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Der zerkratzte Handyknochen piepst schwächlich, kaum Akku mehr. Er könnte ja Denise anrufen. Das wäre eine Möglichkeit. Bevor das Handy ganz den Geist aufgibt, sucht er ihre Nummer heraus und ruft sie an. Vielleicht kann er sich ja noch einmal mit ihr treffen. Eine Zeit verleben. Irgendwas.

Die Ansagestimme klingt fröhlich und clean. Sie fordert höflich zum Nachkaufen von Guthaben auf. Anton würde schreien oder wenigstens stöhnen, wenn er sich dabei nicht immer wie ein Schauspieler auf Abwegen vorkäme. Fast wirft er das Handy gegen eine der weißen Wände. Aber nein, es war nur ein Gedanke. Er hat nicht einmal die Hand erhoben.

*

Immer wieder kommt Linda zu Denise und Roland, um sich rückzuversichern, dass sie alle noch da sind, sie selbst, der Gast und ihre Mutter. Sie lässt sich kurz aufmuntern und bestätigen, dass alles in Ordnung ist, dass die Erwachsenen automatisch zurücklachen. Dann quietscht sie vergnügt auf und hebt kokett das Bein, um schließlich atemlos zurück zum bunten Rutschlabyrinth zurückzurennen.

Roland ist über Nacht geblieben. Erst ist Denise ihn nicht losgeworden, traute sich auch nicht, ihn zum Gehen aufzufordern; dann genoss sie es doch, jemanden dazuhaben, mit dem sie auch reden und nicht nur schlafen konnte. Man kennt sich. Nicht umsonst greifen sie immer wieder aufeinander zurück. Also müssen sie auch jenseits der Körper etwas aneinander finden. Aber bald wird Roland, sie hatte es schon vergessen, so unerträglich wie immer. Wortreich erzählt er vom On-Off seiner Beziehung, davon, dass es eben auch nicht immer einfach sei, sich zu trennen. Sie solle sich doch anschauen, was so rumläuft an Material! Nähe sei nur selten möglich, und wenn man sie einmal gefunden habe, sei es schwierig, sie aufzugeben. Aber Zusammenbleiben ist eben auch keine Option, zumal mit den beiden Kindern, zu denen Roland bisher kein echtes Verhältnis aufbauen konnte. Wie auch, wenn der Vater noch ständig Vater spielt! In seiner Generation waren die Väter wenigstens ganz weg. Wenn schon, dann ganz weg!

Roland raucht eine nach der anderen und kriegt den Mund nicht zu. Denise will eigentlich nur, dass er bald geht. Sie will statt eines geschwätzigen Rolands ihren schweigsamen Anton zurück. Zur neuen Sexhuberei hat sich offensichtlich eine Rührseligkeit gesellt, die sich in selbstsensiblen Gesprächen am Tag danach Bahn brechen will. Dass Roland sie mit seiner Schmährede auf fremde Kinder verletzen könnte, liegt jenseits seiner Vorstellungskraft.

Die anderen Mütter blicken, teils offen, teils verstohlen, herüber und zischeln. So kommt es Denise jedenfalls vor. Sollen sie zischeln. Sollen sie blicken. Ich bin ein Star, und ihr seid es nicht.

*

Es ist Nacht. Anton verbringt sie im Freien, hat er halbbewusst entschieden. Die Zeit ist einfach vergangen, und die letzte Bahn ist weg. Das hat er geschehen lassen. Und etwas geschehen zu lassen, ist in Antons Fall inzwischen schon eine Entscheidung.

Am Kanal treffen sich noch immer die Randständigen. Hier passiert nichts mehr, weiß Anton, hier sind wir an den Rändern der Ereignisse, also kann er sich dazugesellen. Nina und Zielinski sind nicht mehr da. Bisweilen hat Anton an Nina und Zielinski gedacht im letzten Jahr, an den humorigen Suizidenten von siebzig Jahren und die junge, intelligente Ritzerin, an die Nachmittage im Raucherraum, an die Abende am Kanal, längst nach der Entlassung. Was haben sie gelacht! Trotz allem! Wo die beiden jetzt wohl sind? Zielinski meinte, er werde am Stadtrand wohnen, in einer Einrichtung, man könne ihn gerne besuchen. Anton hat nie nach der Adresse gefragt, weil er annahm, dass man sich eh bald wiedersehen würde, in dieser großen, kleinen Stadt. Falsch gedacht, verquer und dumm. Und Nina wird wohl wieder Heroin nehmen, in der einschlägigen U-Bahn-Station. Heroin, tatsächlich. Oder sie sitzt wieder ein, bald fixiert, schnell verarscht von den Pflegern, Einzelhaft im Zimmer, Hysterieschwemme, Pulsaderfontäne, Bettfessel.

Die dunklen Gestalten fragen nicht, wer Anton ist. Sie akzeptieren ihn ohne Nachfrage. Er darf einen Schluck Bier nehmen und schnorrt sich Tabak und Papiere. Sie sitzen auf zwei Bänken, die sie nebeneinandergerückt haben. Andere stehen. Es wird kaum geredet, und wenn, dann geht es um Kneipen, in denen man noch anschreiben lassen kann, um Ärzte, die einem problemlos Benzos verschreiben, und um die Aufteilung der besten Stellen zum Flaschensammeln. Am Ende des Kanals steht das Marienhospital in der Dunkelheit, gerade so, als sei es für das alles hier in keinster Weise verantwortlich. Und wer wollte auch Gebäude beschimpfen. Der müsste doch verrückt sein.

Ella ist auch da, erkennt Anton jetzt. Da sitzt sie, leicht aufgequollen von den Medikamenten, eine Schizophrene, mit der er eine kleine, zarte Halbaffäre hatte. Wie viel schöner sie noch vor Monaten war, auch wenn das viele Rauchen schon die jungen Zähne angegriffen und knallbeige Nikotinmale in die Fingerspitzen gebrannt hatte. Und der Blick, der ihn nicht verstand, aber suchte, das vom Haldol ungelenke, langsame Gehen, die liebenswerte Grobschlächtigkeit. Eine Elfe eigentlich, nur hatte die Neuronenlotterie vorzeitig zugeschlagen, Sie haben sechs Richtige, Gratulation, aber nicht, wie Sie es sich jetzt vielleicht wünschen, nein, wo denken Sie hin. Sechs richtige Psychosen sind es, die Sie in drei falschen Jahren ereilt haben und die ihr Leben jetzt verstellt und verunmöglicht haben. Und das mit einundzwanzig Jahren. Anton setzt sich zu ihr.

«Hey. Erkennst du mich?»

Ihr Blick, das Irrlichtern darin. Aber ja, sie erkennt ihn.

«Hey. Wie geht’s?»

«Besser, und dir?»

«Auch.»

Der Kanal plätschert und stinkt hoch. Enten treiben im Schlaf herum, und Schwäne und Müll und Dreck.

«Wo wohnst du jetzt?»

«In der alten WG.»

«Neuer Betreuer?»

«Leider nicht. Und du?»

«Morgenrot-Stift.»

«Kenne ich nicht.»

«Bin ich auch bald wieder raus.»

«Und dann?»

«Weiß noch nicht.»

Sie lächelt ihn an. Die Säufer, Junkies und Absteiger um sie herum scheinen nur noch dezent zu flüstern, als wollten sie nicht stören. Dennoch will Anton alleine mit ihr sein.

«Gehen wir eine Runde?»

«Sehr gerne.»

Anton ignoriert, wie ihn dieses «Sehr gerne» befremdet. Es ist der neue Ton der Kellner und Kassiererinnen, die dem Kunden damit en passant das Maul stopfen wollen, mit dem amerikanischen Konsens einer Freundlichkeit, die nichts bedeutet außer Gleichgültigkeit und Verachtung. Und jetzt sickert dieses nichtige Etwas von «Sehr gerne» längst schon in die Alltagssprache hinein, und weiter, nach ganz unten, zu den Schizophrenen und Psychotikern, den Ausgetickten und Abgehängten. Fixierung vielleicht? Gerne. Streichung der Beiträge? Oh, gerne. Vergewaltigung gefällig? Sehr gerne.

Getupfte Lichtreflexe auf dem Kanal, die hohen Mietshäuser dahinter, wo die Fernseher noch flackern, das Knirschen unter ihren Füßen: Alles ist heruntergedimmt. Und auch sie reden leise, vorsichtig, mit einem verschwörerischen Unterton. Seine Hand hat sich auf ihr Gesäß verirrt, so soll es jedenfalls scheinen, wie eine zufällige Verirrung, dabei konzentriert sich Antons Wahrnehmung ganz auf diese Hand, in ihr steckt seine Absicht. Oben redet er ziellos daher, unten fädelt er den nächsten Vorstoß ein. Die Themenlosigkeit ihres Gesprächs steht der gegenseitigen Anziehung nicht im Wege, ganz im Gegenteil. Er weiß nicht, wie weit es gehen wird, aber gleich werden sie sich näher und noch näher kommen. Er genießt den Augenblick davor und dehnt ihn ein wenig. Oft ist die Vorfreude auf Sex ja viel besser als der wirklich stattfindende Sex danach. So jedenfalls seine Erfahrung.

Anton verlangsamt den Schritt. Ella lässt sich darauf ein. Ihre Blicke finden sich in der Dunkelheit. Der Halbmond ihres Gesichts ist ihm zugewandt, auch wenn er merkt, dass Ellas Präsenz so fahrig und unbestimmt ist, dass sie die Zuneigung eher spielt als fühlt, oder eigentlich: dass sie ihr passiert. Er ist offensichtlich nicht gemeint, aber das stört ihn nicht. Sie bleiben stehen. Soll er sich ihr langsam oder schnell nähern, verführerisch oder überrumpelnd? Nicht nachdenken, machen. Schon ist er da, wo er hinwollte. Der Kuss fühlt sich wie ein Bühnenkuss an, aber er hat seinen Reiz, und Ella öffnet sich ihm total. Es gibt keinen Widerstand. Er kneift durchs Hemd in ihre Nippel, küsst sie noch inniger, deutet dann auf ein Gebüsch am Ufer und sagt: «Komm.»