Er wandte sich wieder den Fenstern zu. Mrs. Raymond war eine sehr schöne Frau, hatte er gehört. Er nahm an, daß sie lediglich als Begleitung ihres Mannes mitgekommen war. Sie würde kaum in die Gesellschaft von Sydney passen: Beamte, Milizionäre, deren Ehefrauen und Mätressen. In Cornwall hatte Sayer mehr gesellschaftliche Veranstaltungen erlebt als hier draußen. Nicht ganz das Richtige für eine Dame aus guter Familie. Er hörte das Stampfen von Füßen, das Trillern der Bootsmannspfeifen, als Seite gepfiffen wurde, um den besuchenden Kapitän gebührend zu empfangen. Sayer wandte sich der Tür zu und riß sich zusammen. Als Bolitho eintrat, sah er genauso aus wie am Vormittag. In seiner Paradeuniform, den goldbetreßten Hut unter dem einen Arm, war er ein Mann nach dem Herzen jeder Frau. Er war stark von der Sonne gebräunt, und sein schwarzes Haar mit der rebellischen Locke über dem einen Auge schimmerte im gedämpften Sonnenlicht wie Rabenflügel. Er wirkte gelassen und zeigte nicht mehr die verhaltene Spannung, die Sayer an ihm bemerkt hatte, als er zum erstenmal in den Hafen eingelaufen war.»Setzen Sie sich, Richard. «Sayer sah ihn unsicher an.»Ich bin gerade vom Gouverneur zurückgekommen. Es dauerte Stunden, und ich bin halbtot vor Erschöpfung.«»Tut mir leid, Sir. Aber ich hoffe, der Besuch hat sich gelohnt.»
«Gelohnt?«Der Kommodore sah ihn grimmig an.»Ich dachte, er würde einen Anfall bekommen!«Ungeduldig öffnete er einen hängenden Weinkühler und nahm Flasche und Gläser heraus.»Verdammt, Richard, stimmt das mit Ihnen und Raymonds Frau?«Er drehte sich schnell um und verschüttete dabei Wein.»Denn wenn es so ist, dann fordern Sie Ärger heraus!»
Bolitho nahm das angebotene Glas und ließ sich Zeit. Es war vorauszusehen gewesen. Nach allem, was geschehen war, hatte es kommen müssen. Warum also die Überraschung?
Er erwiderte:»Ich weiß nicht, was man Ihnen hinterbracht hat, Sir.»
«Um Himmels willen, Richard, spielen Sie doch nicht mit
Worten! Wir sind beide Seeleute, wir wissen, wie solche Dinge geschehen. Mein Gott, nach Ihrem tollkühnen Rettungsunternehmen würde sich Ihnen heute abend in Sydney jede Frau hingeben!»
Bolitho stellte sein Glas ab.»Viola Raymond ist kein billiges Flittchen, Sir. Ich habe sie vor fünf Jahren kennengelernt. Dann glaubte ich, es sei alles vorüber, obwohl es in Wahrheit erst begonnen hatte. Sie ist mit dem falschen Mann verheiratet. Er ist ordinär, arrogant und gefährlich. «Bolitho hörte seine gelassene Stimme, wie ein zufälliger Zeuge.»Ich habe nichts anderes zu bedauern als die verlorenen Jahre. Wenn Viola nach England zurückkommt, wird sie ihre Londoner Wohnung verlassen und auf meine Rückkehr warten. «Er blickte auf, seine Stimme war ganz ruhig.»Ich liebe sie sehr. «Sayer sah ihn ernst an. Er war über diese Enthüllung betroffen, aber Bolithos Aufrichtigkeit und seine Bereitschaft, seine Hoffnungen mit ihm zu teilen, rührten ihn.
Er sagte:»Der Gouverneur schickt heute abend mit der Quail seine Berichte nach England. Dabei wird sich auch ein Antrag befinden, die Tempest in heimische Gewässer zurückzuverlegen. Das entspricht Ihren Wünschen, wenn auch nicht Ihren Gründen. Aber es wird Monate dauern, bis diese Berichte angekommen sind und beantwortet werden. Inzwischen kann alles mögliche geschehen.«»Ich weiß, Sir. Danke, daß Sie mich darüber unterrichten. «Durch die Enthüllung der Pläne des Gouverneurs hatte Sayer seine Sorge zu erkennen gegeben. Wenn Bolitho wollte, konnte er jetzt seine eigenen Berichte und Briefe mit demselben Schiff absenden. Auch wenn er keinen Einfluß besaß, hatte er doch zahlreiche Freunde. Es rührte ihn, daß Sayer sich in seinem Interesse so offen zeigte. Nachdenklich sagte der Kommodore:»Ich weiß wenig von James Raymond, aber was ich von ihm gesehen habe, halte ich für unerfreulich.»
«Wir haben beide unsere festen Positionen bezogen, Sir. «Bolitho konnte ihre Augen vor sich sehen, ihre Haut fühlen, die Berührung ihres langen, rotgoldenen Haares spüren.
«Viola wird auf meine Rückkehr nach England warten.«»Sie wird nicht nach England fahren, Richard. «Sayer war bei den eigenen Worten elend zumute.»Sie wird Raymond zu seinem neuen Amtssitz auf den Levu-Inseln begleiten müssen. «Er stand schnell auf.»Glauben Sie mir, sie hat keine andere Wahl. Der Gouverneur ist verpflichtet, Raymond zu unterstützen, und was Sie auch an Überedungskraft oder Geldmitteln aufwenden, es kann nicht dazu führen, daß Viola Raymond an Bord der Quail nach England fährt.»
Bolitho blickte ihn fest an.»Dann wird sie in Sydney bleiben, bis…»
«Möchten Sie das wirklich?«Sayer wandte sich ab.»Mit welchem hämischen Vergnügen wird man sie hier demütigen. Skandale sind bei uns gefragt, die kleinen und neidischen Geister hier leben vom Klatsch. «Bolitho wollte es nicht glauben, aber er wußte dennoch, daß Raymond für einen Skandal sorgen würde. Wenn er sie schon nicht auseinanderbringen konnte, würde er dafür sorgen, daß sie in Bedrängnis gerieten.»Aber in der Südsee, Sir?«gab Bolitho zu bedenken.»Wie lange kann eine Frau das aushallen? Hier ist es schon schlimm genug, aber Sydney ist geradezu luxuriös im Vergleich zu den abgelegenen Inseln. Viola hat das alles schon einmal durchgemacht. Kein Mann, kein anständiger Mann, könnte so viel von einer Frau verlangen, und schon gar nicht von ihr.»
«Ich weiß. «Sayer sah ihn bedrückt an.»Aber Raymond steht unter Erfolgszwang. Er wird auch Deportierte mitnehmen und den Anschein einer ordnungsgemäßen Besiedlung bieten.»
Bolitho lehnte sich zurück. Seine Augen nahmen nichts mehr wahr.
An jenem dritten Abend an Bord der Eurotas war er zu ihr in die große Kajüte gegangen. Sie teilte sie nur mit dem jungen Mädchen, das sie unter ihre Fittiche genommen hatte. Das bedauernswerte Geschöpf sprach kaum ein Wort, stand noch unter Schockeinwirkung und wurde von Entsetzen gepackt, wenn ein Mann nur in seine Nähe kam.
Aber für Vi ola tat sie alles.
Auch Raymond war eine eigene Kajüte zugeteilt worden, genau wie damals, als er auf Bolithos Schiff Passagier gewesen war. Doch diesmal bestand ein Unterschied. Verzweiflung, Sehnsucht und die überwältigende Erlösung, sich wiedergefunden zu haben, ließ sie beide alle Vorsicht vergessen.
Er konnte wieder Violas Stimme hören, als ob er mit ihr zusammen sei und nicht mit Sayer.
«Wir sind auf einem Geisterschiff, mein Geliebter. Ganz allein. Ich sehne mich so sehr nach dir, daß ich mich schäme. Und ich brauche dich so sehr, daß du dich vielleicht meiner schämst.»
Er kehrte in die Wirklichkeit zurück, als Sayer sagte:»Sie erhalten Befehl, die Eurotas zur Levu-Gruppe zu begleiten. «Sayer sah das Erschrecken in Bolithos Augen, versuchte, sich vorzustellen, was er unter ähnlichen Umständen empfunden hätte: gezwungen, die Frau, die er liebte, zu beobachten, aber unfähig, sich ihr zu nähern.»Dem Gouverneur stehen keine anderen Streitkräfte zur Verfügung, und Tuke könnte einen weiteren Überfall planen.»
«Ich werde ihn umbringen«, sagte Bolitho leise.
Sayer blickte zur Seite. Wen meinte er — Tuke oder
Raymond?
Als Bolitho wieder sprach, klang seine Stimme gefaßt. Zu gefaßt.»Wieviel Zeit haben wir, Sir?«»Einige Tage. Da die Jahreszeit stürmischer wird und die Verzögerung bereits beträchtlich ist, muß alles nur noch schneller gehen. «Er versuchte, nüchtern zu sprechen.»Noch eines, Richard: Sie werden hier in Sydney nicht mit ihr zusammenkommen. «Er sah, wie Bolitho auffuhr.»Und als persönlichen Gefallen für mich möchte ich Sie bitten, an Bord zu bleiben, bis Sie Anker lichten. Außer in dienstlichen Angelegenheiten und Dingen, die Ihr Schiff betreffen, sollten Sie nicht an Land gehen. «Bolitho stand auf.»Verstehe.»
«Gut. Ich habe zu viel Respekt vor Ihnen, um Ihnen eine Predigt zu halten. Aber die Zeit vergeht, altes Leid wird vergessen. Sie werden Ihren ganzen Elan brauchen, Tuke ist ein bösartiger Pirat und kein Held, wie manche Legenden von ihm behaupten. Ich glaube, daß er seine speziellen Dienste hier irgend jemandem verkaufen will. Darum rüstet er sich auf unsere Kosten aus. Vielleicht sucht er durch einen Kaperbrief den Anschein der Legalität zu erwerben, als Söldner zu gelten, statt als gejagter Pirat. Das ist durchaus üblich. «Er senkte die Stimme.»Und dann haben Sie noch Raymond gegen sich, der Sie belauert und nur darauf wartet, daß Sie einen Fehler machen.«»Die Franzosen und Spanier sind schon lange an diesen Gewässern interessiert, wenn auch bisher ohne nennenswerten Erfolg«, sagte Bolitho. Er empfand nichts. Die Aussicht auf eine neue Mission, die Möglichkeit, Tuke zu stellen und zu vernichten, versetzte ihn nicht in Erregung. Sayer nickte.»In den letzten Depeschen war von Hungersnot und Aufruhr in Frankreich die Rede, sogar in Paris. Der König ist also zu beschäftigt, um sich mit uns zu befassen. Aber Spanien?«Er hob die Schultern.»Doch gleichgültig, welche Flagge dieser Teufel zeigt, ich wünsche, daß er gefangen und gehängt wird, ehe sich der Brand ausweitet. Eine gute Nachricht gibt es allerdings: Die Bounty ist verschwunden, vermutlich untergegangen. Es würde mich nicht wundern. Eine Sorge weniger.«»Sir?«Bolitho sah ihn verständnislos an. Sayer kam durch die Kajüte und packte ihn am Arm.»Lassen Sie nur, Sie waren eben meilenweit entfernt. Aber fassen Sie Mut und tun Sie Ihre Pflicht. Alles andere wird sich von selbst lösen. «Bolitho erwiderte:»Jawohl, Sir.»