Выбрать главу

Draffen stand auf und stützte sich auf die Tischplatte, denn die Eu-ryalus sank soeben in ein Wellental.»Ich würde mich Ihnen gern anschließen, Captain«, sagte er und nickte Broughton gleichmütig zu.»Schiffsführung interessiert mich immer wieder, wissen Sie.»

«Äh — Moment mal«, fuhr Broughton auf. Aber als Bolitho sich zu ihm umwandte, schüttelte er abweisend den Kopf.»Nichts. Gehen Sie an Ihren Dienst.»

Auf dem Achterdeck bemerkte Draffen gelassen:»Mit dem Admiral das Quartier zu teilen, ist auch nicht die bequemste Art zu reisen.»

Bolitho lächelte.»Sie können gern meine Kajüte beziehen. Ich verbringe mehr Zeit im Kartenraum als in meiner Koje.»

Draffen schüttelte den Kopf. Seine Augen überflogen die einzelnen Divisionen, die bereits an ihren Stationen auf den nächsten Befehl vom Achterdeck warteten.»Sir Lucius und ich kommen jeder von einem anderen Pol, Bolitho. Aber es wäre ganz gut, wenn wir die gesellschaftlichen Unterschiede wenigstens einige Zeit beiseite lassen könnten.»

Bolitho vergaß Draffen und die Spannungen in der Admiralskajüte. Er wandte sich Keverne zu.»Vorbereitetes Signal hissen!«befahl er. Und als die Flaggen zur Rahe hinaufflogen und sich ungeduldig im Winde entfalteten, rief er:»Klar zur Kursänderung, Mr. Partridge!»

«Die Zeus hat bestätigt, Sir.»

In der Tat drehte das Führungsschiff bereits majestätisch auf den neuen Kurs; Marssegel und Besan killten sekundenlang, kamen aber rasch wieder unter Kontrolle. Die Tanais folgte ihrem Beispiel; der gewölbte Rumpf glänzte in dem schwindenden Licht, als sie rasch auf die neue Ruder- und Segelstellung reagierte.

Keverne hob die Sprechtrompete. Er preßte seinen schlanken Körper gegen die Reling, als wollte er das mächtige Schiff herumdrücken.

«An die Brassen!«Er deutete in den purpurnen Schatten am Fuß des Großmastes.»Mr. Collins, schreiben Sie den Mann da auf! Der stolpert ja 'rum wie 'ne Hure auf der Hochzeit!»

Unbekannte Stimmen murmelten aus der Düsternis, Partridges weißes Haar schimmerte gelb im Schein der Lampe, als er sich über den Kompaß beugte.

«Hol an! Zugleich!»

Die Männer lehnten sich zurück und holten die mächtigen Rahen herum; taktmäßig stampften die Marine — Infanteristen am Kreuzmast. Das Schiff krängte stärker, die Segel zitterten und brausten unter dem Wechsel des Winddrucks.

Bolitho lehnte sich über die Reling und suchte mit den Augen sein Schiff ab; seine Ohren nahmen das vielfältige Knarren und Stöhnen der Wanten und Stagen auf — das tat er ganz automatisch, aber es entging ihm nichts.

«Gehen Sie auf den neuen Kurs, Mr. Partridge!«Er sah zum Mast hoch, wo Broughtons Flagge und der Windstander sich langsam drehten, bis sie über den Backbordbug wiesen.

«Ost zu Süd liegt an, Sir!«Partridge trat auf die andere Seite der Bussole, als Bolitho nach achtern kam und sich über die herumschwingende Windrose beugte.

«Recht so. «Er spürte, wie das Schiff reagierte, sah die mächtigen dunklen Rechtecke der Segel im Wind wieder steif werden, als die Euryalus nun gehorsam auf neuem Kurs lief.

Es wurde jetzt rasch dunkel. In diesen Breiten war das immer so. In der einen Minute ein scheinbar nicht endenwollendes glühendes Abendrot, und dann auf einmal alles schwarz, bis auf das sahnige Weiß am Bug und hier und da einen Wellenkamm, wenn eine Bö sie streifte.

Keverne brüllte:»An die Leebrassen! Zum Donnerwetter, hol dicht! Mr. Weigall, Ihre Leute müssen besser ran!»

Über dem tiefen Saitenton von Wanten und Stagen hallten Stimmen; wahrscheinlich verfluchte der Dritte Offizier Kevernes unheimlich scharfe Augen — oder sein auf Sachverstand beruhendes Ahnungsvermögen.

Draffen hatte wortlos zugesehen, wie die einzelnen Divisionen ihre vielfältigen Aufgaben ausführten.»Hoffentlich bin ich an Bord, wenn Sie mal Gelegenheit haben zu zeigen, was sie unter vollen Segeln wirklich leisten kann!«murmelte er.

Bolitho lächelte.»Heute nacht wird es kaum dazu kommen, Sir. Wir werden die Marssegel sicherlich reffen müssen. Wenn man so eng aufgeschlossen segelt, besteht immer Kollisionsgefahr.»

Keverne kam wieder nach achtern und faßte an den Hut.

«Bitte die Wache unter Deck schicken zu dürfen, Sir.»

«Genehmigt. Das hat gut geklappt, Mr. Keverne.»

«Die Valorous ist auf Station, Sir«, erklang eine Stimme.

«Recht so. «Bolitho ging nach Luv hinüber. Er blickte den Matrosen und Seesoldaten nach, die zum Niedergang eilten, unter Deck verschwanden und ihre Logis aufsuchten. Eine vollgestopfte, strudelnde

Welt, wo sie zwischen den Kanonen schliefen, die sie in der Schlacht zu bedienen hatten, mit einer knappen Schulterbreite Raum für jede Hängematte. Was mochten sie wohl denken, wo es hinging? Und was sie da sollten?

Draffen kam wieder zu Bolitho; beim Kompaß glühte sein Gesicht im Lampenschein kurz auf. Im Gleichschritt gingen sie beide an den Finknetzen auf und ab.

«Muß ein seltsames Gefühl sein, Bolitho.»

«Was meinen Sie, Sir?«Bolitho hatte fast vergessen, daß er bei seinem ruhelosen Auf und Ab nicht allein war.

«So ein Schiff zu kommandieren. Eines, das Sie selbst in der Schlacht erobert haben. «Er redete schnell; offenbar hatte er über dieses Thema eingehend nachgedacht.»Ich an Ihrer Stelle wüßte nicht recht, ob ich ein Schiff, das ich selbst unter großer Gefahr erobert habe, auch verteidigen könnte.»

«Das kommt immer auf die Umstände an, Sir«, erwiderte Bolitho stirnrunzelnd.

«Mich interessiert das sehr. Sagen Sie, was halten Sie von der Eu-ryalus — als Schiff, meine ich?»

Bolitho blieb stehen und stützte sich auf die Achterdecksreling. Er fühlte das Holz unter seinen Händen erzittern, als sei dieses ganze komplexe Gebilde aus Holz und Hanf ein lebendes Wesen.»Sie ist sehr schnell für ihre Größe, Sir, und erst vier Jahre alt. Sie segelt gut, und auch der Rumpf ist gut gebaut. «Er wies nach vorn.»Anders als bei unseren eigenen Linienschiffen läuft die Plankung um den Bug, so daß es keine Schwachstelle gibt, die dem feindlichen Feuer ausgesetzt ist.»

Draffen zeigte die Zähne.»Ihre Begeisterung gefällt mir. Wenigstens ein Trost. Und ich dachte, Sie würden ganz anders reden. Ich hätte gewettet, daß Sie sagen, der französische Schiffsbau tauge nichts. «Er lachte leise auf.»Aber da habe ich mich anscheinend geirrt.»

«Die Franzosen sind großartige Schiffsbauer«, antwortete Bolitho gelassen.»Ihre Schiffsrümpfe sind in jeder Linie besser und schneller als unsere.»

In spöttischer Bestürzung hob Draffen die Hände.»Aber wie können wir dann gewinnen? Wie haben wir bisher siegen können, noch dazu gegen ihre zahlenmäßige Überlegenheit?»

Bolitho schüttelte den Kopf.»Die Schwäche der Franzosen liegt nicht in ihren Schiffen oder im Mangel an Mut. Es ist die Führung. Zwei Drittel ihrer ausgebildeten und erfahrenen Offiziere wurden unter der Schreckensherrschaft abgeschlachtet. Und so lange sie durch unsere Blockade in ihren Häfen eingeschlossen sind, werden sie sich auch nichts zutrauen. «Er merkte recht gut, daß Draffen ihn nur ausholen wollte, aber er sprach weiter.»Jedesmal, wenn sie ausbrechen und unsere Geschwader in ein Gefecht verwickeln, lernen sie ein bißchen mehr, bekommen ein bißchen mehr Selbstvertrauen, auch wenn ihnen der Sieg versagt bleibt. Die Blockade ist meiner Meinung nach nicht mehr das richtige Mittel. Sie schädigt Unschuldige genauso wie diejenigen, gegen die sie gerichtet ist. Klare, entschiedene Aktionen, das ist die Lösung. Den Feind treffen, wo und wie immer wir können! Der Umfang solcher Aktionen ist dabei relativ unwichtig.»

Eben wies der Wachoffizier mit schneidend böser Flüsterstimme einen Übeltäter zurecht, den der Bootsmannsmaat nach achtern gebracht hatte.

Bolitho ging weiter, Draffen im Gleichschritt neben ihm.»Aber schließlich wird eine entscheidende Konfrontation der beiden großen Flotten stattfinden.»