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Ein Ruck durchfährt sie, sie will aufspringen und hinausrennen. Aber sie bleibt wie festgeleimt auf diesem viel zu hohen Barhocker sitzen und starrt zurück. Vielleicht, um es nicht aufzulösen, nicht zu zerstören. Um es wahrzumachen.

Anton, oder wer auch immer es ist, der dort steht, sieht sie noch immer an, sie, genau sie. Er ist es, mit seinem Anzug, mit seinem Lächeln. Er winkt nicht, gibt ihr kein Zeichen, sondern steht nur dort und blickt sie an, im Sonnenlicht, nah an der Schattengrenze. Denise nickt, und Anton nickt auch. Beide lächeln. Dann geht er weiter, zwei, drei Schritte, verschwindet hinter einer Touristengruppe und taucht nicht wieder auf.

Denise fröstelt.

Als sie zahlt, gibt sie mehr Trinkgeld, als üblich ist, und die Kellnerin bedankt sich erst gespielt überschwänglich und hält dann kurz inne. Sie sieht die Gelöstheit in dem Gesicht der Kundin, das Glück, das sie ausstrahlt. «You have a good day», sagt sie verschwörerisch und ist von der stillen Freude, die von Denise ausgeht, kurz angerührt.

Die blickt weiterhin nach draußen, hält diesen Augenblick fest, so lange es geht. Die Leute, die sie nicht Leute nennen will, gehen weiter vorbei, aber sie scheinen sie jetzt anzusehen. Ob sie weint?

Linda redet noch immer ins Leere, als sie aufstehen und gehen, aber die Worte setzen sich nach und nach wieder zu einem Sinn zusammen. Es sind noch immer der Polizist und der Park und die Ballons, die ihre Tochter beschäftigen, es ist ein Gebrabbel, doch Denise kann die Melodie darin wieder wahrnehmen, dem Inhalt folgen. Es ist wie ein Kinderlied, das sie lange vergessen hatte.

Als sie den Diner verlassen, atmet Denise tief ein und aus. Die Luft schmeckt frisch und neu. Sie hebt ihre Tochter hoch, trägt sie durch die Straßen und wird sie bis zum Hotel nicht mehr loslassen. Die Gesichter ziehen vorbei, alte, faltengekerbte Masken der Weisheit neben jungen, großäugigen Visagen. Sie blicken ihr alle in die Augen, doch ohne Häme diesmal, ohne Widerwillen, ohne den Drang, die Fehler in Denise zu suchen. So wurde sie lange nicht mehr angeblickt. Und sie scheint wirklich gemeint zu sein. Die Leute lächeln ihr freundlich zu, und Denise lächelt befreit zurück. Das ist also New York. Das ist also die Welt, denkt sie.

Lange nicht mehr gesehen.

Über Thomas Melle

Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Austin (Texas) und Berlin. Er ist Autor vielgespielter Theaterstücke und übersetzte u.a. William T. Vollmanns Roman «Huren für Gloria». Für seinen Erzählungsband «Raumforderung» (2007) erhielt Thomas Melle den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis. Sein Debütroman «Sickster» (2011) war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde mit dem Franz-Hessel-Preis ausgezeichnet. Thomas Melle lebt in Berlin.

Über dieses Buch

Denise kommt mehr schlecht als recht mit ihrem Leben klar. Sie arbeitet im Discounter, ihre kleine Tochter Linda überfordert sie oft; eine langersehnte New-York-Reise bleibt ein — immerhin tröstlicher — Traum. Mit dem Lohn für einen Pornodreh will sie endlich weiterkommen, aber man lässt sie auf ihr Geld warten. Immer öfter steht Anton an ihrer Kasse, der abgestürzte, verschuldete Ex-Jurastudent, der im Wohnheim schläft. Vorsichtig kommen sich die beiden näher. Während Denise wütend, aber auch stolz um ihr Recht und für ihre Tochter kämpft, während Anton seiner Privatinsolvenz entgegenbangt, arrivierte frühere Freunde trifft, mal Hoffnung schöpft und sie dann wieder verliert, entwickelt sich eine zarte, fast unmögliche Liebe. Beide versuchen, sich einander zu öffnen, doch als Denise endlich ihr Geld bekommen soll und Antons Gerichtstermin naht, müssen sie sich fragen, wie viel Nähe ihr Leben wirklich zulässt …

Thomas Melle erzählt von einer Liebe am unteren Rand der Gesellschaft, von der menschlichen Existenz in all ihrer drastischen Schönheit und Zerbrechlichkeit — ein zärtlicher, heftiger Roman über zwei Menschen und die Frage, was dreitausend Euro wert sein können.