«Ich eigentlich auch nicht», grinst Denise und klickt das erste Video an.
Es läuft alles ab wie üblich, während Anton klar wird, wie lange er eigentlich schon keinen Porno mehr gesehen hat. Die flachen Einstiegsdialoge, das schnelle Aufgeilen, dargebracht wie gegenseitige Dienstleistungen, das Hochpumpen und Nassmachen, alles spult sich fast im Zeitraffer ab, stumpf und dimensionslos, wie immer. Aber die Frau, die sich dort freimacht, mit ihren Brüsten lockt, das Stück Fleisch vor ihr nach allen Gesetzen der Hydraulik stimuliert, sie ist ihm bekannt, sie sitzt neben ihm, was einen seltsamen Effekt der Verschiebung zur Folge hat, denn kurz ist das Video so wirklich wie die Frau neben ihm, oder die Frau neben ihm so unwirklich wie das Video. Alles passiert in einem Zwischenraum, der sich zwischen den beiden identischen Figuren aufgetan hat und der Anton nicht zugänglich ist. Gleichzeitig macht es ihn auf nüchterne Art geil, und wie im Reflex greift er nach ihrer Brust, vielleicht, um die Schauplätze zusammenzuführen. Sie lässt es zu.
«Sieht doch ganz geil aus», sagt er.
«Findest du», sagt sie.
«Du bist mir real lieber, aber das hier ist auch nicht schlecht.»
Sie streichelt seinen Nacken.
«Ich habe ganz schöne Zustände deshalb. Hatte. Ich kam mir völlig beobachtet vor. Überall nur Pornoaugen.»
«Alle kennen dich, was.»
«Ja.»
«Kenne ich.»
«Ja?»
«Und wenn. Ich finde es nicht schlimm.»
«Lügst du jetzt?»
«Ich glaube nicht. Es macht mich sogar an.»
Ihre Hand wandert nach unten. Auf dem Bildschirm sind sie schon dabei, gerade ist er eingedrungen, ein schwul aussehender Muskelprotz mit Glatze, der die Zähne fletscht.
Sie küssen sich. Dann sehen sie sich weiter das Video an und streicheln sich dabei. Anton greift ihr zwischen die Beine. Sie ist bereit und setzt sich auf ihn. Ihre Blicke werden zu einem Blick. «Jetzt fick mich», sagt Denise, und Anton fängt an, von unten zuzustoßen.
*
Sie duschen miteinander. Anton kommt es vor, als würde das heiße Wasser mit dem Schweiß auch die Demütigungen der letzten Tage wegspülen, für ein paar Momente, es soll heiß sein, noch heißer, noch stärker, der Strahl soll ihm weh tun, und Denise schrubbt ihn ab, wäscht ihn wie ein Kind, reinigt ihn wie vor einer Opferung, älteste Riten. Auch er wäscht sie, zaghafter, unsicherer. Eigentlich sind es Liebkosungen, und sie reden kein Wort.
Die Kaffeemaschine gurgelt und stöhnt, dampft den Küchenoberschrank lauthals an und zischt am Ende verächtlich in Richtung Tisch, wo Denise und Anton sitzen, sauber und nackt und trocken. Denise serviert zweimal schwarz, wirft den vollen Filter in den Mülleimer und setzt sich ihm gegenüber. Sie rührt den Kaffee um und blickt ihn an.
«Du musst jetzt bald gehen», sagt sie sanft.
«Ja, ich weiß», sagt Anton, «es wird Zeit langsam.»
«Linda wird gleich gebracht. Und für sie ist das hier», Denise macht eine Geste, die die ganze Situation meint, «noch zu früh.»
«Verstehe ich. Und ich muss meine Geschäfte regeln.»
«Deine Geschäfte.»
«Ja. Meine Sachen. Die Insolvenz.»
«Ich wünschte, ich könnte dir helfen.»
«Das kann keiner. Und ich würde es nicht annehmen wollen.»
«Trotzdem.»
«Es ist nicht so schlimm. Ich mach das schon.»
Als Anton sich anzieht, checkt Denise kurz ihren Kontostand. Sie glaubt es kaum. Das Geld ist da. Das Pornogeld. Dreitausendzweihundert Euro. Sie springt auf, will die Welt und Anton umarmen. Das Selbstverständlichste kann sich wie ein Wunder anfühlen. Ihr Herz schlägt schnell und freudig, sie errötet und grinst.
Alles kann, nein, alles muss und wird sich lösen jetzt. Sie wird Anton helfen können, sie wird ihn mit dieser lächerlichen Ablösesumme einfach aus dieser sinnlos ratternden Maschine herauskaufen, die ihm das Genick bricht und ihm nur Geld und mehr Geld abpresst, das er nicht hat, Gebühren und Zinsen und Kosten, die hiermit, Beschluss, abgewehrt und Vergangenheit sind. Geld kann Sinn machen. Geld macht Sinn. Und alle Dunkelziffern sind erledigt.
Dann hält sie inne. Was denkt sie denn da? Ist sie noch bei Trost? Die Freude ist sofort vorüber, die Sinne machen zu.
«Was ist?», fragt Anton.
«Nichts.»
«Nichts?»
«Ich habe nur eine Mail bekommen. Es ist — Linda bekommt ihren Inklusionsstatus.»
«Und das ist gut?»
«Das ist sehr gut.»
«Ein Grund zur Freude. Immerhin.»
«Ja.»
«Das feiern wir ein andermal.»
«Ja.»
«Wenn du willst.»
«Klar will ich.»
Sie steht nackt vor ihm, der sich halb angezogen hat, und schämt sich plötzlich für ihre Nacktheit, für die Inkongruenz der ganzen Situation. Sie wird wieder rot, diesmal mit Schrecken, und bedeckt ihre Brüste, indem sie die Arme verschränkt.
«Moment», sagt sie dann, rennt ins Bad und zieht den Bademantel aus der dreckigen Wäsche, wirft ihn sich über, eilt halb bedeckt zurück in die Küche. Anton steht dort nun völlig angekleidet und trinkt den letzten Schluck Kaffee.
«Es ist gut, wenn etwas klappt», sagt er. «Das braucht man manchmal.»
Er blickt aus dem Fenster, wie im Film, wenn jemand in die Ferne blickt und etwas Weises sagt, denkt sie. Die Zigarette, die er sich angesteckt hat, passt zu dieser Attitüde, die vielleicht nur seine Ratlosigkeit verbergen will.
Dabei ist sie selbst ratlos und weiß nichts zu sagen. Wie töricht und unvorsichtig von ihr, das alles. Nein, es wäre zu früh, ihm von dem Geld zu erzählen. Vielleicht wird es immer zu früh sein, oder, ab jetzt, immer zu spät. Die Gewissheit verhärtet sich in Sekunden: Sie wird ihm nie davon erzählen. Es ist alles ihres, und sie hat verdammtnochmal gelitten dafür. Er wird das anders regeln können, regeln müssen. Ihre Brust wird enger. Sie kommt sich wieder beobachtet vor, diesmal von weit höherer Instanz.
«Es war sehr schön», sagt sie schließlich.
«Ja, das finde ich auch», sagt Anton und wendet sich ihr zu. Sie küssen sich noch einmal, erst sachte, dann gierig, dann zärtlich. Dann wird der Kuss alt, und sie lassen ab voneinander.
«Mach das mit der Insolvenz», sagt Denise. «Und meld dich.»
«Ja, das mache ich», sagt Anton und lächelt sein undurchdringliches Lächeln. «Morgen?»
«Heute am besten noch.»
«Was heute: die Insolvenz oder das Melden?»
«Beides. Aber melden nie vergessen.»
«Ja. Beides. Schließlich wollen wir ja auch eine Zukunft haben. Oder?»
Sie muss lachen und küsst ihn noch einmal. Seine Lippen fühlen sich jetzt spröde und rau an wie Schmirgelpapier.
Er geht. Fast denkt sie: endlich. Als sie die Tür schließt, horcht sie noch seinen Schritten hinterher, vier Treppen lang, bis er unten angekommen ist.
Dann checkt sie noch einmal ihren Kontostand. Erneut durchfährt die Freude sie, aber flacher, kälter, abgebrühter. Sie kuschelt sich in den Morgenmantel ein und friert dennoch.
Eine Zukunft. Ja.
Oder?
Siebtes Kapitel
Sie sitzen auf zu hohen Stühlen am Fenster und warten. Denise hat die Bestellung aufgegeben, wieder hat ihr Englisch ausgereicht, und sie hat diesmal sogar darauf geachtet, «Pizza» mit langem i auszusprechen, so wie die Amerikaner es eben tun. Linda hat eine alberne, knallrote Sonnenbrille auf. Sie ruckelt auf ihrem Stuhl herum und droht jede Sekunde umzufallen. Denise lässt sie, und Linda fällt nicht.