Denise hat keine Mülltonne gesehen, an der sich irgendwelche Penner die Hände wärmen würden, und die Models, wenn es denn wirklich welche sind, sehen alle wenig glamourös aus. Es gibt hier keine Candymen, und die Hoteldiener grüßen auch nicht anders als sonst wo. Die Lichter brausen abends zwar bunt auf wie ein irres Lauffeuer, am Times Square, am Broadway, aber es kommt Denise vor, als hätte sie das in ihrem Leben schon tausendmal gesehen. Und Linda ist längst nicht mehr beeindruckt. Kinder nehmen das Gegebene eben schnell als das hin, was es ist: gegeben.
Dies muss die Pizzeria sein. Die, von der Anton erzählt hat. Der Boulevard führt hinunter zur Columbia University, und die Pizzen hier sehen maximal dünn und vom Durchmesser her riesig aus. Und haben kaum Belag. Genau, wie Anton sie beschrieben hat. Alle anderen Pizzen hier sind dicke, fettige Keile. Diese nicht. Das muss die Pizzeria sein.
Seit dem Tag der Verhandlung hat Denise Anton nicht mehr gesehen, nichts mehr von ihm gehört. Zunächst wollte sie verärgert sein. Nach drei Tagen dachte sie aber, nein, er spielt nicht mit ihr, im Rahmen eines undefinierten, launischen Date-Spiels, wie es so viele machen, er hat sich bloß wieder irgendwo verheddert, hat kein Handy, kein Guthaben, keinen Internetzugang. Wenn sie ihn anrief, ging wieder nur die Mailbox dran.
Nach einer Woche begann sie, sich Sorgen zu machen, klopfte die letzten Gespräche, die Reste, an die sie sich erinnern konnte, auf Abschiedshinweise ab. Sie wusste nicht einmal den Namen der beiden Anwälte, die ihn vor dem Gericht begleitet hatten, es schienen Freunde zu sein. Sie wusste letztendlich nichts. Nach zwei Wochen dachte sie seltener an ihn. Er war aufgetaucht und wieder weggesunken, wie manche vor ihm, kein Einzelfall. Und doch, der Leergutautomat kam ihr seltsam unbesucht vor. Und wenn ihre Gedanken um ihn kreisten, dann wie ein Wirbel.
Nach einem Monat dachte sie erstmals gar nicht mehr an ihn, und wenn, dann hegte sie einen kurzen Groll. Wie hatte sie sich überhaupt auf einen Penner einlassen können? Was war das für ein bescheuerter Mutterinstinkt? Und wieso versagte er so oft bei Linda?
Ein Vierteljahr später hatte sie sich verliebt, in einen Barkeeper aus einer neu eröffneten Kneipe. Dort trank sie viel und benahm sich daneben. Die Affäre hielt zwei Monate und endete mit einem Hausverbot. Ein halbes Jahr später gab es keine Gedanken an Anton mehr. Von dem restlichen Pornogeld buchte sie die Reise nach New York und lebte weiter wie bisher. Linda schloss langsam zu ihren Altersgenossen auf. Sie schien gar keine Probleme mehr zu haben. Es wuchs sich einfach aus.
Ein Jahr nach der Bekanntschaft mit Anton sitzt sie nun hier in diesem «Diner» und wartet auf die Pizzen. New York ist nicht so, wie Denise es sich vorgestellt hat, aber wieso sollte gerade New York die Ausnahme von der Regel sein? Sie ist durch die Straßen gewandert, mit Linda an der Hand, Wolkenkratzer überall, weite Boulevards, der Central Park, die Museen, in die sie sich nicht traute. Imposant, aber ohne Geheimnis, ohne den Märchencharakter, den sie dieser Stadt immer zugeschrieben hatte. Linda ist so unkompliziert wie nie, fast schon wieder autistisch in ihrem kleinen Kinderglück. Denise redet nicht viel mit den Leuten, sie schämt sich für ihr schlechtes Englisch, schämt sich auch dafür, eine Touristin zu sein, eine ehemalige Pornodarstellerin, wie ihr manchmal einfällt, mit ihrer kleinen Tochter umso verlorener, je mehr sie sich schämt. Übermorgen fliegt sie nach Hause, dann ist auch dieses Erlebnis abgeheftet, und sie kann vor den anderen wenigstens damit prahlen, in New York gewesen zu sein. Vielleicht wird sie begeistert tun, wird sich Geschichten ausdenken, ein paar aufregende Anekdoten. Oder sie wird es nur beiläufig erwähnen, wo es passt, und mit abgebrühter Nüchternheit sagen, es sei halt eine Stadt wie jede andere, nur lauter und hysterischer. Und einen der wenigen Ausdrücke aufsagen, die sie hier gelernt hat: been there, done that. Oder, mit Anton: Leben ist überall nur Leben.
Der Gedanke an Anton kam ihr wieder im Flugzeug, auf dem Hinflug, als sie versuchte, vor den Stewardessen zu verbergen, wie ungewöhnlich das Fliegen für sie ist, und gerade deshalb einen Tomatensaft bestellte, mit dem ironischen Zwinkern der Bescheidwisser, die das Klischee wählen, um ihm vermeintlich zu entgehen.
Das kam ihr wie eine Aktion von Anton vor, und sie musste unvermittelt an ihn denken und erschrak.
Sie wusste plötzlich mit einer Gewissheit, die sie so nicht kannte, dass er tot ist, und sah ihn in Blitzbildern hängend am Strick, in der Badewanne verblutet, vom Zug zerfetzt. Sie verscheuchte den Gedanken wieder, umstellte ihn mit Zweifeln, aber er wollte sich nicht beugen. Dann wappnete sie sich mit Gleichgültigkeit, während ein Film mit Ashton Kutcher begann. Anton ist also tot? Und wenn, dachte sie. Sie hätte sich fast nicht mehr an seinen Namen erinnert. Außerdem gibt es keine Gewissheit. Alles nur Gespenster im Kopf.
Die Pizzen sind da, es sind labbrige Monster mit etwas Tomatensaft, Cheddar Cheese und Oregano drauf, aber Linda mag sie sofort. Denise hat eigentlich keinen rechten Hunger und kaut lustlos auf einem Pizzastück herum, bis sie nur noch Mehl schmeckt. Linda redet über die Sachen, die ihr vom Tag haftengeblieben sind, die tanzenden Plüschhunde in einem Schaufenster, der freundliche Polizist, der ihr zuzwinkerte und Quatsch redete, der Seifenblasenmann mit den riesigen Seifenblasen.
Während Linda so vor sich hin redet, in ihre Pizza hinein, wird Denise bewusst, dass ihre Tochter immer nur Monologe hält, die an niemanden gerichtet sind. Sie hat keinen echten Adressaten, sie brabbelt einfach so vor sich hin, wohl, weil sie es gewohnt ist, dass Denise ihr nie zuhört. Sie beschäftigt sich einfach mit den Worten, redet in einen leeren Raum hinein, und es macht kaum einen Unterschied, ob sie gerade zu ihrer Mutter, zu einem amerikanischen Polizisten oder zu einer der Puppen spricht, die sie so gerne frisiert.
Denise muss schlucken und kämpft plötzlich mit den Tränen. Sie wendet den Blick ab und starrt nach draußen. Die Leute gehen ihrer Wege, schneller als in Deutschland, die meisten alleine wie Denise. Die, die in Gruppen gehen, lachen und reden und sehen gut aus. Der Boulevard ist prallvoll mit Leuten, die sie gar nicht «Leute» nennen will, weil sich das so deutsch und gewöhnlich anhört, es sind Menschen, fremde, lebendige Menschen, und Denise kommt sich im Vergleich zu ihnen wie halbtot vor, vor der falschen Pizza im falschen Diner, als falsche Mutter des falschen Kindes in der falschen Stadt. Ihr Blick verschwimmt, und sie nimmt eine Serviette aus dem Halter, um sich die Nase zu putzen und eine Träne aufzuhalten, bevor diese ihr das Make-up ruiniert.
Der Menschenstrom reißt nicht ab, wird größer, dichter, behäbiger. Es scheint Stoßzeit zu sein, und ihre Augen sind feucht, verwischen die Masse an Menschen zu einem dicken Pinselstrich. Linda redet noch immer. Denise hört das irgendwo im Hintergrund ihres Bewusstseins, ohne es in Sinneinheiten zerlegen zu können. Die Menschen draußen beschleunigen den Schritt, und nachdem Denise ihre Augen nochmals abgetupft hat, löst sich der Strom wieder in einzelne Personen auf.
Als Denise meint, dass sie sich gefangen hat, und sich jetzt endlich ihrer Tochter zuwenden möchte, um vielleicht eine bedeutungslose Zwischenfrage zu stellen, um Anteilnahme wenigstens vorzutäuschen, fällt ihr ein Mann auf, der inmitten der vorbeigehenden Passanten stehen geblieben ist. Er ist etwa fünfzig Meter entfernt, trägt einen grauen Anzug und starrt, so scheint es, herüber.
Denise erschrickt.
Sie erkennt sein Gesicht nicht genau, obwohl es zu lächeln scheint, aber die leicht gebeugte Körperhaltung, die auch über die Distanz hinweg deutlich wahrnehmbare, schräge Erscheinung, die eckigen Glieder, die Größe, der Anzug, die Haare, all diese Details legen nur einen Schluss nahe: Dort steht Anton. Anton lebt, und er steht dort, mitten in New York.