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Bescheiden sitzt er in der zweiten Reihe rechts außen und gibt vor mitzuschreiben. Die Studenten halten eine Art Sicherheitsabstand zu ihm, ob aus olfaktorischen oder visuellen Gründen, ist nicht feststellbar. Professor Stephan redet und redet, Zivilrecht, Handelsrecht, objektives und subjektives Recht. Die Vorlesungsreihe steht offenkundig noch ganz am Anfang, und schon wirkt Professor Stephan ausgelaugt, zerzaust und blutleer, rasselt mechanisch und wie auf Valium die Unterscheidungen herunter. Vielleicht ist Anton der Einzige, der diese Beobachtung machen, diesen offensichtlichen Verfall sehen kann? Höchstwahrscheinlich, denn er ist auch der Einzige, der überhaupt entsprechende Vergleichskriterien zur Verfügung hat. Keiner der anderen Zuhörer wird schon vor zehn Jahren hier gesessen haben. Anton blickt sich um, sieht die gestriegelten Scheitel, die Perlenketten, die Babygesichter, die ganze Blondheit hier, das erkennbar Arische. Das sind doch noch Kinder, denkt er, das sind Figuren wie auf Bisky-Gemälden, wie sollen die mich vertreten können, wenn es hart auf hart kommt?

Und doch hat Stephan noch immer etwas von der Lichtgestalt, die er für Anton war. Anton versucht, eine ausgewogene Blickpolitik zu betreiben, dem ehemaligen Vorbild weder zu direkt ins Auge zu sehen, noch seinen Blick ganz zu meiden. Nach der Vorlesung wird er ihn begrüßen, und vielleicht werden sie ein Glas Wein trinken zusammen, sich über das Leben und sein vertracktes Recht wundern, eine Lösung projizieren, eine Streitschrift planen. Wer weiß, was Professor Stephan in petto hat. Anton wäre zu manchem bereit.

«So ist also das subjektive Recht anzusehen als Befugnis, welche sich für den Berechtigten aus dem soeben definierten objektiven Recht als gesetztem Recht unmittelbar ergibt — oder aber als Befugnis, die auf Grundlage des objektiven Rechts erworben wird. Letzteres nennt man erworbenes Recht.» Anton schwirren die Begriffe um die Ohren. Aber ist das nicht genau sein Belang? Es gibt die objektive Grundlage, und es gibt die subjektive Ableitung, und diese ergibt sich entweder unmittelbar, oder sie wurde erworben, aber immer auf der Grundlage des gesetzten, festgeschriebenen Rechtes. Und ja, auf ihn trifft subjektiv die Geschäftsunfähigkeit zu, ein Paragraph im BGB, irgendwo bei der Hundert, wenn er sich nicht täuscht. Die Geschäftsunfähigkeit ist sein Recht, sein subjektives, ableitbares Recht. Das muss doch zu belegen sein.

Er lehnt sich zurück und hängt seinen Träumen hinterher, Träumen von Schuldenfreiheit und Paragraphen, die nur ihm entsprechen, während Professor Stephan weiter doziert. Seltsam, dass Anton die alten Begriffe so fremd erscheinen. Hat er sie damals nur falsch verstanden? Sollte er jetzt erst, als tatsächliches Opfer, ein Verständnis für das Faktische des Rechts entwickelt haben?

Als Professor Stephan ins Stocken und aus dem Konzept kommt, aus irgendeinem Grund, den keiner kennt, er selbst wohl am wenigsten, und fast schon stottert beim Blick auf seine Papiere, eine bestimmte Seite sucht und nicht findet, auf Sendung wie ein hilfloser Nachrichtenmoderator, was einen komischen Effekt zur Folge hat, den die Studenten mit einem leisen Kichern quittieren, weil sie gar nicht anders können — da wendet sich Stephan plötzlich, mit errötetem Kopf und glasigem Glotzblick, seinem ehemaligen Studenten Anton zu.

«Und Sie, was suchen Sie eigentlich hier?»

«Ich», sucht Anton nach Worten, «also, ich höre eigentlich nur zu.»

«Nein, ich kenne das, ich habe das schon im Kollegium besprochen», sagt Stephan. «Sie können hier nicht so einfach sitzen. Das ist nicht persönlich gemeint.»

Er scheint ihn nicht einmal zu erkennen. Anton packt verlegen seine Sachen zusammen und fragt leise: «Wie ist es denn dann gemeint.»

«Gerade gestern», holt Stephan aus, «hat mir einer von Ihnen dazwischengeredet und wollte gar nicht mehr aufhören. Das stört einfach den Ablauf hier.»

Anton steht auf und schlurft in Richtung Tür. Keiner der Studenten regt sich.

«Seien Sie mir nicht böse», sagt Stephan, «aber dies ist vielleicht nicht das passende Forum für Sie.»

«Wer soll das denn sein, einer von Ihnen», sagt Anton leise beim Hinausgehen. «Wer soll das denn sein.»

Als er die Tür hinter sich schließt, lauscht er kurz der Stille hinterher und starrt seine Hände an. Das grelle Licht lässt sie fahl und faltig erscheinen. Nichts passiert. Dann erhebt Professor Stephan hinter der Tür wieder die Stimme, flach und betonungslos, ohne die Störung weiter zu thematisieren.

Agitiert streift Anton durch die Gänge. Tränen sind nicht erlaubt, auch wenn er spürt, dass es ihm den Hals zuzieht. Die Verletzung ist vollbracht. Er versucht, mehr empört als gedemütigt zu sein, sich aufzuregen anstatt loszuweinen. Es gelingt. War ich nicht ein vielversprechender Student einstmals, denkt er, und jetzt, was ist davon übrig geblieben! Dieses senile Arschloch von einem Rechtsschnösel! Kann nichts, will nichts, verwaltet nur sein kleines Leben!

In seiner Tüte hat Anton noch ein paar CDs mit seinen Songs. Die schenk ich euch, denkt er, ihr könnt mein Vermächtnis haben, und betritt mit ausgreifenden Schritten die juristische Bibliothek. Bevor ihn irgendwer aufhalten kann, ist er schon an der Aufsicht vorbei und in einem der vielen gleichförmigen Gänge. Ihm fällt eine Lücke zwischen zwei scharlachroten Bänden auf. In diese stopft er wutentbrannt die zehn, fünfzehn CDs hinein und weiß gleichzeitig, dass das hier alles überhaupt keinen Sinn ergibt. Vielleicht sollte er lieber ein paar juristische Fachbücher klauen, um sie auf dem Schwarzmarkt, der sicherlich existiert, zu verschachern und so wieder liquide zu werden. Vielleicht gibt es hier Werke, die mehr als dreitausend Euro wert sind? Er blickt sich um, alles ist neu sortiert, keine Folianten weit und breit. Gerade, als ihm wieder einfällt, wo die historischen Dokumente ausgestellt sind, kommen zwei Hilfskräfte um die Ecke, gehen bestimmten Schritts auf ihn zu und fordern ihn diskret auf, bitte mitzukommen, je eine Hand an je einem Ellenbogen. Anton leistet keinen Widerstand. Er hält das Kinn oben, während sie ihn abführen, so höflich, wie es nur geht.

Langsam wird es dunkel. Anton hat die Vorfälle fast wieder verdrängt. Von so einem Geschnösel lässt er sich jedenfalls nicht mehr beeindrucken. In der Dämmerung verfolgt er einzelne Leute in der Gegend um den Campus, die ihm wohlhabend erscheinen, und überlegt, wie er sie, ohne großen Schaden anzurichten, ausrauben könnte. Doch es ist nur ein hypothetischer Plan. Dreitausend Euro wird eh niemand einfach so bei sich haben. Und doch tut es ihm gut, diese Leute mit gebührendem Abstand zu verfolgen. Es lässt ihm die Illusion von Alternativen, die er aus moralischen Gründen ausschlägt, obwohl sie doch zum Greifen nahe sind. Es ginge auch anders, aber er bleibt integer.

Dreitausend Euro. Aus der Portokasse, nur ein Obolus, bloßes Taschengeld, begleichen Sie es schnell, machen Sie nicht viele Worte, sind nur Peanuts. Eine enorme Menge Peanuts allerdings, verhindern Leben, sind nicht zu stemmen, nicht zusammenzukratzen, dreitausend Euro, woher nehmen, wenn nicht stehlen. Von nichts kommt nichts, mein Freund, dreitausend Euro, einfach ausgegeben, schwer wieder einzunehmen, stehst vor dem Kadi, hebst die Hand, wirst schnell durchleuchtet, nichts zu holen, nichts zu sein. Dreitausend Euro, dieser Mann da, seine Frau dort, ihr habt es doch reichlich, gebt mir was ab. Bezahlt es schnell, es bleibt nichts übrig, das letzte Hemd hat keine Taschen. Dreitausend Euro, sein Anteil, mein Urteil, mehr nicht.

Morgen früh ist der Termin. Anton fährt schwarz mit der U-Bahn, die Leute begaffen ihn nicht mehr, oder er merkt es nicht. Er dämmert so dahin auf den harten Polstern, steigt um, wartet, steigt ein, hat das ganze Abteil nur für sich. Kurz ist er Herr über staatliches Eigentum, sonst ist es immer umgekehrt. Er begibt sich schon einmal in die Nähe des Amtsgerichts. Falls er verschläft, muss er sich dann nicht hetzen. Die Gegend um das Gericht ist höherpreisig, aber zu weit außerhalb, um Szenebezirk zu sein, dennoch kann er die Immobilienmakler förmlich riechen. Auf einer Parkbank macht er es sich bequem, nimmt seine Jacke als Kissen und legt sich auf den Rücken. Die erste Kälte kommt, das ist zu spüren. Die Planken drücken sich in sein Kreuz. Der Himmel über ihm gähnt so gegenständlich und unbeteiligt wie nie. Das All da oben, es hat hier nichts verloren.