dort im Gebälk, Opus ist es diesmal, «Live is life». Nur noch die schlimmsten Songs kommen ihm und wollen nicht mehr gehen. Sie rhythmisieren seinen Gang, nana nanana, und lassen für richtige Gedanken keinen Platz mehr. Eigentlich angenehm, wenn es nicht nur das Zeug wäre, das er eigentlich verachtet.