«Freut mich, Sie kennengelernt zu haben, Captain«, sagte er.»Ich glaube, wir werden gut miteinander auskommen. «Er machte Calvert ein Zeichen und fuhr ganz beiläufig fort:»Übrigens kannte ich Ihren Bruder. «Damit drehte er sich kurz um und ging zu Broughton und den anderen hinüber.
VI Im Verband
Erst drei Tage später bekam Bolitho Sir Hugo Draffen wieder zu Gesicht. Er hatte an Bord der Euryalus und auf den anderen Schiffen so viel zu tun gehabt, daß ihm wenig Zeit zum Nachdenken über Draf-fens Abschiedsworte geblieben war.
Die Tatsache, daß er Hugh gekannt hatte, verriet, daß Draffen in Westindien gelebt und gearbeitet hatte oder sogar in Amerika während der Revolution. Sonst wäre es wenig sinnvoll gewe sen, daß er so geheimnisvoll tat. Draffen war der typische Geschäftsmann, einer von denen, die Kolonien gründen halfen, um persönlichen Gewinn daraus zu ziehen. Ein gerissener Kaufmann, der auch, Bolithos Ansicht nach, ziemlich rücksichtslos sein konnte, wenn es sich so ergab.
Vielleicht war Draffens Bemerkung nur ein Eröffnungszug gewesen, um mit Bolitho in persönlicheren Kontakt zu kommen. Wenn sie in den nächsten Wochen und Monaten harmonisch zusammenarbeiten sollten, war das ganz natürlich. Aber seit sein Bruder zum Feind übergelaufen war, hatte Bolitho eine regelrechte Mauer der Vorsicht in seinem Innern aufgebaut und reagierte auf die bloße Erwähnung von Hughs Namen mit krankhafter Empfindlichkeit.
Es gab viel zu tun: Ergänzung der Verpflegungs- und Trinkwasservorräte für die Reise und Übernahme aller Ersatzteile, die man von der
Administration durch Bitten oder Bestechung ergattern konnte. War man erst einmal im Mittelmeer, so hatte man keine Basis mehr und war auf solche Lebensmittel angewiesen, die man erbeutete oder sonstwie beschaffte.
Aus einem weiteren, noch dringlicheren Grunde war Selbstversorgung nötig. Zwei Tage nach dem Ankerwerfen hatte Bolitho eine Korvette in die Bucht kreuzen sehen, die, wie es hieß, Depeschen aus England brachte.
Unverzüglich hatte Broughton ihn kommen lassen und ihm mit grimmigem Gesicht eröffnet:»Die Meuterei in der Nore hat sich ausgeweitet. Fast alle Schiffe sind in den Händen von Delegierten.«Er spie das Wort aus, als sei es Gift.»Sie blockieren die Themse und stellen der Regierung erpresserische Forderungen.»
Broughton war aufgesprungen und ruhelos in der Kajüte umhergegangen wie ein wildes Tier im Käfig.»Und Admiral Duncan sollte Blockade vor der holländischen Küste fahren. Was kann er jetzt noch tun, wenn die meisten seiner Schiffe in den Händen von Aufrührern sind und festliegen?»
«Ich werde die anderen Kommandanten informieren, Sir.»
«Ja, sofort! Die Korvette segelt gleich wieder mit Depeschen nach England zurück; es ist also kaum zu befürchten, daß unsere Leute angesteckt werden. «Etwas langsamer fuhr er fort:»Ich habe in meinem Bericht auch den Verlust der Auriga mit allen Einzelheiten geschildert. Es könnte den Franzosen einfallen, sie zu Spionagezwecken zu benutzen; je eher also unsere Flotte über ihre neue Nationalität Bescheid weiß, um so besser. Wir wissen noch nicht, ob sie die Flagge tatsächlich auf Grund einer Meuterei gestrichen hat. «Dabei hatte er Bolitho nicht angesehen.»Vielleicht waren alle Offiziere schon gefallen oder kampfunfähig, als sie Bord an Bord lagen; so kann die führungslose Mannschaft überwältigt worden sein.»
Aber offensichtlich glaubte er das ebensowenig wie Bolitho. Immerhin blieb genug Raum für Zweifel offen, daß Broughton diese Ausflüchte in seinem Bericht unterbringen konnte. Gerade jetzt konnte die Nachricht, daß ein britisches Schiff zum Feinde übergegangen war, noch mehr (und wenn möglich schlimmere) Unruhen in der Flotte auslösen.
Broughton hatte sich nicht gescheut, immer mehr Arbeit auf Bolitho abzuwälzen, während das Geschwader seeklar gemacht wurde. Die
Nachrichten von der Nore und der Verlust der Auriga hatten ihn merklich beeindruckt. Er zog sich sehr zurück und wirkte, wenn er mit Bolitho allein war, lange nicht so gelassen wie früher. Was er in Spithead mit seinem eigenen Flaggschiff erlebt hatte, schien eine tiefe Narbe in seinem Gemüt hinterlassen zu haben. Er verbrachte viel Zeit an Land, führte Besprechungen mit Draffen und dem Gouverneur, aber er fuhr immer allein und behielt seine Gedanken für sich.
Leutnant Calvert schien außerstande zu sein, seinem Admiral irgend etwas recht zu machen; sein Leben wurde schnell zu einem Alptraum. Er mochte aus sehr guter Familie stammen, war aber anscheinend vollkommen unfähig, auch nur den routinemäßigen Signalverkehr innerhalb des Geschwaders zu begreifen, der offiziell in seinen Händen lag.
Bolitho hatte den Verdacht, daß Broughton seinen Adjutanten als Blitzableiter für die eigene quälende Unsicherheit benutzte. Wenn es seine Absicht war, Calvert ein Hundeleben zu bereiten, so hatte er damit bestimmt Erfolg.
Es war jammervoll anzuhören, wie Midshipman Tothill Calvert wieder und wieder, mit allem Respekt, aber mit Nachdruck, die Einzelheiten der Signalprozedur erklärte; fast noch jammervoller war Calverts offensichtliche Dankbarkeit. Nicht daß es viel genutzt hätte. Es brauchte nur einen von Broughtons plötzlichen Wutausbrüchen, und Calverts geringer Wissensschatz war unwiederbringlich im Winde verweht.
Am Nachmittag des dritten Tages, als Bolitho die Vorbereitungen mit Keverne besprach, meldete der Wachoffizier das Eintreffen der beiden Bombenschiffe, die bereits auf Reede Anker warfen. Kurz danach kam ein Kutter längsseit, und der Bootsführer reichte einen versiegelten Brief an Bolitho herauf. Er war von Draffen und typisch kurz. Bolitho sollte unverzüglich an Bord des Bombenschiffes Hekla kommen, und zwar mit dem Boot, das den Brief gebracht hatte.
Broughton war an Land, also kletterte Bolitho, nachdem er Keverne entsprechend instruiert hatte, in den Kutter, der ihn zur Hekla hinüberbrachte.
Allday sah ihm mit schlecht verhehltem Unmut nach. Daß Bolitho ein anderes Boot als seine Kommandantengig benutzte, paßte ihm sowieso nicht, und als der Kutter von der Euryalus ablegte, überkam ihn plötzliche Angst: Wenn Bolitho irgend etwas zustieß, und er war, wie eben jetzt, allein… was dann? Noch als das Boot hinter dem Heck der Zeus verschwand, starrte er ihm nach, besorgter denn je.
In seiner ganzen Dienstzeit hatte Bolitho noch nie ein Bombenwer-ferschiff gesehen, wenn er auch oft genug von ihnen gehört hatte. Dieser Typ war zweimastig, etwa hundert Fuß lang, mit sehr gedrungenem Rumpf und niederem Schanzkleid. Das Seltsamste war die asymetrische Stellung des Fockmastes: verhältnismäßig weit achtern, so daß das Schiff aussah, als sei es ganz falsch ausbalanciert oder eigentlich ein Dreimaster, dem der richtige Fockmast in Höhe des Decks abgeschossen worden war. Ein Bombenschiff war ungefähr so lang wie eine Korvette, doch ohne deren Eleganz und Beweglichkeit, vielmehr, wie es hieß, teuflisch schwer zu segeln, sobald das Wetter auch nur etwas rauh wurde.
Als das Boot an den Rüsten festmachte, sah Bolitho Draffen allein auf dem winzigen Achterdeck stehen. Er beschattete die Augen mit der Hand und beobachtete, wie Bolitho an Bord kletterte.
Bolitho lüftete den Hut zum Empfangszeremoniell der kleinen Ehrenwache und nickte einem jungen Leutnant zu, der ihn fasziniert anstarrte.
«Kommen Sie herauf, Captain«, rief Draffen,»da haben Sie bessere Übersicht.»
Bolitho ergriff Draffens ausgestreckte Hand. Wie der ganze Mann war auch sie zäh und hart.»Dieser Leutnant da«, sagte er,»ist das der Kommandant?»
«Nein. Den habe ich hinuntergeschickt, kurz bevor Sie an Bord kamen. Tut mir leid, wenn ich damit Ihre altehrwürdigen Zeremonien störe, aber ich brauchte meine Karte aus seiner Kajüte. Schöne Kajüte übrigens — da wohnt mein Hund besser«, grinste Draffen und deutete zum Vorschiff.»Kein Wunder, daß diese Bombenwerfer so komisch gebaut sind. Jede Planke ist doppelt so dick wie bei einem anderen Schiff. Denn Rück- und Vertikalstoß sind bei diesen Dingern so stark, daß sie einen normalen Schiffsrumpf zerreißen würden.»