«Nun«, sagte Leutnant Meheux sehr laut,»wir jedenfalls konnten es nicht ve rhindern. Aber wenn meine Batterie so weit tragen würde, dann wollte ich sie immer noch Mores lehren.»
Mehrere Offiziere, die im Moment nichts zu tun hatten, mischten sich in die Diskussion; Allday, der für alle Fälle unter der Kampanje gestanden hatte, betrachtete sie wütend. Er sah, wie Bolitho, den Kopf in tiefem Nachdenken gesenkt, auf und ab schritt. Die anderen alle taten, als wollten sie ihn trösten, ihn und sich selber; aber in Wirklichkeit wollten sie nur die Bestätigung, daß sie nichts dafür konnten, und hatten im übrigen keinen Schimmer davon, wie dem Kommandanten zumute war.
Aber Allday wußte es. Er hatte den Schmerz in diesen grauen Augen beim ersten Anblick der verhaßten Trikolore gesehen, die Kapitän Bolitho an jenes andere Gefecht erinnerte, als er ebenfalls ein britisches Schiff unter Feindesflagge bekämpfen mußte, noch dazu eins, das sein Bruder kommandierte.
Der Kommandant fühlte die Schande der Auriga, als sei es seine eigene; und die einzige Sorge dieser hohlköpfigen jungen Hunde war, ob ihnen jemand einen Vorwurf daraus machen konnte.
Fast ohne es zu wissen, ging Allday auf Bolitho zu. Der blieb stehen; zornig blitzten seine Augen, weil er gestört wurde.
«Was ist?«Es klang eiskalt, doch Allday ließ sich nicht abschrek-ken.
«Ich hab mir das gerade überlegt, Captain. «Er hielt inne, um den richtigen Moment zum Weitersprechen abzupassen.»Die Frogs haben eben eine britische Fregatte bekommen, aber kampflos.»
«Na und?«Es klang gefährlich ruhig.
Allday grinste.»Ich sehe das so. «Er grinste noch breiter.»Dieser Dreidecker hier, zum Beispiel. Um den haben wir mit ein paar wütenden Frogs kämpfen müssen — und wir haben ihn genommen.»
Bolitho starrte ihn an.»Das ist ein verdammt blöder Vergleich! Wenn Ihnen nichts Besseres einfällt, dann gehen Sie mir gefälligst aus den Augen!«Er sprach so laut, daß sich mehrere Köpfe nach ihm umdrehten.
Langsam schlich sich Allday davon. Vielleicht hilft es etwas, dachte er, kann aber auch sein, ich hab mir diesmal den falschen Moment ausgesucht.
Aber da hörte er Bolithos Stimme und blieb stehen.
«Weil Sie gerade davon reden, Allday — «, Bolitho senkte die Lider, als Allday sich zu ihm umwandte — ,»es war wirklich eine feine Prise. Und ist es immer noch. Danke, daß Sie mich daran erinnert haben. Ich hätte nicht vergessen dürfen, was britische Seeleute leisten können.»
Allday warf einen Blick zu den still gewordenen Offizieren hinüber und ging mit leisem Lächeln wieder auf seinen Platz an der Kampan-jeleiter.
Bolitho brach das allgemeine Schweigen.»Schön, Mr. Keverne, Sie können die untere Batterie auf Stationen pfeifen lassen. Jetzt sind ja die Stückpforten nicht mehr unter Wasser, da können Sie weiterexerzieren.»
Er verstummte und sah zu den Netzen hinüber, so daß Keverne näher kommen mußte, um zu verstehen, was Bolitho etwa noch zu sagen hatte. Aber dann war er nicht sicher, ob er zuhören sollte.
«Wir treffen uns wieder, altes Mädchen«, sagte Bolitho halblaut und beinahe heiter hinter der Auriga her,»und dann sieht die Sache bestimmt anders aus.»
Achtzehn Tage, nachdem es hatte zusehen müssen, wie die Auriga vor dem Feind die Flagge strich, ging Broughtons Geschwader in Gibraltar vor Anker. Auf Grund des Zeitverlustes, der am Anfang der Reise durch Broughtons Gefechtsübungen entstanden war, kam sie noch später im Schatten des großen Felsens an, als Bolitho vorausberechnet hatte. Sie wurden von ständig wechselnden Winden behindert. Einmal, etwa neunzig Meilen westlich von Lissabon, mußten sie einen Sturm von solcher Stärke abreiten, daß die Zeus sechs Mann verlor. Und dann, gleich am nächsten Tag, trieben alle Schiffe mit schlaffen Segeln unbewegt in einer totalen Flaute; die Sonne brannte so stark, daß selbst der Routinedienst fast unerträglich wurde.
Nun ruhte sich das Geschwader aus; Sonnensegel waren aufgeriggt, zwischen Schiffen und Land krochen die Boote geschäftig wie Wasserkäfer hin und her.
Eine Stunde nach dem Ankerwerfen trat Bolitho in seine Kajüte. Dort waren bereits alle Kommandanten versammelt, denn er hatte eine Dienstbesprechung angesetzt.
Nach der langen Reise sahen sie müde und angestrengt aus; und gleich nach der Ankunft hatte sich allerlei ereignet, so daß keiner von ihnen viel Zeit zum Ausruhen gehabt hatte.
Natürlich war es Rattray von der Zeus, der davon anfing.
«Wer ist dieser Kerl, der beim Admiral ist? Kennt ihn jemand?»
Kapitän Fourneaux von der Valorous nahm sich ein Glas von dem Wein, den der Kajütsteward herumreichte, und beäugte es kritisch.»Sieht nicht nach einem Diplomaten aus, wenn Sie mich fragen. «Er wandte sein hochmütiges Gesicht Bolitho zu.»Aber im Krieg laufen einem ja seltsame >Ratgeber< über den Weg, wie?»
Lächelnd nickte Bolitho den anderen zu und trat an die offenen Heckfenster. Drüben auf der anderen Seite der Bucht lag unter einem zitternden Hitzeschleier Algeciras, wo sicher schon zahlreiche Teleskope auf das britische Geschwader gerichtet waren und Kuriere in den Sattel stiegen, um den Garnisonen im Landesinnern die Nachricht zu überbringen.
Der Mann, der an Bord des Flaggschiffes gekommen war und dessen plötzliches Auftauchen so viele Spekulationen auslöste, war sicherlich ein ungewöhnlicher Mann. Er war in der Gig des Gouverneurs eingetroffen und hatte schon beinahe die Fallreepspforte passiert, ehe die Ehrenformation zu seinem Empfang angetreten war.»Lassen Sie diesen Quatsch, wir haben keine Zeit zu verlieren«, blaffte der in eine gutgeschnittene, teure Uniform gekleidete Mann.
Sein Name lautete Sir Hugo Draffen, und trotz seiner Eleganz und seines Titels sah er aus wie jemand, der körperliche Anstrengung gewohnt war, keineswegs wie ein Müßiggänger: kräftig, untersetzt, mit tiefgebräuntem Gesicht, winzige Fältchen um die Augen, schien er in Sonnenbrand und rauhen Winden eher zu Hause zu sein als in dem milden Klima von Londons Whitehall. Broughton, der den Rest der Reise vorwiegend in seinem Logis verbracht hatte, war eilig herausgerufen worden und hatte sich dem Gast gegenüber merkwürdig still, fast unterwürfig benommen. Nach Bolithos Ansicht hatte es mit Draf-fen weit mehr auf sich, als es zur Zeit schien.
Kapitän Gifford von der Fregatte Coquette, der dem Geschwader vorausgeschickt worden war, um die neuesten Informationen einzuholen, berichtete düster:»Er kam zu mir an Bord, gleich als ich Anker geworfen hatte. «Gifford war ein langer, beinahe ungeschickt wirkender jüngerer Mann, und sein hageres Gesicht verzerrte sich bei der Erinnerung an diese Begegnung.»Ich sagte ihm, ich müsse wohl gleich wieder los und mit dem Geschwader Verbindung aufnehmen, aber er meinte, das könne ich mir sparen. «Er schüttelte sich.»Und als ich ihn fragte, wieso, da sagte er doch tatsächlich, ich solle mich um meine eigenen verdammten Angelegenheiten kümmern.»
Falcon von der Tanais stellte sein Glas ab und sagte grimmig:»Auf diese Weise brauchten Sie wenigstens die Schweinerei mit der Auriga nicht mitanzusehen.»
Die Kommandanten sahen erst Falcon und dann einander an. Bis jetzt war diese Sache noch nicht erwähnt worden.
Bolitho mischte sich ein:»Ich glaube nicht, daß wir noch lange im unklaren bleiben werden. «Ob ihnen wohl aufgefallen war, daß er als Flaggkapitän an diesem Gespräch, das eben jetzt in Broughtons Kajüte direkt unter ihnen stattfand, nicht teilnahm? Das war ungewöhnlich. Aber Draffen war anscheinend ein ungewöhnlicher Mann.