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Weiß Ella, was sie tut, als sie Antons Hose öffnet? Das ungute Gefühl, das Anton beschleicht, verschwindet bald wieder. Er beruhigt sich. Sie will es schließlich auch. Oder? Wie verhält sich das genau? Vergeht er sich vielleicht gerade an einer seelisch Behinderten? Und wennschon, er ist doch selbst ein solcher, ein seelisch Behinderter, wie sie sagen! Sie benutzen einfach einander. Er öffnet ihre Hose, zieht sie zusammen mit dem Slip herunter, fingert Ella sachte, während er sie küsst. Dann fingert er sie heftiger, und sie beißt sich auf die Lippen, wie nach Protokoll. Bald ist sie nass genug. Er dreht sie um, beugt sie hinunter und nimmt sie im Stehen von hinten. Der Kanal liegt dunkel vor ihnen, darauf die Tiere, die schlafen. Am Ende kommt er ihr ins Gesicht, hat deshalb sofort ein schlechtes Gewissen und tupft sie, noch ganz außer Atem, mit dem Ärmel seines Pullovers sauber.

Sie setzen sich auf die nächste Bank und halten lustlos Händchen. Die übliche postkoitale Nüchternheit hat von Anton Besitz ergriffen, sie geht immer auch mit etwas Scham einher, Relikte des kindlichen Katholizismus, dem er von allen Seiten ausgesetzt war. Sie drehen sich Zigaretten und rauchen. Ob alles okay bei ihr sei, fragt Anton Ella, und sie bejaht. Dabei überschlägt sich ihre dumpfe Stimme leicht, mit einem Ausreißer ins Hysterische, als sei sie eine minderbemittelte Idiotin, was sie, wie Anton wieder einfällt, trotz aller Schönheit ja auch ist. Er wird sich seines eigenen idiotischen Tuns bewusst wie im Schock und will plötzlich nur noch gehen. Aber vielleicht kann er ja einen kleinen Vorteil aus diesem würdelosen Vergehen ziehen, vielleicht einen Schein, vielleicht eine Münze, wo er sich doch eh schon moralisch besudelt, ohne dass es auch nur ein Mensch mitbekommt.

«Du, ich muss wieder. Ich muss noch ins Heim. Anwesenheitspflicht.»

«Echt?»

«Ja, hart, was?»

«Mhm.»

«Sollen wir uns morgen wiedersehen? Ich würde mich freuen.»

«Vielleicht.»

«Vielleicht ist gut, ich weiß auch noch nicht genau. Wieder hier?»

«Ja. Vielleicht.»

«Sag, kannst du mir, vielleicht, bis morgen etwas Geld leihen? Ich hab keine Zigaretten mehr. Null.»

«Weiß nicht. Nein.»

«Ach, komm, Ella.»

«Nein. Glaubst du, ich bin blöd?»

«Nein, natürlich nicht, aber —»

«Natürlich glaubst du das.»

«Nein!»

«Verpiss dich. Ich weiß nicht einmal mehr deinen Namen. Du bist nichts für mich. Hau einfach ab.»

«Aber —»

«Ja?»

«Nichts.»

In seiner Absicht entblößt, bespuckt und geächtet, macht sich Anton von dannen, schleicht wieder aus Ellas Leben hinaus, schnell zur Brücke, durch das gelbe Laternenlicht in die andere Dunkelheit und weg. Scheiße, denkt er, sie hat ihn und seine niederen Absichten gleich erkannt und bloßgestellt, und sie hatte nicht einmal unrecht damit. Schnell vergessen, das Ganze, bitte vergessen. Wie soll die Weste auch fleckenlos bleiben, wenn der ganze Mensch im Dreck versinkt.

Anton stiefelt das andere Ufer weiter hinauf, tiefer in die Einsamkeit, greift sich wieder sein Handy und versucht, Denise anzurufen. Freundlich wird er aufgefordert, Guthaben zu kaufen. Natürlich, das hatte er vor lauter Scham ganz vergessen. Fick dich, Handy, denkt er, nein, sagt er. «Fickt euch alle zu Tode!», ruft er in die Nacht. Er schleudert das Handy in Richtung Brücke, wo es in tausend Teile zerschellen soll, trifft die Brücke aber nicht, sodass das Handy einfach ins Wasser fällt und dabei kaum einen Laut macht.

*

Nachdem Linda, das Gesicht voller Trauer und Melancholie, in der Tagesstätte verschwunden ist, jeder stampfende Schritt ein Vorwurf gegen das Leben, das ihr von ihrer Mutter aufgefrachtet wurde, flüchtet sich Denise in das nächste Café, bestellt einen Milchkaffee und kommt sich auf unverschämte Weise korrigiert vor, als die Bedienung mit dem blonden Pferdeschwanz ihre Bestellung im Weggehen als «einen Latte» wiederholt. Sie checkt ihren Facebook-Account, macht Skype an und blättert dabei eine Frauenzeitschrift durch, die ihr nur die spießigste Mode als den neuesten Trend andienen will. Als der Latte kommt, will sie sich besonders süßlich bei der Bedienung bedanken, aber es misslingt ihr und hört sich eher bitter und unbeholfen als souverän an. Alle Beiläufigkeit ist verloren. Der Kaffee schmeckt nach Tee.

Sie ruft Anton an, aber wieder geht nur die Mailbox dran, ohne Namensnennung, mit dem akustischen Stück Straße, das sich wie ein Fetzen irgendeiner verlorenen Atmo anhört — oder schon wie ein Soundbit aus dem Jenseits? Ein leichter Schrecken durchfährt sie, es reift gar nicht zum ganzen Gedanken, und doch huscht die Frage kurz durch ihr Bewusstsein: Was, wenn es ihn schon nicht mehr gibt?

Sie verdrängt die Frage schnell, aber es bleibt ein dumpfer, undeutlicher Rest in ihr, ein Unbehagen, das sich bald zur Unruhe auswachsen wird, zumal sie sich zwei Tage freigenommen und somit nichts zu tun hat. Erholung schlaucht.

Auf Facebook das Übliche. Jemand hat sich getrennt und gleich noch das Profilbild geändert, andere gratulieren dazu und fragen, ob sie helfen können. Auf Skype wird Denise von Unbekannten angequatscht, denen sie irgendwann ihren Namen gegeben haben muss, in einer durchtrunkenen, verchatteten Nacht wahrscheinlich, wann sonst. In ihrer Nachrichtenbox blinken nur anonyme Einladungen zu irgendwelchen Clubevents, die sie nicht interessieren.

Anton geht ihr nicht aus dem Kopf. War morgen nicht der Gerichtstermin, von dem er sprach? Der Termin schien für ihn von besonderer Bedeutung zu sein. Vielleicht sollte sie hingehen und fragen, wie es ihm geht. Ihn unterstützen. Oder einfach nur da sein, um zu sehen, was diese Begegnung eigentlich sein soll, was sie sein könnte. Oder einfach, weil sie ihn vermisst, tatsächlich.

Kaum ist der Entschluss gefasst, fühlt sie sich besser. Mit einer arroganten Geste bezahlt sie ihren Milchkaffee, fixiert dabei die Bedienung, die ihrem Blick plötzlich nicht mehr standhalten kann. Die Verhandlungen sind öffentlich, weiß sie, es steht draußen angeschlagen, wessen Fall wo und wann abgefertigt wird. Das kennt sie noch aus den Zeiten mit Marc. Eigentlich hatte sie sich damals geschworen, nie wieder ein Gericht zu betreten, und schon gar nicht für jemand anders, ob als Begleitung, als Verstärkung oder als Zeugin. Nie wieder. Doch die Zeiten ändern dich, denkt sie, wieder mit Bushido. Und die Schwüre von gestern sind eh nur die Niederlagen von heute.

*

Auch Professor Stephan hat abgebaut, stellt Anton mit Schrecken, aber nicht ohne Genugtuung fest. Wie er da steht und nach Worten sucht, die Haare zotteliger, lichter, strohiger, die Gesten fahriger. Der Bauch spannt nicht mehr nur unterm Hemd, sondern lappt eigentlich schon über die Hose. Der Rotwein hat seine feinädrigen Spuren im Gesicht hinterlassen. Eine Koryphäe auf dem Gebiet des Zivilrechts und der Rechtsphilosophie, unterwegs zum halben Penner. Ob es da eine Scheidung gab? Einen Zusammenbruch? Burnout, Alkohol, Tabletten? Anton grinst. Ihn fragt ja auch keiner. Das ist der Lauf der Zeit, sagt der Stand der Dinge. Und lacht sich krank.

Er ist noch einmal in seine ehemalige Universität gefahren, den Ort seines Traumas und Scheiterns, wie er sie rückblickend verklärt. Das Neonlicht auf den Gängen kommt ihm noch greller und unfreundlicher vor als früher, der genoppte Boden quietscht unter seinen Sohlen, strahlt jetzt hellblau hoch, wo Anton drecksgelbe Mattheit in Erinnerung hatte. Die Mensa sieht inzwischen viel feiner und ordentlicher aus. Ohne Mensapass mit Magnetstreifen ist es einem leider gar nicht mehr erlaubt, dort zu essen, was Anton verärgert. Alles wird besser, nur ich verschlimmere mich, denkt er. Da kommt ihm der körperliche und geistige Abbau seines früheren Professors gerade recht.