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Sechstes Kapitel

Im Namen des Volkes.

Das Gebäude strahlt eine große Ruhe aus, eine Unerschütterlichkeit, eine schon provokante Selbstgewissheit. Die Torbögen über der gusseisernen Tür beugen sich dem Davorstehenden schwer und massiv entgegen. Eine Kirche des Rechts empfängt Gläubige und Gläubiger.

Anton steht davor, bestaunt das ewig Amtliche, Zeitlose des Gebäudes, steht dabei mitten in der Zeit, die abläuft, und wartet. Er hat kaum geschlafen, in dieser Nacht der Nächte, aber nicht aus Nervosität, sondern allein wegen der unbequemen Lage, dort auf der Bank. Er ist dreimal aufgestanden und hat sich die Beine vertreten. Kaum ein Fenster im Viertel war erleuchtet. Dann hat er sich wieder hingelegt, hat gedämmert, getrauert, gelächelt, gewartet. Die Zeit verging, wie sie immer vergeht, schneller als am Tag zuvor, rasend im Vergleich zum vergangenen Jahr, immer durch die Schneise des gegenwärtigen Augenblicks gedrängt und gestaucht, durch ein Nichts namens Jetzt. Am Ende schnurrte die Erinnerung zu einem Strobolicht zusammen. Anton fror nicht.

Verwirrt steht er da. Die Beamten und Angestellten sind eigentlich nicht von den Klägern und Angeklagten zu unterscheiden. Obwohl, dort steht ein alter Punker, dem der Punk nur noch traurig in den Runzeln und Haaren klebt. Der wird wohl kein Richter sein. Er redet nervös auf seinen, wahrscheinlich, Anwalt ein. Sicher geht es auch um Geld. Oder um eine Strafe. Oder um Geld als Strafe. Eine Strafe, weil Geld fehlt. Geld als Strafe für das Fehlen von Geld.

Anton atmet die Luft ein. So, wie er sie jetzt atmet, wird er sie nie wieder atmen. Ihr Geschmack wird anders sein nach der Verhandlung, das ist gewiss. Vielleicht auch ihre Dichte. Vielleicht wird sie dünner sein, vielleicht dicker, vielleicht aber auch, wer wagte, es zu denken, frisch und neu und kristallin. Anton schnorrt einem Rauchenden eine Zigarette ab und bedankt sich mit leichter Verbeugung. Zigaretten schmecken immer, und immer fast gleich, im Gegensatz zur Luft, und wenn man aus dem Mund stinkt, kann man durch eine Zigarette immerhin bestimmen, wonach.

Hermann und Cathrin kommen um die Ecke, gestriegelt und herausgeputzt, sie im Kostüm, er im Anzug und mit Krawatte, in den Aktentaschen tragen sie die Gesetze. So sieht es jedenfalls aus. Und wer die Gesetze mit sich trägt, der strahlt Selbstbewusstsein aus und hat das Recht auf seiner Seite. Sie begrüßen sich zaghaft, Anton will nicht aufdringlich sein, er weiß um sein Aussehen, seinen Geruch.

«Wo zum Teufel warst du!», ruft Hermann. «Wir haben versucht, dich zu erreichen. Wie vom Erdboden verschluckt.»

«Hab mein Handy verloren», nickt Anton.

«Wir haben es überall versucht, alle Freunde, alle Anlaufstellen», sagt Hermann, «nichts.»

«Dann müssen wir das eben jetzt und hier schnell bereden», sagt Cathrin in einer Umarmung, die Anton überrascht. Ihr Parfüm bleibt in seiner Kleidung hängen.

«Genau», sagt Hermann. «Also, noch mal zusammengefasst. Es ist leider höchst wahrscheinlich, dass das Gutachten nicht reichen wird. Es wird auch keinen Vergleich geben, wie es aussieht. Ich habe die Akten heute Morgen noch einmal studiert.»

«Und wozu haben wir das alles dann gemacht», sagt Anton.

«Wir könnten noch Widerspruch einlegen und in die nächste Instanz gehen», sagt Hermann, «dazu müssten wir jedoch ein neues Gutachten beantragen. Das wird wieder kosten. Wenn wir erneut verlieren.»

«Ich will nicht mehr verlieren», sagt Anton. Die beiden müssen lachen. «Ich will auch nicht mehr begutachtet werden», sagt er. Das Lachen verstummt.

«Sehen wir erst einmal, wie die Richterin gestimmt ist», sagt Cathrin, «komm.» Sie nimmt Anton beim Arm. Es scheint, als hätte sie sich zur Menschlichkeit entschlossen.

Die Schritte hallen durch die breiten, hohen Gänge, auf dem gebohnerten Steinboden quietschen Antons Gummisohlen. Hermann erklärt ihm beiläufig, in welchen Fluchten und Flügeln des Gebäudes die Nazis besonders viele Menschen zum Tode verurteilt haben. Anton erreicht das nicht. Sie suchen den Gerichtssaal, in dem sein Fall behandelt werden soll. Dort nicht, den Gang noch runter, hier. Tatsächlich steht Antons Name auf dem Aushang neben der Tür. Anton gegen die Deutsche Bank. Es liest sich wie ein Filmtitel, und Anton würde lachen, wenn er könnte. So wundert er sich nur, wie er hier hineingeraten ist, wie eines zum anderen führt und wie das alles bald hoffentlich ein Ende finden wird.

Sie vertreten sich im Radius von fünf Metern die Beine, warten, betrachten die Bilder und Schriften an der Wand, Originalurteile aus dem Dritten Reich: der Fall eines Behinderten, einer Jüdin, eines Obdachlosen, alle in verkralltem Deutsch zu Zuchthaus und Sonderabfertigung verurteilt, auf Schreibmaschinen, denkt Anton, auf zuhackenden Schreibmaschinen, bei denen noch jeder Tippfehler die Individualität des einzelnen Todesurteils bezeugt. Sein Fall ist lächerlich gegen diese Unmenschlichkeiten. Und doch ist es derselbe Apparat, der, auf ihn gerichtet, gegen ihn arbeitet, denkt er kurz und schämt sich sofort. Der Gedanke ist ihm peinlich, er ist falsch und jämmerlich, und Anton verdrängt ihn schnell, bevor er zu einer weiteren falschen Meinung werden kann.

Die Richter sind schon drin?

«Die Richterin ist schon drin», nickt Hermann. Es ist Zeit.

Er klopft an die Tür. Keine Antwort.

Er öffnet die Tür sachte, und tatsächlich, da sitzen sie schon, die Frau Richterin und die Protokollantin, nicken Hermann zu und bitten zu Tisch. Es ist angerichtet. Anton weiß nicht, was er sagen soll, wie er grüßen soll, ob er sich hinsetzen darf. Er bleibt stehen, zieht das Jackett aus, sagt «Guten Tag» und harrt der Dinge. Das Zimmer ist weniger amtlich als gedacht, größer als nötig, ein verwaistes Lehrerzimmer. Man wartet, der Anwalt der Gegenseite ist noch nicht vor Ort. Hermann plauscht vorne mit der Richterin, Cathrin bleibt neben Anton stehen, als Unterstützung, scheint es, und verstärkt doch nur sein Unbehagen.

Der gegnerische Anwalt betritt den Raum, eine Art Mini-Schily mit Senatorenschnitt und Dreiteiler, dünnlippig und offenbar fest entschlossen, Anton keines Blickes zu würdigen. Die Anwesenden stellen sich wie Grundschulkinder vor der Richterin auf und erstarren kurz. Die Verhandlung beginnt, als die Richterin Aktenzeichen und Prozessdaten in ein schlankes Mikrophon diktiert, eigentlich eine sehr sympathische Person, Anton offen zugewandt. Sie blickt die gegnerischen Parteien an, vor allem Anton und Hermann, und beginnt zu reden. Sofort ist Konsens, dass das Gutachten zur Feststellung einer vollständigen Geschäftsunfähigkeit nicht ausreicht. Kaum ist die Verhandlung also eröffnet, schon ist Anton verurteilt. Und trotzdem fühlt er sich verstanden von dieser Richterin, die ihre Sachlichkeit nicht wie ein Zertifikat vor sich herträgt, die nicht als Staatsvertreterin gesetzesschwere Strenge ausagiert, sondern als kompetenter Mensch sagt, wie es ist, wie es leider sein muss. Ein Anstrich von Mitleid scheint in ihren Augen zu liegen, aber das kann Anton sich auch nur einbilden.

Hermann versucht noch, die mögliche Befangenheit des Gutachters zur Diskussion zu stellen, da dieser ja Chefarzt der Klinik gewesen sei, aus der Anton trotz seiner offensichtlichen Störung entlassen worden sei — aber da bellt der Senator der Gegenseite schnell und trocken dazwischen, dass man den Gutachter ja auch vorher hätte austauschen lassen können, jetzt von Befangenheit zu reden, sei haltlos; was ohne Zweifel stimmt.