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Bolitho trat zurück und blickte zu dem Schiff hinüber, während zwei Gruppen seiner Leute das Boot ins seichte Wasser schoben. Vorher waren meistens fünf Mann in dem Boot gewesen, nie mehr als sechs. Er beobachtete, wie die ausgewählten Matrosen über die Bordwand kletterten und die Riemen auslegten, die sie mit alten Verpflegungssäcken und Stoffetzen umwickelten, um den Lärm zu dämpfen. Er sah, wie Miller dem Getöteten das Hemd herunterriß, wobei er sich mit einem Fuß gegen die Leiche stemmte, um besseren Halt zu finden.

Miller war wahrscheinlich mehr als jeder andere in seinem Element. Er hatte den Krieg und gefährliche Nahkampfunternehmen, Geschützfeuer und manchen riskanten Einsatz überstanden, ohne auch nur einen Kratzer davonzutragen. Als Bootsmannsmaat überragte er den Durchschnitt weit. Doch im Kampf von Mann zu Mann zeigte er sich von einer anderen Seite: als Killer.

Allday sagte:»Ich übernehme die Ruderpinne. «Er sah Bolitho an.»Sind Sie bereit, Captain?«Seine Stimme klang so unbeteiligt, als ginge es zu einer Spazierfahrt. Bolitho kannte ihn gut genug, um zu wissen, was sich hinter der Gelassenheit verbarg. Wie bei ihm selbst waren Alldays Nerven scharf angespannt. Erst wenn es um die endgültige Entscheidung ging, würde er seine wahre Natur zeigen. Das Boot hob und senkte sich auf den Wellen, die Männer schoben es in tieferes Wasser, während weitere Leute hineinkletterten und sich flach auf dem Boden ausstreckten.»Genug«, befahl Bolitho und sah sich nach Quare und Midshipman Swift um.»Bleiben Sie mit den übrigen Männern außer Sicht, wenn Sie können. Falls noch weitere Piraten von Land her auftauchen, dann wissen Sie, was Sie zu tun haben.»

Er nickte dem Sergeanten zu. Die Arbeit der Marinesoldaten war getan, und wenn der Angriff fehlschlug, sollten Quare und seine kleine Gruppe sich versteckt halten und warten, bis Herrick sie abholte.

Als letzter kletterte er selbst in das Boot, den blanken Degen gegen die Brust gepreßt.

Allday beugte sich vor.»Ablegen«, befahl er.»Nicht so laut, ihr Mistkerle!»

Die Wolkendecke war inzwischen dichter geworden. Das mochte einen tropischen Regenguß ankündigen, aber bis dahin würde noch einige Zeit vergehen. Bolitho verdrängte seine Zweifel. Wenn er auf Regen warten wollte, um ihre Annäherung besser zu tarnen, konnte es womöglich ewig dauern. Er musterte die keuchenden Männer an den Riemen. Das Boot hatte erst wenige Meter zurückgelegt, und schon fanden sie es mühsam, die reglose Last ihrer Passagiere zu befördern. Wenn er den Angriff jetzt abgebrochen hätte, wären sie nicht wieder für den Kampf zu begeistern gewesen.

Keen fragte flüsternd:»Soll ich die Schwimmer jetzt losschicken, Sir?»

Bolitho nickte; zwei Gestalten, deren nackte Körper in dem stark gedämpften Mondlicht nur schwach schimmerten, erhoben sich und glitten über die Bordwand, fast ohne ein Plätschern zu verursachen.

Bei der Lagebesprechung auf der Insel hatte alles gefährlich und schwer ausführbar geklungen. Aber jetzt schien es unmöglich zu sein. Bolitho riß seinen Blick von den Schwimmern los und konzentrierte sich auf das Schiff. Nun wirkte es massig und schien schon dicht vor ihnen zu liegen. Ganz bestimmt würde sie bald jemand anrufen. Vielleicht waren sie auch schon gesehen und erkannt worden, und die Geschütze wurden in aller Stille auf sie gerichtet. Bolitho hörte einen der Ruderer fluchen und gleich darauf erschreckt keuchen, als sich im Wasser etwas zwischen Bootswand und seinen Riemen wälzte. Es war eine Leiche, die sich auf den Rücken drehte, wie es ein Schläfer im Bett tun mochte: der Tote, der über Bord geworfen worden war und den die Strömung dem Ufer zutrieb, statt aus der Bucht hinaus.

«Langsamer, Allday.»

Bolitho griff nach der Pistole in seinem Gürtel. Sie mußten den Schwimmern Zeit lassen, das Ankertau zu erreichen und unentdeckt an Bord zu klettern. Es ging alles viel zu glatt.

Aber warum auch nicht? Die Piraten — oder was sie sonst waren — hatten ein ganzes Kriegsschiff geblufft und sogar einen britischen Offizier, der zu ihnen an Bord gekommen war, von ihrer Legalität überzeugen können. Nun lagen sie sicher in einer Bucht verankert, mit ausgestellten Wachtposten an Land — warum sollten sie sich nicht unangreifbar fühlen?

Als der Anruf kam, war er laut und überraschend.»Boot ahoi?«Eine englische Stimme. Allday nahm die zwei leeren Flaschen zwischen seinen Füßen und zerschmetterte sie in der Bilge, warf den Kopf zurück und brach in ein dröhnendes Gelächter aus. Bolitho vernahm mehr Stimmen auf dem Schiff, aber keinen weiteren Anruf. Das Flaschengeklirr war überzeugender gewesen als jede Parole.

«Ich habe einen von uns im Vorschiff gesehen, Sir. «Miller hatte den Kopf vorsichtig über die Bordwand des Bootes gehoben.»Bei Gott, sie sind oben. Sie haben es geschafft!«Das Boot war jetzt fast längsseit, und Bolitho erkannte die Schanzkleidpforte und daneben zwei dunkle Gestalten, die ihre Annäherung beobachteten. Er konnte das Schiff auch riechen, diese vertraute Mischung aus Teer und Hanf. Einer der beiden Beobachter wandte sich dem Vorschiff zu, als dort in einem kurzen Aufleuchten des Mondes eine Gestalt sichtbar wurde; sie schwankte nach beiden Seiten und griff haltsuchend in die Wanten.

Allday flüsterte:»Das ist Haggard, Captain. Als Schauspieler besser als auf dem Mast, wie es scheint. «Haggard zog jetzt die Aufmerksamkeit der Wache voll auf sich. Würdevoll richtete er sich plötzlich auf und stürzte dann mit einem lauten Klatschen ins Wasser. Zweierlei ereignete sich jetzt fast gleichzeitig: Die Wachtposten verließen die Pforte und verschwanden in Richtung Vorschiff — in der Annahme, daß da einer der Ihren über Bord gegangen war. Und dann scholl aus der Dunkelheit heftiges Spritzen, als ob etwas mit großer Geschwindigkeit durchs Wasser geschleppt würde. Alle hörten Haggards Aufschrei: «Mein Bein!«Sein nächster Schrei brach unvermittelt ab, als er unter Wasser gerissen wurde.

Bolitho nahm dies alles wahr, als er in den Bug des Bootes stürmte, wo schon Enterhaken über die Reling der Eurotas geworfen wurden. An Haie hatte er nicht gedacht und nie geglaubt, daß sie in die Bucht eindringen würden. Doch die treibende Leiche mochte einen angelockt haben, der Haggard jetzt zwischen diesen gräßlichen Kiefern zermalmte.

Er hörte sich selbst brüllen:»Vorwärts, Leute! Drauf!«Das brach den Bann. Die eben noch schreckstarren Matrosen sprangen alle gleichzeitig auf und kämpften wie die Wilden, um die Sprossen des Seefallreeps zu erreichen. Auf der Gangway ging eine Pistole los, und eine Kugel fuhr singend an Bolithos Gesicht vorbei, als er sich an Deck schwang. Die beiden Wachtposten standen erstarrt im gedämpften Mondlicht, einer blickte Bolitho entgegen, und der andere stierte immer noch zum Vorschiff, als erwarte er, daß der gräßliche Hilfeschrei sich wiederholte. Matrosen drängten an Deck, stießen sich gegenseitig beiseite in ihrer Gier, die beiden Posten zu erreichen. Entermesser zischten durch die Luft, und die beiden fielen ohne einen Laut.

Von der Kampanje her ertönten weitere Schreie; mehr Piraten schienen durch die Vorderluke aufs Vorschiff zu klettern.

Aber Keen und seine Leute stürmten schon auf den Laufgängen nach vorn, feuerten auf die Luke und den Steuerbord-Kranbalken, wo ein Mann kauerte, sei es, um nach dem Hai auszuspähen oder um sich zu verbergen. Bolitho stürmte blindlings zur Kampanje, stürzte beinahe über eine Gestalt, die hinter einem Niedergang hervor ihm in den Weg trat. Er duckte ab und stieß mit dem Degen zu, spürte, wie er gegen Metall traf, als der Mann seinen Angriff parierte. Degengriff an Degengriff, drängten sie auf das Ruder zu. Matrosen stürmten an ihnen vorbei, während andere innehielten, um hastig nachzuladen. Aus der Ferne vernahm Bolitho Musketenfeuer und wußte, daß Quare mit den Wachtposten an Land zusammengestoßen war. Doch er fühlte nur eines: kalten Haß gegen den

Mann, der ihm den Weg versperrte. Der Atem des Mannes, sein Schnapsgestank, die Wärme seines Körpers, das alles schien unwirklich.