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«Jetzt hören Sie gut zu, Brice, und vergessen Sie meine Worte nicht. Wir haben einen Sonderauftrag, der vielleicht von höchster Wichtigkeit für England ist. Sie werden gut daran tun, Ihr Verhalten zu ändern, wenn Sie Ihre Heimat wiedersehen wollen.»

Brice hatte sich steif aufgerichtet.»Auf meinem Schiff wird es keinen Aufruhr mehr geben, Sir!»

Bolitho hatte sich ein Lächeln abgerungen.»Ich rede nicht von Ihrer Mannschaft. Wenn Sie noch einmal das in Sie gesetzte Vertrauen mißbrauchen, sorge ich persönlich dafür, daß Sie vor ein Kriegsgericht kommen, und daß dann Sie bestraft werden — Sie, der andere so gern bestraft!»

Jetzt trat Bolitho an die Netze und blickte hinab in die Wellen, die an der hohen Bordwand aufliefen. Das Geschwader stand etwa hundert Meilen nordwestlich von Kap Ortegal, der äußersten Ecke Spaniens. Wenn Schiffe hätten denken können — hätte sich dann die Eurya-lus an dieses Kap erinnert? Hier hatte sie unter französischer Flagge gegen seine alte Hyperion gekämpft. Hier hatten sich ihre Decks scharlachrot gefärbt, hatte die Schlacht gnadenlos getobt bis zum grimmigen Ende. Aber den Schiffen selbst war es vielleicht ganz gleichgültig. Männer starben, schrieen nach ihren halbvergessenen Frauen und Kindern, nach ihren Müttern oder nach ihren Kameraden in der Hölle. Andere vegetierten als Krüppel an Land, vergessen von der See und von den Gesunden, die ihnen aus dem Wege gingen, statt ihnen zu helfen. Aber die Schiffe segelten weiter und machten sich nichts aus den Dummköpfen, die ihre Mannschaft bildeten.

«Sir! Signal von der Zeus!«. Der Midshipman vom Dienst erwachte plötzlich zum Leben wie ein galvanisierter Frosch. Er sprang in die Wanten und hob das mächtige Teleskop ans Auge. »Zeus an Flaggschiff: >Unbekanntes Segel auf Nordwestkurs.<«Schwitzend vor Aufregung sah er zu Bolitho hinab.

Der nickte.»Ausgezeichnet, Mr. Tothill. Das ging ja fix. «Er blickte sich um — da kam Keverne schon herbeigeeilt. Wahrscheinlich bedeutete das Signal gar nichts; aber nach all dem Exerzieren und der lähmenden Ungewißheit war ihm jeder Wechsel willkommen, denn er fegte seine trüben Gedanken hinweg wie Spinnweben.

«Sir?«fragte Keverne und starrte Bolitho erwartungsvoll an.

«Exerzieren abbrechen und Bramsegel setzen!«Er blickte nach oben, und die frische Brise jagte ihm das Wasser in die Augen.»Die Bramstagsegel auch, wenn der Wind nicht noch mehr auffrischt.»

Keverne eilte hinweg, und da erschien Broughton auf dem Achterdeck. Sein Gesicht war steinern.

«Segel auf Gegenkurs voraus, Sir«, meldete Bolitho. Er sah die Erregung in den Augen des Admirals aufblitzen. Es mußte ihn schwer ankommen, äußerlich so ruhig zu bleiben.

Broughton schob die Lippen vor.»Signalisieren Sie der Auriga, sie soll sich dazwischenschieben.»

«Aye, Sir.»

Bolitho winkte dem Signal-Midshipman und konnte dabei Brough-tons Ungeduld fast physisch in seinem Rücken spüren. Erst gestern hatte er die andere Fregatte, die Coquette, mit Höchstgeschwindigkeit nach Gibraltar vorausgeschickt, um nachzufragen, ob sich an den Plänen für sein Geschwader etwas geändert hatte. Die Auriga stand weit draußen in Luv, und die kleine Korvette Restless jagte vor dem Winde herum und spürte nach französischen und spanischen Fischerbooten, um vielleicht von diesen Informationen zu erhalten. Die Reserven des Admirals waren also ziemlich beschränkt.

«Die Auriga hat bestätigt, Sir«, meldete der Midshipman.

Bolitho konnte sich lebhaft vorstellen, was an Deck der Fregatte vorging, nachdem das Signal abgelesen worden war, vermutlich von einem Midshipman wie Tothill, auf schwankendem Sitz hoch über der See. Und auch was Brice jetzt dachte, konnte er sich gut vorstellen: diese Chance, seine Position beim Admiral und im ganzen Geschwader zu verbessern, durfte er auf keinen Fall verpassen. Und mochte der Himmel jedem armen Teufel helfen, der bei einer solchen Gelegenheit unangenehm auffiel!

Bolitho nahm das große Teleskop und kletterte in die Luvwanten. Neben dem Midshipman stehend, richtete er es auf die Kimm. Die Fregatte sprang ins Blickfeld, ihre Marssegel füllten sich bereits, sie ging über Stag und flog auf das fremde Schiff zu. Er konnte sich vorstellen, wie das Sprühwasser über ihren Bug zischte, die Blöcke und Fallen knirschten, mehr und mehr Leinwand an den Rahen auswehte, um den Wind zu fangen und noch mehr Fahrt zu machen.

Bei solchen Gelegenheiten konnte man leicht vergessen, daß es Menschen wie Brice gab, dachte Bolitho flüchtig. Wie sie dort am Winde lag, bis an die Lee-Stückpforten im Gischt, war die Auriga ein wunderschönes Schiff, etwas Lebendiges, Vitales. Er wandte sich wieder an Deck und fragte:»Verfolgung aufnehmen, Sir?»

Eine erregende Sekunde lang verstanden sie einander. Er sah, wie Broughton die Zähne zusammenbiß, wie seine Augen glänzten.

«Ja. «Er trat beiseite, als Bolitho ein Handzeichen an Keverne gab.»Aber alle Schiffe sollen auf jeden Fall ihre Positionen einhalten. Sorgen Sie dafür!»

Kaum waren die Signalflaggen zur Rah hochgestiegen und ausgeweht, kamen auch schon, von allen Schiffen gleichzeitig, die Bestätigungen. Jeder Kommandant mußte darauf gewartet haben, mußte gebetet haben, daß diese monotone, Ungewisse Aufpasserei, mit der sie sich seit Falmouth herumquälten, ein Ende fand.

Hoch oben kam immer mehr Leinwand hinzu; sie donnerte und brauste, die Rahen spannten sich wie Bögen unter der Faust der Schützen, als würden sie von den Masten gerissen. Das Schiff krängte stärker, die hin und her eilenden Männer liefen im schrägen Winkel zu den Decksplanken, es sah ganz unwirklich aus. Und immer mehr, immer härter füllten sich die Segel mit Wind.

Die Stückpforten des untersten Decks mußten vollständig unter der Wasserlinie liegen; Bolitho konnte bereits die Pumpen janken hören, denn das Wasser drückte mit vermehrter Kraft gegen den Schiffsrumpf.

Aber sie kamen schon dicht an den nächsten Vierundsiebziger heran, und durch das Kreuzmuster der Stagen und Pardunen konnte Bo-litho die Offiziere auf dem Achterdeck der Tanais sehen, die zum Flaggschiff herüberspähten.

«Signalisieren Sie der Tanais, sie soll mehr Segel setzen, verdammt!«sagte Broughton gereizt und schritt zur anderen Deckseite hinüber.

«Wenn sie das macht«, murmelte Partridge hinter ihm her,»dann reißt sie sich bei Gott die Masten aus.»

«Mr. Tothill«, rief Bolitho,»hinauf mit Ihnen in den Masttopp, aber fix! Ich brauche heute ein paar gute Augen da oben!»

Absichtlich langsam ging er in Luv auf und ab, wütend darüber, daß das Geschwader trotz allem so schwer vorankam. Er versuchte sich vorzustellen, was das fremde Schiff tun würde.

«An Deck!«kam Tothills schrille Stimme vom Masttopp.»Signal von der Zeus: >Feind in Sicht! Fregatte auf Ostkurs!<»

Keverne rieb sich die Hände.»Die will nach Vigo, das ist gar keine Frage. «Er sah ungewöhnlich gespannt aus. Wahrscheinlich, dachte Bolitho, stellt er sich vor, wie es wäre, wenn er und nicht Brice die Auriga kommandieren würde.

«Es ist durchaus möglich, daß wir ihr den Weg abschneiden können, Mr. Keverne«, erwiderte er.

Brice hatte den Wind beinahe unter den Rockschößen und flog fast wie ein Vogel quer über den Kurs der langsameren, gewichtigen Linienschiffe des Geschwaders. Der Franzose konnte entweder versuchen, noch schneller zu sein als Brice, oder er konnte über Stag gehen; aber das würde ihn wertvolle Zeit kosten, denn er mußte ja nachher wieder Seeraum gewinnen. Im letzteren Falle konnten sogar die Linienschiffe Gelegenheit bekommen.

Er fuhr herum, denn Broughton schimpfte:»Die verdammte Valo-rous! Jetzt fällt sie auch noch zurück!«Er warf sein Teleskop einem