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Die Protokollantin tippt regungslos mit. Wenn sie vom Schicksal eine Ahnung hat, lässt sie es sich jedenfalls nicht anmerken.

Anton will bald nur noch weg. Es ist alles gesagt, es ist alles klar, er hatte seinen Augenblick der Güte, auf die Richterin projiziert, von ihr ausgehend, er kann jetzt seinen Frieden machen. Hermann scheint das zu bemerken, er bittet die Richterin um eine kurze Pause, er wolle sich mit seinem Klienten bereden. Demütig trottet Anton hinter Hermann und Cathrin aus dem Gerichtssaal, der Senator verlässt die Szenerie ebenfalls, eilt schnurstracks um die Ecke, von der Nichtigkeit der ganzen Streitsache angekotzt.

Hermann redet kurz auf Anton ein, Cathrin nickt im Takt. Man könne das Urteil, das gleich gefällt werde, natürlich anfechten und in Revision gehen. Große Chancen räume er Anton dabei aber nicht ein, und die Kosten würden nur weiter in die Höhe schnellen. Die Schulden allein in diesem Prozess werden sich jetzt auf zehntausendsechshundert Euro belaufen. Anton seufzt. Dann übersetzt Hermann noch einige der Fachvokabeln in angeblich verständliches Deutsch. Anton hört schon gar nicht mehr zu.

Im Gerichtssaal passiert dann alles genau wie angekündigt. Die Richterin spricht ihr Verdikt ins Mikrophon, die Protokollantin schreibt mit, und Anton steht und wartet. Dann ist es vorbei. Es gibt keine Ereignisse mehr, denkt Anton, es gibt nur noch Folgen in meinem Leben, Folgen von Ereignissen, an die ich mich kaum erinnern kann, und Folgen von Folgen von Sachen, die verschüttgegangen sind und auf irgendwelchen Bögen und Schreiben wieder auftauchen, und Folgen von Folgen von Folgen, die das Leben ins Unerträgliche verzinsen.

Im Nieselregen besprechen die drei die weitere Vorgehensweise, die sich jedoch nicht mehr nach einem gemeinschaftlichen Projekt anhört. Cathrin legt erneut eine Privatinsolvenz nahe, und schon bei dem Wort wird Anton übel, denn es bedeutet mehr Bürokratie, mehr Beobachtung, mehr Verwaltung und Gängelung, mehr von all dem, was er loswerden will.

«Lass es dir durch den Kopf gehen», sagt Hermann und blinzelt, «ich kann dir zur Seite stehen. Das passiert den besten Köpfen.» Sechs Jahre, dann sei es vorbei.

Anton wendet den Gedanken «Privatinsolvenz» kurz hin und her, betrachtet ihn skeptisch und weiß schnell, dass das für ihn nicht mehr in Frage kommt.

«Wir werden sehen», sagt er und setzt ein melancholisches Lächeln auf. «Wir werden schon sehen.»

Kurz hasst er die beiden, oder der Hass kann sich jetzt, wo es vorbei ist, endlich einmal Bahn brechen.

Als Cathrin ihn umarmt, mitleidig und aufmunternd, der Nieselregen hat ihren Mantel aufgeweicht, das Parfüm stinkt aufdringlicher als jeder Penneratem, zwinkert er Hermann zu. Hermann versteht nicht ganz, zwinkert aber zurück. Wahrscheinlich denkt Hermann, das Geld sei gemeint, die Gabe von zweihundert Euro am Whiskey-Abend, die, an dieser neurotischen Zollbeamtin hier vorbeigeschmuggelt, auch in der Folgezeit nie deklariert wurde. Anton aber hat ganz andere Gedanken.

Anton verspürt Zorn, den Zorn der ungerecht Behandelten, der auch ein Zorn der Gerechten ist, und er hat Rachegelüste, ganz konkrete, fiese Rachegelüste, obwohl gerade Hermann sich ihm gegenüber nie etwas hat zuschulden kommen lassen.

Vielleicht hat Anton aber auch nur Rachegelüste gegen das Leben.

Also wird er es sagen. Also wird er den Verrat begehen. Gleich wird er Cathrin und Hermann mit einem Satz in die Luft sprengen. Schon fast dabei, die Bombe platzen zu lassen, fragt er sich nur noch, ob das Wort «ficken» darin vorkommen soll oder nicht. «Ich habe sie übrigens gefickt damals», das wäre doch eine prägnante Formulierung. Er starrt Hermann lächelnd an, mit leerem Blick, und weiß, er wird die beiden jetzt zerstören, womöglich für immer. Er hat Macht, und er hat Hass, und die Schuld, sie wird einschlagen wie ein Blitz.

Die Umarmung dauert jetzt schon viel zu lange. Cathrin will sich lösen, aber Anton hält sie fest in seinem Griff. Sie kann sich nicht allzu auffällig wehren, will kein Aufhebens machen, nicht jetzt, wo fast alles gelaufen und endlich über die Bühne ist. Hermann zwinkert Anton noch einmal zu wie der Depp, der er offensichtlich ist, und Anton zwinkert hämisch zurück.

Schließlich atmet Anton tief ein und setzt zum Sprechen an, es wird nebensächlich klingen müssen, denn die größten Grausamkeiten passieren immer en passant — da erblickt er über Cathrins Schulter hinweg eine kleine, starke, farbenfrohe Figur, die vom Rand des Gerichtsvorplatzes zu ihnen herübersieht und raucht: Denise. Sein Gesicht hellt auf, und er löst sich aus der Umarmung und sagt erfreut: «Ah, die kenne ich.»

Cathrin und Hermann schauen überrascht hinüber zu der fremden Frau, die offensichtlich aus einer ganz anderen Schicht entstammt als sie, mit ihren scharf nachgemalten Augenbrauen, der angegrellten Schminke, dem hellblauen Lackmantel, und das Befremden ist zu spüren, das Befremden der ehemaligen Freunde angesichts der Erkenntnis, dass Anton keine gesellschaftlichen Schichten mehr kennt und in Wahrheit zu niemandem mehr gehört.

Das Angebot, ihn und Denise noch irgendwohin zu fahren, schlägt Anton aus. Er bedankt sich, und es scheint, als würde er sich nicht nur bei Cathrin und Hermann bedanken, sondern bei einem viel größeren Personenkreis, und Cathrin und Hermann wären nur die Stellvertreter für alle, mit denen Anton je zu tun hatte.

Er löst sich aus der Dreiergruppe, geht zu Denise, schüttelt ihr formell die Hand und winkt noch einmal zurück. Dann gehen Denise und Anton mit dem Glamour der würdigen Verlierer von dannen, und Cathrin und Hermann stehen da und wissen kurz nichts zu sagen oder zu denken, bis sie sich gefangen haben und das Gespräch wiederaufnehmen, auch wenn die Worte erst schal und hohl schmecken, auch wenn sich dort unten im Boden ein kleiner Abgrund aufgetan hat, den sie beiläufig ignorieren müssen.

*

Denise liegt flach auf dem Bauch und atmet ins Kissen. Sie haben kaum geredet auf dem Weg, er hat kurz berichtet, wie es gelaufen ist, schlecht, absehbar schlecht, und sie hat genickt und seine Hand genommen und sie sachte gedrückt, obwohl sie solche Dinge sonst kitschig findet. Sie sind die große, nasse Hauptstraße hinuntergegangen, die Autos und Laster haben gezischt und gedröhnt, und es war klar, gleich würde es geschehen, gleich würden sie miteinander schlafen. Das Einverständnis war da, es musste gar nicht mehr ausgesprochen werden, die Körper kommunizierten schon miteinander, ohne dass ein Bewusstsein sie steuern musste, und luden sich mit kleinen Berührungen und Bewegungen langsam aneinander auf.

Jetzt lassen sie sich Zeit, die Spannung auszukosten. Keine Leidenschaft soll so tun, als müsste man sich besinnungslos die Kleider vom Leib reißen und ineinander verkrallen. Anton hat Denise darum gebeten, vorher duschen zu dürfen, und sie konnte ihre Erleichterung darüber nicht ganz verbergen. Jetzt ist es mehr ein Erkunden, ein letztes, anhaltendes Kennenlernen, bei dem die Lust aufflutet und abebbt. Anton liegt auf Denise, er füllt sie aus, bewegt sich nur minimal. Ihre Hände sind ineinander verschränkt. Er will sie spüren, wie er noch niemanden gespürt hat. Sie spannt sich an, für ihn, für sich, und kommt ihm im Rhythmus leicht entgegen. Sie wechseln die Position, unter Küssen, ohne Eile. Als die Lust zwischenzeitlich wieder etwas dünner und nüchterner wird und Anton dem durch innigeres Drängen entgegenwirken will, entzieht Denise sich. «Warte», sagt sie. «Ich muss dir etwas zeigen.»

«Was», sagt Anton, «was soll das denn? Mittendrin?»

«Wir sind doch noch ganz am Anfang», sagt Denise. «Warte kurz.»

Nackt sitzen sie vor dem Computer. Vor ihnen hat sich die Pornoseite mit leichter Verzögerung aufgebaut, und Denise gibt ihr Pseudonym in die Suchmaske ein. Anton fragt amüsiert, ob sie fürchtet, dass sie ihm nicht ausreiche, oder er ihr, oder ob sie erst mit Pornos in Stimmung komme, oder was da los sei. Sie bedeutet ihm zu schweigen. Schon sind die Thumbnails da, und Denise lehnt sich zurück. Anton rückt näher heran, studiert die winzigen Vorschauen und sagt: «Das glaube ich nicht.»