Выбрать главу

Wenn er sich so umsah, ließ sich schwer glauben, daß so viel passiert war, daß die Hyperion erst im Morgengrauen desselben Tages an der noch schwelenden Saphir vorbeigesegelt war, um den Hafen zu übernehmen. Er rückte seinen verwundeten Arm unter dem Mantel zurecht, und ein stechender Schmerz durchfuhr ihn. Wieder durchlebte er die scheußlichen Minuten, als Rowlstone ihm den Rock- und Hemdärmel aufgeschnitten, die klaffende Wunde freigelegt und von Blut und Stoffetzen gereinigt hatte, wobei das Blut von neuem aus dem tiefen Schnitt zu strömen begann. Er hatte die Zähne zusammengebissen, zögernd einen Finger nach dem anderen bewegt und Gott dafür gedankt, daß der Arzt den Arm nicht zu amputieren brauchte.

Jetzt stieg Herrick aus dem Boot, blieb neben ihm stehen und sagte:»Kaum zu glauben, daß wir in Frankreich sind, Sir. Diese Schiffe sehen aus, als ob sie seit langem hierher gehörten.»

Das stimmte. In den wenigen Stunden seit der Ankunft von Pom-frets Geschwader waren die Transporter entladen worden; dankbar, der Enge des Schiffes entronnen zu sein, hatten sich die Soldaten im hellen Sonnenlicht formiert, waren dann durch das Städtchen auf die Berge zu marschiert und hatten auch längs der Küstenstraße Stellungen bezogen. Außer Oberst Cobbans Infanterie und einer kleinen Abteilung leichter Artillerie waren noch tausend Mann spanische Fußtruppen und sogar Kavallerie mitgekommen, eine prächtige, stolze Schwadron in hellgelben Uniformröcken. Auf ihren herrlichen Pferden waren sie durch die engen Gassen getrabt, fasziniert und ehrfurchtsvoll von den Bürgern angestarrt und von den Kindern bejubelt.

Aber jetzt lag das Städtchen wie tot da, denn sobald die gelandeten Truppen von den Straßen verschwunden waren, hatte Pomfret

Ausgangssperre verhängt. Die engen Gassen, die Brücke über den Fluß wurden von britischen Marine-Infanteristen bewacht, und ständig sorgten Patrouillen dafür, daß Pomfrets Anordnungen eingehalten wurden.

Die Sperre vor dem Hafen war nicht erneuert worden, aber ein halbes Dutzend Wachboote fuhren regelmäßige Patrouillen. Die verkohlte Hulk der Saphir mochte jedermann daran erinnern, wie teuer Sorglosigkeit und Vertrauensseligkeit zu stehen kamen.

«Fahren Sie zum Schiff zurück, Allday«, sagte Bolitho.»Ich signalisiere, wenn ich das Boot brauche.»

Allday nahm Haltung an und faßte an den Hut.»Aye, aye, Cap-tain. «Seine Stimme klang besorgt, aber Bolitho beruhigte ihn:»Ich glaube nicht, daß sich dieser Besuch lange hinziehen wird.»

Wäre der besorgte Allday bei dieser Unterredung dabeigewesen, hätte sie ihm noch mehr Kummer gemacht.

Der Admiral hatte Bolitho sehr kühl empfangen. Den Bericht über den Überfall und die Ereignisse, die dazu geführt hatten, hörte er sich wortlos an, ohne eine Miene zu verziehen.

Dann sagte er ärgerlich:»Sie nehmen sich zu viel heraus! Sie kannten meine Befehle, und doch haben Sie völlig nach eigenem Ermessen gehandelt!«Dabei war er aufgestanden und in der Kajüte auf und ab gegangen.»Es wäre durchaus möglich gewesen, daß die Franzosen ein doppeltes Spiel trieben. Diese angeblich glühende Loyalität für ihren toten König konnte ebensogut ein taktisches Manöver sein, um unsere Operationen zu verzögern.»

Bolitho hatte an Charlois gedacht und an seine verzweifelte Entschlossenheit, ihn zu warnen.»Charlois hat sein Leben dafür gelassen, Sir. Ich handelte, wie ich es für richtig hielt, um eine militärische Katastrophe mit großen Verlusten an Menschen und Material zu verhindern.»

Mißtrauisch blickte Pomfret ihn an.»Aber Sie sind als erster in den Hafen eingelaufen, Bolitho vor mir und dem Geschwader! Das kam Ihnen wohl sehr gelegen?»

Bolitho entgegnete:»Ich konnte nicht rechtzeitig Verbindung mit Ihnen aufnehmen, Sir. Ich mußte so handeln.»

«Es gibt einen Punkt, an dem Hartnäckigkeit zur Dummheit wird!«Pomfret hatte sich dann nicht weiter über die Angelegenheit ausgelassen, denn in diesem Augenblick war Kapitän Dash eingetreten und hatte gemeldet, daß die Soldaten zur Ausschiffung bereit seien.

Bolitho war zu müde, zu schwach und zu krank gewesen, um sich über Pomfrets kleinliche Wut lange zu ärgern. Später, in der Erinnerung, kam es ihm so vor, als hätte der Admiral ihn tatsächlich im Verdacht gehabt, er hätte den Überfall auf die Saphir nur geplant und ausgeführt, um Ansehen, Lob und Anerkennung für sich selbst zu erringen, auch auf die Gefahr hin, sein Schiff und jeden Mann an Bord zu verlieren.

So also war diese erste Unterredung verlaufen. Jetzt sagte Bolitho zu Herrick:»Der Admiral wünscht mit den Offizieren seines Stabes ein Glas Wein zu trinken. Wir wollen lieber sehen, daß wir pünktlich sind.»

Wortlos wanderten sie durch eine enge, kopfsteingepflasterte Gasse, deren Häuser sich einander zuneigten, als wollten sie sich berühren.

Endlich fragte Herrick:»Wie lange wird es dauern, bis der Feind einen Gegenangriff auf den Hafen unternimmt, Sir?»

«Wer kann das sagen? Aber Cobban hat seine Späher ringsum aufgestellt, und zweifellos wird Sir Edmund weiter Küstenpatrouillen fahren lassen, um die Straße nach Norden zu überwachen. «Das sollte möglichst beiläufig klingen, doch konnte er seine Enttäuschung darüber, wie sich die Dinge in St. Clar entwickelten, nicht ganz verbergen. Die Anordnungen und Befehle, die Pomfret als Ortskommandant erließ, warfen einen dunklen Schatten. Diese abendliche Ausgangssperre zum Beispiel. Die Bürger hatten Schiffe und Soldaten begrüßt, als seien es ihre eigenen, hatten den grinsenden Rotröcken Blumen zugeworfen, als wollten sie zeigen, wie sehr sie an diese Unternehmung glaubten. Schließlich waren sie nicht ganz unbeteiligt daran, auch sie würden die Kosten dafür zu tragen haben — unter Umständen mit Leib und Leben.

Und die helle Begeisterung an Bord der Hyperion war sehr schnell vergangen, als Pomfret lediglich den kurzen Befehl gab, Truppen und Vorräte so schnell wie möglich auszuladen. Hätte er nur ein Wort der Anerkennung gesagt! Die Hyperion hatte fünfzehn Tote und Vermißte verloren, und zehn weitere waren schwer verwundet. Im Verhältnis zu den Verlusten, die entstanden wären, wenn sie die Saphir nicht versenkt hätten, schien das zwar geringfügig. Aber innerhalb der Schiffsbesatzung war es ein ganz persönlicher, tiefgreifender Verlust.

Pomfret hatte es sehr eilig gehabt, seine Flagge an Land zu hissen. Als Bolitho und Herrick über den schattenverhangenen Marktplatz gingen, sahen sie, daß der Admiral sein neues Hauptquartier mit größter Sorgfalt ausgesucht hatte. Es war das Haus eines reichen Weinkaufmanns, ein hübsches, großzügiges Bauwerk mit Säulenportal, von hohen Mauern umgeben. Seesoldaten mit über der Brust gekreuzten Riemen standen stramm, nervös blickende Bediente erwarteten an den hohen Doppeltüren die von den Schiffen und aus der Garnison eintreffenden Offiziere und nahmen ihnen Kopfbedeckungen und Mäntel ab.

Besorgt sah Herrick zu, wie Bolitho seinen verbundenen Arm möglichst bequem unter dem Uniformrock zurechtrückte; wieder fiel ihm auf, wie scharf die Linien um Bolithos Mund geworden waren, wie ihm der Schweiß unter der rebellischen Locke auf die Stirn trat.»Sie hätten mich allein gehen lassen sollen«, sagte er schließlich.»Sie sind noch nicht wieder hergestellt, Sir. Noch lange nicht!»

Bolitho verzog das Gesicht.»Und mir dieses schöne Haus entgehen lassen? Kommt gar nicht in Frage!»

Herrick sah sich um: die Gobelins an den Wänden, die glitzernden, wundervoll zum Raum passenden Kronleuchter.»Sir Edmund ist anscheinend der Ansicht, daß ihm ein gewisser Luxus zusteht, Sir. «Herrick sagte das mit unverhüllter Bitterkeit. Warum ist er so wütend auf Pomfret? überlegte Bolitho. Wegen der alten Geschichten oder der neuen Ungerechtigkeit, die sich der Admiral — jedenfalls nach Herricks Ansicht — mit seinem Kapitän leistete?