Unten im Boot bewegte sich Taylor etwas; Bolitho hielt inne und schaute nochmals hinunter. Auf den Spanten und Planken des Bootes stand Blut. Schwarzes Blut, nicht das Blut der Schlacht. Schwarz wie die Hautfetzen, die von Taylors zerhauenem Rücken hingen. Schwarz und aufgerissen, so daß die freiliegenden Knochen in der Sonne wie Marmor glänzten.
Der Bootsmaat blickte hoch und fragte gepreßt:»Zwei Dutzend,
Sir?»
«Tut Eure Pflicht.»
Bolitho setzte den Hut wieder auf und sah starr auf den nächstliegenden Zweidecker. Der Maat holte aus und schlug mit furchtbarer Kraft zu,
Bolitho hörte Schritte neben sich, und dann Broughtons gelassene Stimme:»Er scheint es ja ganz gut auszuhalten. «Ohne Anteilnahme, ohne echtes Interesse, nur eine beiläufige Bemerkung.
Ebenso unvermittelt wie es begonnen hatte, war es vorbei, und als das Boot ablegte und weiter zum nächsten Schiff fuhr, sah Bolitho, wie Taylor versuchte, den Kopf zu heben und zu ihm hinaufzublicken. Aber er schaffte es schon nicht mehr.
Bolitho wandte sich weg; ihm wurde übel beim Anblick des verzerrten Gesichts, der zerbissenen Lippen, dieses Stückes Fleisch, das einmal John Taylor gewesen war.
«Lassen Sie die Leute wegtreten, Mr. Keverne«, sagte er rauh. Unwillkürlich sah er der sich neu formierenden Prozession nach. Zwei Schiffe noch. Taylor würde es bestimmt nicht überleben. Ein jüngerer Mann vielleicht. Aber Taylor nicht.
Wiederum, ganz dicht an seinem Ohr, hörte er Broughtons Stimme:»Wenn er nicht früher unter Ihnen gedient hätte — auf der Sparrow, nicht wahr? — , dann würden Sie es nicht so persönlich nehmen und wären nicht so — äh — empfindlich.»
Da Bolitho nicht antwortete, fuhr er fort:»Ein Exempel mußte statuiert werden. Die Leute werden es nicht vergessen.»
Bolitho richtete sich auf und sah Sir Lucius voll ins Gesicht. Mit fester Stimme entgegnete er:»Und ich auch nicht, Sir.»
Sekundenlang sahen sie einander in die Augen, dann ließ Broughton das Visier wieder fallen.»Ich gehe wieder nach unten. Setzen Sie zu gegebener Zeit das Signal an alle Kommandanten.»
Bolitho bemühte sich, seiner Gedanken, seines Zornes, seines Ekels, seines Abscheus wieder Herr zu werden.
«Mr. Keverne, der Midshipman der Wache soll folgendes Signal vorbereiten: >Alle Kommandanten an Bord des Flaggschiffs!»«
«Wann soll es gehißt werden?«fragte Keverne. Die Frage schien ihm bedeutungsschwer.
Jemand sang aus:»Signal von der Valorous, Sir: >Gefangener bei Strafvollzug verstorben«.»
Mit einem langen Blick auf Keverne sagte Bolitho:»Jetzt.»
Damit drehte er sich kurz um und schritt nach achtern in seine Kajüte.
V Ein schlechter Anfang
Pünktlich um zwei Glasen der Vormittagswache kam Vizeadmiral Sir Lucius Broughton auf das Achterdeck der Euryalus, ließ sich von einem Midshipman ein Teleskop reichen und musterte, eins nach dem anderen, jedes Schiff seines Geschwaders.
Bolithos Auge schweifte rasch über das Deck, wo Geschützbedienungen exerzierten, die Mr. Meheux, der Zweite Offizier mit dem runden Gesicht, jetzt, da der Admiral an Deck war, besonders scharf herannahm.
Es war drei Tage her, daß sie in Falmouth Segel gesetzt hatten, drei lange und langsame Tage, in denen sie nur etwa vierhundert Meilen geschafft hatten. Bolitho faßte die Achterdecksreling fester; er stand schräg geneigt auf dem stark krängenden Deck, denn die Euryalus segelte wie die anderen Schiffe schwer und langsam auf Backbordbug; die riesigen Rahen waren rundgebraßt, und die Marssegel hatten in der kräftigen Brise eisenharte Bäuche.
Nicht daß schlechtes Segelwetter gewesen wäre; ganz im Gegenteil. Am Rande der Biskaja zum Beispiel hatte Steuermann Partridge gesagt, er habe sie selten so zahm erlebt. Doch jetzt, unter dem auffrischenden Nordwest, sah man bis zur Kimm nichts als kabbelige, weißköpfige Wellen — anscheinend war die beste Zeit vorbei. Bald würde man reffen müssen.
Sobald sie klar von Land gewesen waren, hatte Broughton die Schiffe voll aussegeln lassen, damit ihre guten und schlechten Eigenschaften, die Stärken und Schwächen seines neuen Geschwaders deutlich wurden.
Wieder blickte Bolitho rasch und verstohlen zum Admiral hin und fragte sich, was er jetzt nach dieser Musterung wieder auszusetzen oder anzuordnen haben würde.
Auf jedem Flaggschiff war sich der Kommandant ständig der Anwesenheit seines Admirals bewußt, mußte jede seiner Stimmungen oder Launen hinnehmen und daraus seinen eigenen Plan für einen geordneten Dienstbetrieb entwickeln. Und doch wunderte sich Bolitho ständig aufs neue darüber, daß er Broughton so gut wie gar nicht kannte. Sein Alltag schien, mit sehr geringen Abweichungen, nach der Uhr zu verlaufen: Frühstück um acht, Mittagessen um halb drei, Abendbrot um neun. Punkt neun Uhr kam er jeden Morgen an Deck und tat, was er jetzt tat. Allenfalls fiel eine gewisse Starre an ihm auf, und das nicht nur in seinen persönlichen Gewohnheiten. Zum Beispiel hatte er gleich am ersten Tag seine Kampftaktik im Verband durchexerziert. Ganz ungebräuchlicherweise fuhr er die Euryalus an dritter Stelle der Gefechtslinie, mit nur einem einzigen Vierundsiebziger, der Valorous, hinter sich.
Während die Schiffe im achterlich anlaufenden Seegang mühsam seinen kurzen Befehlen nachkamen und Kurs zu halten versuchten, hatte Broughton gesagt:»Man muß die Kapitäne ebenso studieren wie die Schiffe, die sie kommandieren.»
Bolitho hatte sofort verstanden, was er meinte, und fand es im Grunde richtig.
Unter Umständen war es sinnlos, das kampfstärkste Schiff, besonders wenn es die Admiralsflagge führte, gleich als erstes in die feindliche Gefechtslinie zu segeln. Es konnte manövrierunfähig werden und gerade dann nutzlos sein, wenn es am nötigsten gebraucht wurde. Besser war es, wenn der Admiral mehr Zeit gewann und Informationen über die Absichten des Feindes sammeln konnte.
Auch ohne Glas konnte Bolitho die vordersten Schiffe gut beobachten. Sie hielten die Stationen, die Broughton gleich anfangs befohlen hatte. An der Spitze der Gefechtslinie, von den schwellenden Marssegeln und der Fock des zweiten Schiffes fast verdeckt, fuhr der Zweidecker Zeus. Das war ein älterer Vierundsiebziger, ein Veteran des >Glorreichen Ersten Juni«, der Seeschlacht von St. Vincent und mehrerer kleinerer Aktionen. Kapitän Robert Rattray kommandierte sie seit drei Jahren und war wegen seiner ebenso aggressiven wie hartnäckigen Gefechtsführung bekannt, ein bulldoggenhafter Charakterzug, der sich deutlich auf seinem breiten, verwitterten Gesicht abzeichnete. Genau der richtige Kommandant, um, wenn man die Stärke des Feindes prüfen wollte, die erste krachende Breitseite hinzunehmen. Ein ausgekochter Berufsseemann, der jedoch außer sturer Pflichterfüllung und brennender Kampfgier nicht sehr viel im Kopfe hatte.
Kapitän Falcon von der Tanais, dem zweiten Vierundsiebziger, war ganz das Gegenteil. Ein melancholischer, nachlässig gekleideter Mann mit schwerlidrigen, nachdenklichen Augen, der jeden Befehl ohne zu fragen ausführte, darüber hinaus jedoch sowohl seine Phantasie als auch sein beachtliches Können einsetzte, um aus Rattrays erstem Anstürmen etwas zu machen.
Etwa eine Meile achteraus der Euryalus stand das letzte Linienschiff, die Valorous. Kapitän Rodney Fourneaux kommandierte sie, ein dünnlippiger, hochmütiger Autokrat. Sie hatte sich unter fast allen Bedingungen als schnelles, gut manövierbares Schiff erwiesen; und vorausgesetzt, daß sie ihre Station halten konnte, war sie dort gut plaziert, um das Flaggschiff zu decken oder um vorzustoßen und einem Schiff des Geschwaders zu helfen, das in Schwierigkeiten geraten war.