Stärke und Richtung des Windes blieben fast gleichmäßig günstig bis zum vierten Tag nach Gibraltar. Bis dahin war das Geschwader gut 420 Meilen gesegelt. An Bord der Hyperion konnte sich niemand an eine so schnelle Reise erinnern. Es hatte kaum Zwischenfälle gegeben. Gegen Abend des vierten Tages schoß der Wind plötzlich nach Nordosten aus und flaute etwas ab. Bolitho fand jedoch, als er an der Luvseite des Achterdecks stand und die prachtvolle, kupferrot glänzende untergehende Sonne bewunderte, er könne zufrieden sein. Die Schiffe waren gut zusammengeblieben; sogar jetzt konnte er, wenn er über den stampfenden Bug nach vorn blickte, die Rümpfe der Transporter in dem seltsamen Licht so aufglänzen sehen, als wären sie aus poliertem Metall. Das größte Schiff, die Erebus, führte; ihr folgte in angemessenem Abstand als zweite die Vanessa. Beide waren gutgeführte Schiffe, und wie sie da im schwindenden Sonnenlicht glänzten, sahen sie mit ihren aufgemalten falschen Stückpforten und der straffen Takelage tatsächlich wie Kriegsschiffe aus. Nach ihnen kam die Justice. Ihr Rumpf war von stumpfem Schwarz, denn sie lag schon im Schatten. Ihre Matrosen arbeiteten noch in der Takelage, um wie auf den anderen Schiffen die Segel für die Nacht zu kürzen.
Das Sausen des Windes im Rigg wurde unvermittelt übertönt von Gelächter aus der Offiziersmesse. Vermutlich, dachte Bolitho, nützten die Leutnants ihre Freiwache und die seltene Gelegenheit, eine Dame zu bewirten, nach besten Kräften aus.
Er verschränkte die Hände auf dem Rücken und nahm seinen Spaziergang längs der Luvreling wieder auf, wobei ihm die beiden Rudergasten und Dalby, der Wachoffizier, interessiert zuschauten. Letzterer hatte sich diskret nach Lee verzogen.
Merkwürdig, wie Cheney Seton das ganze Schiff im Sturm erobert hatte. Obwohl sie sich immer nur kurze Zeit bei der Kampan-je aufhielt, fanden sich jedesmal eine ganze Anzahl Matrosen ein, die dort eigentlich gar nichts zu suchen hatten, und lächelten ihr freundlich zu — oder starrten sie auch bloß an wie eine Erscheinung.
Gimlett war natürlich in seinem Element. Wie eine Gluckhenne bemutterte er Cheney Seton und schützte sie gegen jeden Eindringling energischer, als Bolitho es ihm je zugetraut hätte. Und sie hielt ihr Wort. Sie ging Bolitho aus dem Weg und tat nichts, was sie auch nur von fern mit der Schiffsführung in Konflikt bringen konnte.
Je heftiger ihm die Gedanken durch den Kopf schossen, um so schneller wurden auch seine Schritte; denn ihm war wieder einmal klar geworden, daß Miss Seton es gerade durch ihre Zurückhaltung erreicht hatte, nicht sich, sondern ihn zu isolieren, und zwar noch stärker als sonst. Vielleicht war sie nur aus diesem Grund Inchs
Einladung zum Dinner in der Offiziersmesse gefolgt. Halb und halb hatte Bolitho erwartet, ebenfalls eingeladen zu werden, aber das hatten sie nicht getan. Wie er auf dem immer dunkler werdenden Deck auf und ab ging und dem Klatschen seiner Schuhsohlen auf den Planken lauschte, hoffte er fast, daß irgend etwas Unvorhergesehenes, etwa ein Windwechseln eintreten möge, damit er» Alle Mann «pfeifen lassen und die fröhliche Gesellschaft dort unten stören konnte. Jedesmal, wenn er sich in seinem engen Kartenraum zur Ruhe begab, konnte er sich kaum an den Gedanken gewöhnen, daß das Mädchen nur ein paar Fuß von ihm entfernt schlief oder in seiner eigenen Kajüte speiste, während er sich verkroch wie ein unartiger Schuljunge. Noch seltsamer war, daß er auch nach vier Tagen kaum mehr von ihr wußte, als in der Minute, als sie an Bord gekommen war. Was er über sie gehört hatte, waren Informationen aus dritter oder vierter Hand, und um so rätselhafter, weil sie unvollständig waren. Der Steward des Midshipmanlogis hatte Mids-hipman Piper seinem Kameraden Caswell erzählen hören, was Seton ihm über seine Schwester anvertraut hatte. Der Steward hatte es natürlich Gimlett weitererzählt, der mit sichtlichem Widerstreben und nur unter Prügelandrohung einiges davon Allday enthüllt hatte. Und dieser wiederum hatte, etwa während Bolitho sich rasierte oder er ihm, wenn das Schiff mitten in der Nacht in eine heftige Bö geriet, in seinen schweren Bordmantel half, beiläufig darüber gesprochen. Bolitho hatte es ebenso beiläufig zur Kenntnis genommen und somit nicht nur Zeit gespart, sondern auch das Gesicht gewahrt.
Als er jetzt an Deck hin und her ging, das Kinn tief im Schal vergraben, machte er sich im Geist ein Bild von dem Mädchen, das Pomfrets junge Frau werden sollte. Cheney zählte sechsundzwanzig Jahre und war bis vor kurzem in Pomfrets Londoner Haus als eine Art Haushälterin tätig gewesen. Das war Bolitho im ersten Moment ziemlich verdächtig vorgekommen, doch nach Alldays Angaben hatte Pomfret es zum beiderseitigen Vorteil so arrangiert, damit sie ihren kränklichen Vater pflegen konnte, der aus irgendeinem Grund, den Bolitho nicht erfuhr, in diesem Hause wohnte, als sei es sein eigenes. Ihr Vater war jetzt tot, und sie hatte auf der ganzen Welt nur noch ihren Bruder. Ihre Mutter war bei einem Aufstand auf Jamaika umgekommen; revoltierende Sklaven hatten die Setonsche Farm überfallen, mehr weil sie in ihrem Weg lag, als aus irgendeinem besonderen Grund. Bolithos Stirnrunzeln vertiefte sich. Das war interessant. Pomfret war damals einem vor Jamaika operierenden Geschwader zugeteilt gewesen und wahrscheinlich irgendwie mit den Setons bekanntgeworden; zumindest in jenen Tagen mußte die Familie des Mädchens ziemlich wohlhabend und einflußreich gewesen sein. Aber was danach geschehen war, daraus wurde Bolitho nicht ganz klug. Nur eines war klar: ihre trotzige Haltung, die er zunächst für angeborene Arroganz gehalten hatte, war lediglich Notwehr. Es konnte nicht leicht für sie gewesen sein, allein in London zurechtzukommen. Ein letztes Stückchen Information hatte ihm Allday erst heute früh verpaßt: Pomfret hatte die Vormundschaft über Midshipman Seton übernommen. Anscheinend lag dem Admiral sehr viel daran, seine Position bei dem Mädchen zu stärken, dachte Bolitho.
Leutnant Dalby kam über das stockdunkle Deck und faßte an den Hut.»Alle Lampen brennen vorschriftsmäßig«, meldete er.
Bolitho blieb stehen und suchte die langsamen Transporter mit den Augen. Jeder führte eine einzelne Laterne, und so waren sie auch während der Nacht untereinander ständig in Sichtkontakt. Es war seine Idee gewesen, und auch er hatte es schon als übertriebene Vorsicht empfunden. Andererseits hatte die Schaluppe Snipe, dem Konvoi weit voraus wie ein stöbernder Terrier, nachmittags signalisiert, daß sie im Südwesten ein unbekanntes Segel ausgemacht hatte. Es war seitdem nicht wieder gesichtet worden, aber man mußte vorsichtig sein. Wahrscheinlich ein spanischer Kauffahrer, dachte er, obwohl der Geleitzug ziemlich weit draußen stand, über sechzig Meilen vom nächsten Land entfernt. Immerhin waren sie im Golf von Valencia und kamen mit jedem Tag der französischen Küste näher.
«Recht so, Mr. Dalby. «Er hatte wenig Lust, sich mit dem Dritten zu unterhalten, der zu leicht ins Schwatzen kam, wenn man ihm Gelegenheit dazu gab. Doch Dalby sprach schon weiter:»Wenn sich das Wetter hält, sind wir in fünf Tagen vor Cozar, Sir. «Er schlug laut die Hände zusammen, denn nach des Tages Hitze war es jetzt empfindlich kalt.»Hoffentlich wird Miss Seton von ihrer neuen Heimat nicht enttäuscht sein.»
Das war auch ein Punkt, über den sich Bolitho des öfteren Gedanken gemacht hatte. Aber daß dieser Dalby so leichthin darüber redete, versetzte ihn in eine unvernünftige Wut.
«Kümmern Sie sich gefälligst um Ihren Dienst, Mr. Dalby«, fuhr er ihn an.»Sie hätten schon längst die Wache herausrufen und die Luvbrassen dichtholen lassen müssen, die schlagen ja wie Glockenseile!»
Dalby verschwand eiligst, und Bolitho seufzte. Es ging ihn zwar überhaupt nichts an — aber wie konnte Pomfret ein Mädchen nach Cozar holen, in diese sonnengebleichte Hölle?
Am Achterdecksniedergang bewegte sich etwas, und er sah zwei Gestalten an Deck kommen und nach Lee hinübergehen. Die eine war Cheney, fest in ihren langen Mantel gehüllt, die Kapuze überm Haar; die andere war ihr Bruder, der beim Dinner in der Offiziersmesse als Begleitung fungiert hatte; vermutlich war er über die plötzliche Beliebtheit, die ihm die Anwesenheit seiner Schwester verschaffte, höchst erfreut.